Das „Tor zu den Fjorden“ liegt dort, wo Armauer Hansen 1873 den Lepra-Erreger entdeckt und Edward Grieg im September 1891 die Peer-Gynt-Suite vollendet hat – in der Stadt Bergen an Norwegens Westküste. Hier also wurden dem biblischen Fluch der Aussätzigkeit Grenzen gesetzt und mittels Dur-Harmonien die der Emotionen gesprengt. Eine schöne Symbolik für alle, die von Bergens Naturhafen aus gesund und glücklich eine der schönsten Seereisen der Welt antreten.

Die authentischste Art, um durch Fjorde und Buchten – vorbei an 50.000 kleine Inseln und den majestätischen Lofoten in Richtung Nordkap – zu reisen, ist die mit dem Postschiff. Es ist eine Reise der zwei Geschwindigkeiten. Als 1893 der regelmäßige Schiffsverkehr der Hurtigruten-Flotte eingerichtet wurde, war damit einer Klage der norwegischen Kaufmannschaft entsprochen worden, die ihre Waren möglichst rasch von Nord nach Süd und umgekehrt liefern wollte. Seit 120 Jahren also legt jeden Abend ein Schiff der Hurtigrute in Bergen ab und erreicht 7 Tage später die 2.500 Seemeilen nördlich gelegenere Stadt Kirkenes unweit der russischen Grenze. Für die abgelegenen Küstengemeinden mag dies ein schneller Transport sein – für die dem hektischen Arbeitsleben entflohenen Touristen hingegen ist es eine entspannte und entspannende Tour.

Insgesamt 34 kleinere und größere Häfen läuft das Postschiff an, wo zwar nur noch selten Post, wohl aber Waren des täglichen Bedarfs entladen werden. Norweger aus entlegenen Winkeln ihres Landes kommen an Bord, um das Schiff an anderen einsamen Orten wieder zu verlassen. Für kurze Zeit wird die Bar im Mitteldeck zum Ort der Begegnung. Alltägliche Normalität umgeben von herben Naturschönheiten. Reizvoller können Gegensätze kaum sein.

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Der Geiranger-Fjord entstand in mehr als 100.000 Jahren

Am zweiten Tag der Reise werden die Berge höher, die Hänge steiler und gewaltige Wasserfälle donnern in die Tiefe, die in bis zu 1.500 Meter Höhe von abschmelzenden Gletschern gespeist werden. Der 15 Kilometer lange Geirangerfjord sah auch vor eintausend Jahren kaum anders aus, als hier die kriegerischen Wikingerflotten vorbeikamen. In historischen Dimensionen gedacht, ist das gestern gewesen, denn die gigantischen Gletscher haben rund 100.000 Jahre gebraucht, um tiefe Spalten in die Landschaft zu schneiden. Noch vor 12.000 Jahren, während der letzten Eiszeit, war alles hier mit einem Eispanzer bedeckt, der schließlich beim Abtauen gewaltige Gesteinsmassen mitriss. So wurden die Ufer des weltberühmten Geirangerfjords solcherart gestaltet, wie wir sie heute vorfinden. In ihrer ganzen Dimension ist dies zu betrachten, wenn man den Busausflug über die Adlerstraße macht, die oberhalb des Fjords beginnt. Von hier oben sieht das Postschiff wie ein selbstgebasteltes Papierboot aus. Auf der anderen Seite der Anhöhe führt die Straße über steile Serpentinen und zerklüftete Schluchten, deren gigantische Ausmaße sensible Gemüter veranlassen, in Demut zu staunen. Zauberische Orte aber gibt es viele auf dieser Reise.

Der Svartisen-Gletscher ist ein solcher. Trotz einer Fläche von 370 Quadratkilometer ist er nicht der größte Gletscher in Norwegen, wohl aber der am tiefsten liegende auf dem europäischen Festland. Und die blaue eisige Fläche liegt seit mehr als 4.000 Jahren jenseits der Anhöhe, auf der sich heute das Ausflugslokal Brestua befindet. Getrennt nur durch einen See, in dessen Oberfläche sich der Gletscher spiegelt. Schon der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat sich auf der Terrasse des Brestua von dem imposanten Naturgebilde beeindrucken lassen. Auch damals schon wurden wie auch heute noch Drinks angeboten, die mit Gletschereis gekühlt werden. Welch eigenartiger Gedanke, jenes seit vier Jahrtausenden gefrorene Wasser auf diese Weise aus der Erstarrung zu befreien!

