Im Schatten des Eiffelturms ragen prall und goldglänzend die Zwiebeltürme der neuen russisch-orthodoxen Kathedrale in den Himmel Frankreichs. Stolz und mächtig ziehen sie den Blick auf das neue Symbol der russischen Staatsmacht am Seine-Ufer. Nach dem enormen Lobbying-Aufwand und dem massiven Drängen aus Russland ist der Bau einer neuen russischen Kathedrale samt Kulturzentrum in Paris vollendet worden. Der Gesamtkomplex sollte Ende Oktober vom russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin eingeweiht werden. 170 Millionen hat der russische Staat in dieses Projekt investiert. Anscheinend nicht umsonst, denn die prachtvolle Kathedrale soll Russlands Präsenz nicht nur in Frankreich, sondern auch in Europa unterstreichen. Sie soll ein machtvolles Statement des neuen ‚russkij mir‘ darstellen – der neuen russischen Welt, die sich über die russischen Staatsgrenzen hinaus erstreckt.

Eines Abends war ich mit einem Kollegen namens Serge verabredet, der sehr gute Beziehungen zur Orthodoxen Gemeinde in der Alexander-Newski-Kathedrale im 8. Arrondissement unterhält. Die Kathedrale wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Allerdings untersteht sie nicht dem Moskauer Patriarchat, sondern dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Wir trafen uns in La Reserve de Quasimodo, einem malerischen, romantischen Restaurant in der Rue de la Colombe in der Nähe von Notre Dame.

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Wir sprachen kurz über die Einweihung, die am 19. Oktober stattgefunden hatte, sowie über den Einfluss und die Auswirkungen, die die Kathedrale auf die weiteren Beziehungen zwischen Frankreich und Russland haben werden. Serge war nicht sehr optimistisch. Er sagte, dass der gesamte Komplex, also Kathedrale, Schule und Kulturzentrum, von der russischen Botschaft gesteuert würden. Denn das ganze Baugrundstück sei direkt von der russischen Regierung gekauft worden. Mit diesem Prestigebau verfolge der Staat eindeutige geostrategische Ziele.

Allerdings, fügte er hinzu, scheine manches inzwischen schlecht angelaufen zu sein. Aufgrund der russischen Bombardierung von Aleppo sei manches böse Wort zwischen Paris und Moskau gefallen. Präsident Hollande habe Russland sogar der Beihilfe zu Kriegsverbrechen bezichtigt. Aus diesem Grund habe Präsident Putin keine Lust mehr verspürt, der Einweihungszeremonie beizuwohnen und beschloss kurzfristig, den Feierlichkeiten fernzubleiben.

Nichtsdestotrotz ist der Kirchenbau ein eindeutiges Signal für den erneuerten Machtanspruch Russlands in Frankreich und in Europa. In Wahrheit sieht Russland Europa bereits als das westlichste Bollwerk seiner neu entstandenen Eurasischen Union. Was wir beim Bau der Kathedrale neuerdings erleben, behauptete Serge, sei in der Tat ein „Yarlik“ des neuen mongolisch-turanischen Imperiums an den Westen.

Russland sieht Europa bereits als das westlichste Bollwerk seiner neu entstandenen Eurasischen Union.

Da der Begriff „Yarlik“ mir fremd war, fragte ich Serge, was er damit meinte. Serge erklärte mir, das Wort gehe auf eine Reihe von Briefen zurück, die während des 13. Jahrhunderts von mongolischen Herrschern an den Papst und sämtliche christliche Fürsten geschickt wurden. In der lateinischen Übersetzung dieser Briefe wurde Yarlik mit „preceptum Dei“ übersetzt – dem Befehl Gottes. Es war ein Ultimatum, das bekundete, es sei der Wille des Himmels, dass die Mongolen über die Erde herrschen. Die Tatsache, dass sie immer siegreich waren, wurde als Beweis ihrer Überlegenheit und ihres Herrscheranspruchs angeführt.

Serge zitierte dann einen Passus aus einem Edikt des mongolischen Herrschers Mangu Khan an Ludwig IX aus dem Jahr 1255, in dem es hieß: Preceptum eterni Dei est. In celo non est nisi unus Deus eternus, super terram sit nisi unus dominus Chingischan – Befehl des ewigen Gottes. Im Himmel gibt es niemanden ausser dem einen ewigen Gott, auf Erden gibt es niemanden außer dem einen Herrscher Dschingis Khan.“

 

Der Ruf des Ostens

Es hat schon immer russische Ethnologen, Historiker, Theologen, Geographen und Philosophen im 19. und 20. Jahrhundert sowie im gegenwärtigen 21. Jahrhundert gegeben, die behaupteten, trotz der oberflächlichen Europäisierung sei Russland in seinem Wesenskern „asiatisch“ geblieben. Sie sehen das Imperium Dschingis Khans als den unmittelbaren Vorläufer  des Russischen Reiches. Für sie sei Dschingis Khan der erste Vertreter der Einheit des Territoriums, das man gerne als Eurasien bezeichnet. Eurasien sei für diese Leute ein eigenständiger Kontinent.

