Dieser Text erschien anlässlich der temporären Installation „Lichtgrenze“ zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Jahr 2014. Heute erinnert er an den #Zirkeltag: Die Berliner Mauer ist ebenso lang aus dem Leben der Deutschen verschwunden wie sie es von 1961 bis 1989 tiefgreifend veränderte.

 

Eigentlich war es ein ganz normaler Morgen. Gut, ich hatte etwas verschlafen, weil wir die Nacht über mal wieder kein Auge zubekommen hatten. Die Erde schien sich im Großen wie im Kleinen noch etwas schneller zu drehen als sonst, das fordert seinen Tribut. Mit einer Hand das Jacket übergestreift, mit der anderen einen Café à la maison und doch irgendwie to go gekippt, meinen Käfer am Straßenrand gesucht und auf nach Ost-Berlin. Irgendwas kam uns anders vor heute, doch unser Stress hielt uns davon ab, die Augen aufzumachen und Näherliegendes wahrzunehmen als die im Büro und in der Uni wartenden Sorgen.

Ein Kuss an der Haltestelle der U2, schon war die Tür meines Wagens geschlossen und mein Blick auf den seltsam gestauten Verkehr gerichtet. Mühsam erkämpfte ich mir meinen Weg ins alte Zeitungsviertel von Berlin, in dessen Zentrum bis zur Sprengung 1961 die stolze Jerusalems-Kirche gestanden hatte. Statt jedoch wie jeden Tag rasch in die Markgrafenstraße zu biegen und den Weg in der Schützenstraße fortsetzen zu können, kam der Verkehr abrupt zum Erliegen. Keine Durchfahrt, die Markgrafenstraße ist zur Einbahnstraße geworden. Hastig setze ich zurück, die Uhr drängt, und versuche es über die Dorotheenstraße – das Schauspiel wiederholt sich. Wo früher eine Kreuzung war, ist nun der östliche Teil der Straße in unerreichbare Ferne gerückt.

Ich verlasse meinen Wagen und sehe, wie sich Wachleute am Rande einer Linie postiert haben, die das gesamte Areal in zwei Inseln zerschnitten haben. Eine Mauer, heißt es, mit Sicherheit aber eine unüberwindbare Grenze. Wie komme ich nun in die Arbeit? Mein Büro, das in der Schützenstraße liegt, ist vom Westen her nicht mehr zugänglich. Ich suche eine Parkplatz in Kreuzberg und mache mich zu Fuß auf den Weg.

Was klingt, wie ein Erlebnis aus dem August 1961, spielt in Wirklichkeit im November 2014. Anlässlich des Mauerfalls hat der Senat (diesmal war es der Westen!) die alte Trennung der Städte West- und Ost-Berlin spürbar und erfahrbar nachvollzogen: An die Stelle der Stacheldrähte ist eine Wand aus Metall und Plastik getreten, mit Stickstoff gefüllte Ballons für das große Gedenken am 9. November 2014. Als ich mir zu Fuß meinen Weg über die Grenze bahne, beginne ich zu begreifen, was damals, lange vor meiner Geburt, in den Alltag jedes einzelnen Berliners eingebrochen sein muss wie eine unkontrollierbare, unerwartete Richtungsänderung mit ungewissem Ausgang.

Als ich vor etwa 10 Jahren in die deutsche Hauptstadt zog, war die Teilung der Stadt vor allem etwas für Touristen und Talkshows. In meinem Alltag spielte es höchstens eine Rolle, dass Kreuzberg (der alte kapitalistische Westen) fürs Parken keinen Obolus verlangt, während schon eine Straße weiter (nämlich im sozialistischen Osten) der Arbeitsweg mit dem Auto auch gerne mal 16 Euro teurer kommt. Meine Freunde kommen aus Ost und West, ich selbst wohnte schon auf beiden Seiten des gelüfteten eisernen Vorhangs. Von meiner Wohnung in Neukölln (West-Berlin) aus stellt der Alexanderplatz (Ost) das natürliche Zentrum dar, während ein Shopping-Trip in den alten Westen (Ku’damm) schon mal zu einer kleine Reisen werden kann.

Neulich las ich in einer Besprechung der Ballon-Instalation, dass Einwohnern mit den entsprechenden Erfahrungen durchaus ein Schauer über den Rücken fahren werde angesichts der plötzlich wieder sichtbaren Grenze. Ob das Ganze bei Jüngeren auch funktioniere, sei aber dahingestellt. Ich meine: Von der recht plumpen Fußkonstruktion einmal abgesehen, ist diese künstlerische Umsetzung der ehemaligen Zonen- und Weltbildgrenze nicht nur optisch ein Genuss, sondern auch ein fantastisches Mittel, zum Glück der Nachgeborenen verschwundene Grenzen wieder erfahrbar zu machen.

Wer Lust hat, die 15 Kilometer selbst abzulaufen, sollte sich beeilen. Am Abend des 9. November wird sich die reinszenierte Grenze zum höffentlich letzten Mal in Luft auflösen – sprichwortlich. Aus dem Mauerfall wird ein Nena-Song – 6880 Luftballons auf ihrem Weg zum Horizont…

 

Bild Titel: EHRENBERG KommunikationVisualisierung_BBT2 (c) Kulturprojekte Berlin_WHITEvoid_Christopher Bauder, Foto Daniel Bueche (CC BY 2.0); Bild im Text: © Rolf Krahl / CC BY 4.0 (via Wikimedia Commons)

 

Mehr #Berlin auf seinsart:

ketaminteaser

Entschuldigung, ist dieses Ketamin vegan?  |  Berlin hat seine eigenen Regeln? Untertrieben!


Momo bei Klaus Lederer | seinsart

„Warum haben manche Berliner Angst vor mir?“  |  Momo trifft Klaus Lederer (Die Linke)

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>