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Die Magie des Nordlichts kann nicht entzaubert werden

Mit der Überquerung des nördlichen Polarkreises sehen die Passagiere keinen unbekannten, wohl aber ungewohnten Phänomenen entgegen. In den Sommermonaten sinkt die Sonne hier auch nachts nicht unter den Horizont. Selbst zu mitternächtlicher Stunde werden Küsten, Fjorde, Berge und Buchten in ein samtrosiges oder goldgelbes Licht getaucht, das zum sanften Tiefgrün der Laubwälder in wundersamen Kontrast steht. In den düsteren Wintermonaten ist es das Nordlicht, das die Passagiere des Postschiffs fasziniert. Zwischen 70 und 1000 km hoch reichen die farbigen Lichtströme, die flackernd über den Himmel ziehen. Die Wikinger glaubten darin Zeichen der Götter zu erkennen. Der norwegische Wissenschaftler Kristian Birkeland hingegen brachte im letzten Jahrhundert die grünen Flammen am Himmel mit Aktivitäten auf der Sonnenoberfläche in Verbindung. Seiner Theorie zufolge strömen elektrisch geladene Teilchen von der Sonne zur Erde, wo sie durch das Magnetfeld unseres Planeten den beiden Polen zugeleitet werden. Heute also ist der Aberglaube gewichen und die Wissenschaft hat „Aurora borealis“ (wie sie das Nordlicht nennt) entschlüsselt – entzaubert hat sie es nicht. Der Magie dieses Naturschauspiels können und wollen sich die meisten Menschen an der Reeling oder auf dem Panoramadeck nicht durch schlichte Ratio entziehen.

Die erste Siedlung jenseits des Polarkreises heißt Bodø und wurde 1816 von nordnorwegischen Fischern als konkurrierender Handelsplatz zu Bergen gegründet. Vom 2. Juni bis zum 10. Juli geht hier die Sonne nicht unter und vom 15. bis zum 29. Dezember gar nicht erst auf. Im letzten März hatte Bodø exakt 49.893 Einwohner und jede Menge Seeadler, die auf den Inseln vor der Stadt die größten Brutgebiete ihrer Gattung weltweit haben. Und zwischen den Inseln Straumen und Straumøy befindet sich der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Durch einen zweieinhalb Kilometer langen und etwa 150 Meter breiten Sund strömen im Wechsel der Gezeiten fast 400 Millionen Kubikmeter Wasser in die Meerenge hinein und wieder heraus. Der Strom erreicht dabei Geschwindigkeiten von 40 Stundenkilometern und es entstehen gewaltige Strudel von bis zu zehn Metern Durchmesser und vier Metern Tiefe.

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Das älteste Granitgebirge der Welt

Von Bodø aus nimmt das Postschiff über den Vestfjord Kurs auf die Lofoten, jener Inselgruppe im Atlantik. In knapp vier Stunden Fahrtzeit vollzieht sich in geologischer Hinsicht ein in Äonen zu messender Zeitenwechsel. Als sich vor 400 Millionen Jahren die Gebirge auf dem Festland gebildet haben, waren die Berge der Lofoten bereits 3 Milliarden Jahre alt und sie sind heute das älteste Granitgebirge der Welt. Dies ist eine zeitliche Dimension, die gefühlsmäßig an die Ewigkeit heranreicht.

Die Faszination der näher kommenden Lofoten hat der Dichter Björnstjerne Björnson 1869 in einer Weise beschrieben, wie es noch heute gültig ist (sieht man davon ab, dass die Bergkette zur Zeit der Mitternachtssonne rotgolden erstrahlt): „Das Lofotgebirge beginnt sich blau zu färben. Ich weiß nicht, was schöner ist – wenn du es in der Ferne liegen siehst wie eine einzige tiefblaue Mauer mit tausend Türmchen darauf oder wenn du dich ihm näherst und siehst, wie die Mauer sich öffnet, wie jeder Gipfel ein eigener Berg wird, einer wilder als der andere.“