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Serge behauptete, solche Ansichten seien Balsam für die russische Seele. Denn sie stehe noch immer unter dem enormen Druck der europäischen Zivilisation und deren Selbstverständnis, das sie vom alten Rom geerbt hätten. Dieses Erbe beinhalte u.a. die Überzeugung, die Westeuropäer seien die einzig zivilisierte Kultur. Diese Einstellung übertrug sich auf viele nichteuropäische Völker, deren Bildungsschichten nun anfingen, ihre eigene Tradition mit europäischen Maßstäben zu bewerten.

Viele erlagen gleichsam der Faszination der europäischen Kultur, die sie nunmehr für sich und ihre eigene Kultur beanspruchten. Das alles hatte zur Folge, dass sie ihre eigene Kultur und deren Traditionen geringschätzten und sich immer mehr der eigenen „Rückständigkeit“ bewusst wurden. Das war natürlich der Nährboden für viele Unterlegenheitsgefühle und spätere Ressentiments, die der Westen jetzt hundertfach einheimst. In Russland hat der Vergleich mit Europa ebenfalls einen Aufholwettbewerb aus einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl heraus erzeugt, das man zeitweise mit dem Gefühl der moralischen und spirituellen Überlegenheit zu kompensieren suchte.

Russland versucht sein kulturelles Minderwertigkeitsgefühl mit moralischer und spiritueller Überlegenheit zu kompensieren.

Ich fragte Serge, ob die Russen weiterhin den Anspruch auf das Vermächtnis der Eurasier erheben oder doch letzten Endes zu einem Teil Europas werden wollten. Vermutlich stünden ihnen beide Optionen offen, antwortete Serge. Anders als die älteren Eurasier, wie Nilolaj Trubetzkoj und Konstantin Leontjew, die Russland und den gesamten eurasischen Subkontinent von den kulturellen Einflüssen des Westens abschirmen wollten, wollen die neuen das „luziferische Europa“ retten. Wie die damaligen Mongolen, die auf ihren Befehl Gottes pochten, fühlen sie sich gerade jetzt dazu berechtigt, da ihre Segel vom günstigen Wind des Schicksals gebläht sind, eine größere Rolle in der Weltgeschichte zu spielen.

Präsident Putin hat unlängst die Abgeordneten des neu gewählten Parlaments aufgerufen, ihre historische Aufgabe zu erfüllen und aus Russland ein starkes Land zu machen. Denn Russland, so Putin, habe das „historische Recht“, stark zu sein. Der Politologe und Kremlberater Sergej Karaganow ging so weit, in seinem Artikel „Anatomie der Größe“ zu behaupten, dass das Streben nach Größe ein Teil des „Genoms des Volkes“ sei, das es seit der Zeit von Peter dem Großen habe.

 

Das Dritte Rom

Noch etwas, worauf Serge Wert legte, war die Überzeugung, dass es Russlands Schicksal sei, das „Dritte Rom“ zu sein. Russland sei der Erbe des byzantinischen Reiches. Nach dem Untergang von Byzanz lag es nahe, in Russland, dem einzigen souveränen orthodoxen Reich, ein drittes Rom zu sehen. Diese merkwürdige „translatio imperii“ beinhaltet den Anspruch Moskaus auf das byzantinische Reich, untermauert die russische Imperialpolitik und erklärt den russischen „Messianismus“.

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Moskau und Russland wurden zum „Neuen Jerusalem“, das die Heilserwartung der russischen Orthodoxie deutlich widerspiegelt. Obwohl die Idee des Dritten Roms nie als offizielle Staatsideologie rezipiert wurde, hatte sie dennoch in ihrer Intention unverkennbare Auswirkungen auf das erwachende Selbstbewusstsein der Russen und auf den russischen Messianismus des 19. und 20. – und vielleicht noch deutlicher – des 21. Jahrhunderts.

Serge erklärte weiter, dass, als Präsident Putin Griechenland letzten Mai besuchte, er an den Feierlichkeiten anlässlich des tausendjährigen Jubiläums der Präsenz russischer Mönche auf dem Berg Athos teilgenommen habe. Im Kloster Agios Pendeleimon, das auch „Rossikon“ genannt wird, in dem die Feierlichkeiten stattfanden, durfte sich Putin auf einen speziellen Thron setzen. Die Aufregung in Russland war groß. Eigentlich handelte es sich um ein Stasidion, einen Chorstuhl, der Staatsoberhäuptern, Ehrengästen und sonstigen Würdenträgern vorbehalten ist. Die russische Staatspresse aber hielt den Stuhl für den Thron von Byzanz. Sie behauptete, er hätte auf dem Thron der byzantinischen Kaiser gesessen. Für russische Konservative war das ein weiteres Zeichen für die wachsende Bedeutung ihres aufstrebenden Dritten Roms.