Obgleich die Lofoten seit 6000 Jahren bevölkert sind, wirken sie vom Schiff aus zunächst wie eine steinerne, menschenleere Ödnis. Die kleinen Häfen liegen gut versteckt in Buchten hinter den Granitkuppen der Schären und selbst der Hauptort Svolvær ist erst kurz vor dem Anlaufen zu sehen. Solcherart geschützte Häfen waren für die Fischer von jeher wichtig, um den Unbilden des Nordmeeres zu trotzen. Seit Jahrhunderten garantieren riesige Dorschschwärme den Lofoter Familien ein stetiges Einkommen. Zwischen Dezember und März spült ihnen der warme Golfstrom die Knochenfische massenweise in die Netze. Danach hängen sie zum Trocknen auf Gestellen. Paarweise werden die Fischleiber so rund drei Monate dem rauen Seewind ausgesetzt und geben den Hafenstädten einen unverwechselbaren Geruch.

Gegen Abend erreichen die Schiffe der Hurtigrute den Trollfjord, der eigentlich Svartfjord heißt. Die Einfahrt zwischen steilen Felswänden ist gerade mal 100 Meter breit und der Fjord nur zwei Kilometer lang. Es ist eine Hommage der Kapitäne an ihre Gäste, dass sie in den Trollfjord einfahren. Ein Hafen wird dort nicht angelaufen. Fast auf der Stelle müssen sie das Schiff wenden, was den Passagieren die Möglichkeit gibt, ohne sich bewegen zu müssen, das gigantische Bergpanorama in einem 180 Grad-Dreh zu betrachten. Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich auf und zwischen den Felsen jene kleinen knorrigen Fabelwesen vorzustellen, die dem Trollfjord seinen inoffiziellen Namen gegeben haben.

Es ist noch nicht lange her, seit die Wale als Wirbeltiere vom Lande ins Meer gewechselt sind. Gerade mal 50 Millionen Jahre, was für Lofoter Verhältnisse – also im Vergleich mit dem Gebirge im Alter von dreieinhalb Milliarden Jahren – quasi unlängst war. Wer Wale sehen möchte, muss sehr früh aufstehen und mit einem Katamaran weit aufs Meer hinausfahren. Garantiert ist es nicht, dass die Tiere sich zeigen, aber bislang ist noch immer mindestens der Rücken eines Buckelwals aufgetaucht und kurz darauf beim Abtauchen die gewaltige Schwanzflosse.

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Auch die Natur hat eine Seele

Das Nordkap ist ein steil aus dem Eismeer emporragendes Schieferplateau, das irrtümlicherweise oft als nördlichster Punkt Europas angenommen wird. Das mag zu seiner touristischen Popularität beigetragen haben. Als magischen Ort aber wird wohl niemand das Nordkap empfinden – im Gegensatz zur „Sami Kirche“, bei der es sich nicht um ein Gotteshaus, sondern um eine Felsformation handelt, deren außergewöhnliche Form ihr den Namen gab. Hier auf der letzten Etappe der Reise ist das Land der Samen, der nordnorwegischen Urbevölkerung. Traditionell gehen die Samen davon aus, dass alles in der Natur eine Seele habe und von der Kraft desjenigen beseelt sei, der alles erschaffen hat. Daher durften die als heilig erachteten, besonders geformten Steine und Felsen nicht behauen oder sonstwie verändert, wohl aber als Altäre genutzt werden. Dieser Tradition folgend bot die charakteristische Form der Sami Kirche den Seeleuten selbst bei heftigem Sturm immer Orientierung.

Am nächsten Morgen geht die Reise für all diejenigen in Kirkenes zu Ende, die nicht das Bedürfnis verspüren, all die magischen Orte an Norwegens Küste auf der Rückfahrt nach Bergen noch einmal zu besuchen. Ihnen bleibt, einen Abstecher zur russischen Grenzstation zu machen. Dorthin, wo sich über Jahrzehnte zwei feindliche Weltsysteme gegenüberstanden. Dass dies nun nicht mehr so ist, ist auf jeden Fall auch ein Wunder – wenngleich eines der ganz anderen Art.

 

Bilder: http://www.hurtigruten.de

Written by Gerhard Haase-Hindenberg

Gerhard Haase-Hindenberg ist Schauspieler ("Operation Walküre") und Publizist (»Die Hexe von Gushiegu«, »Der Mann, der die Mauer öffnete«, »Göttin auf Zeit«). Sein neues Buch »Sex ist Kopf« wurde über Nacht zum Bestseller und stand wochenlang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

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