Als ich am selben Abend nach Hause fuhr, konnte ich nicht umhin, über die markante Diskrepanz zwischen den hehren Idealen der russischen Orthodoxie und den unorthodoxen Mitteln des zentral gesteuerten digitalen Informationskrieges mit all seinen Verdrehungen und Unwahrheiten nachzudenken. Wie lässt sich die Heilserwartung der russischen Welt mit Trollen, hybrider Kriegsführung, Desinformation, gefälschten Clips, Ruf-Mord und Hetzkampagnen rechtfertigen? Ich dachte unmittelbar an ein Buch, das man in Russland ziemlich leicht für 741 Rubel besorgen kann, mit dem Titel „Operationen des psychologischen Informationskrieges“.

Wie lässt sich die Heilserwartung der russischen Welt mit hybrider Kriegsführung, Desinformation, gefälschten Clips, Ruf-Mord und Hetzkampagnen rechtfertigen?

Es erinnerte eindeutig an die Doktrin des russischen Generalstabschefs Waleri Gerassimow aus dem Jahr 2013, der das neue Konzept folgendermassen darlegte: Politische Ziele seien nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, sondern durch den breit gestreuten Einsatz von Desinformationen, von politischen, ökonomischen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen, die in Verbindung mit dem Protestpotenzial der Bevölkerung zum Einsatz kommen. Dazu passt die Überzeugung des russischen Journalisten, Chef-Propagandisten des Kreml und Generaldirektors des Nachrichtenportals Sputnik, Dimitri Kisseljow, dass es im 21. Jahrhundert keinen neutralen Journalismus mehr geben werde.

Etwas verstört dachte ich plötzlich an ein Zitat aus Shakespeares Drama der Sturm: „O, Wunder! Wie viele herrliche Geschöpfe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“ (5 Akt, Vers 181-183).

 

Schöne neue Welt?

Einige Tage nach den amerikanischen Wahlen war ich in Lissabon. Ich saß im berühmten Künstlercafé A Brasileira am Chiado-Platz und las die internationalen Zeitungen. Die Schlagzeilen waren deprimierend – FAZ: „Amerikas Abwendung von der Welt, SZ: „Ukraine. Die Angst geht um“, Corriere della Sera: „Die Vereinigten Staaten, ein verwundetes Land auf der Suche nach einer Atempause“. Ich dachte unweigerlich an das Land Portugal, das ich gern besuchte, um alte Bekannte wiederzusehen und geistige Stärkung zu tanken.

Das Land wurde für mich gleichsam zum Symbol einer Öffnung zum unbekannten, auf keiner Landkarte verzeichneten, ewigen Meer. Von hier aus brachen wendige Karavellen auf, um zu neuen Ufern zu gelangen. Von den Häfen Portugals aus schifften sich unzählige Flüchtlinge nach Nord- und Südamerika ein, die während des Zweiten Weltkrieges der Tyrannei eines faschistischen Europas zu entfliehen bestrebt waren. Für den Dichter Fernando Pessoa und den Jesuitenmissionar António Vieira wurde Portugal zur geheimnisvollen Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits – irgendwo an den mystischen Gestaden des antiken Okeanos, des kosmischen Weltstroms.

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Jetzt scheint Portugal ein Gegenpol zu sein – zur neuen Wirklichkeit, die langsam am weiten  östlichen Horizont heraufzieht. Möglicherweise sind wir Zeugen von einem neuen Eisernen Vorhang, der sich allmählich auf den Westen herabsenkt. Der Mensch entwickelt sich wieder in eine alte Welt zurück – in den alten Yarlik eines neuen Ostens, der noch größer ist als das aufstrebende Russland. Denn wenn man die Wahrheit betrügerisch ändert, löscht man das Licht aus. In anderen Dimensionen sind Licht und Wahrheit eins und unzertrennlich. Aber die Öffnung, die wir hier vermittels des Lichtes so sehr suchen, ist so schwer fassbar wie ein Schatten an der Wand – an unserer eigenen Wand, hinter der wir völlig verborgen sind.

Ich erinnerte mich an einen beeindruckenden Passus aus Thomas Manns Tod in Venedig. Im Schlussbild der Novelle sowie in der Schlussszene von Lucchino Viscontis berühmter Verfilmung sieht der sterbende Protagonist die anmutige Figur des Tadzio, der das Sinnbild der Sehnsucht nach Schönheit und Vollendung darstellt. Er steht schweigsam am Meeresufer. Von dieser andersweltlichen Schwelle aus, wo das vertraute Land endet und das unbekannte, ewige Meer beginnt, deutet er mit der Hand ins „Verheißungsvoll-Ungeheuere“.

 

Bilder: Jean-Pierre Dalbéra (Russische Kathedrale Paris), kremlin.ru (Putin auf dem Athos), Andrey Korzun (Moskau)

 

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Written by Johannes Neustädter

Johannes Neustädter studierte Alte Geschichte und Byzantinistik in Cambridge und Wien. Der geborene Münchner arbeitet heute als Reiseleiter und Autor im Nahen und Fernen Osten sowie in den Ländern rund ums Mittelmeer.

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