Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und ich glaube an ein Leben vor dem Tod. Ersteres wird sich von selbst einstellen, Letzteres leider nicht. Leben will erkämpft werden, Leben muss man sich erobern.

 

Um dies tun zu können, muss einem erst einmal klar sein, wie man lebt. Und genau das ist vielen nicht klar. Man macht sich einfach nicht allzu viele Gedanken über sein Leben, man achtet nicht darauf, wie es sich anfühlt, ob man es genießt, ob man glücklich damit ist, man lebt einfach so vor sich hin. Meist dreht sich alles um das, was man tut. Man definiert sich über seine Arbeit. Lernen wir jemanden kennen, fragen wir ihn als Erstes, was er macht. Und meinen damit seinen Beruf. Wir fragen nicht, ob er sich gut fühlt, ob er sein Leben genießt, sondern: „Und, was machst du so?“ Wir sind ein Volk der Macher. Das ist nichts Schlechtes an sich, doch es greift zu kurz. Sich zu definieren, womit man seine Brötchen verdient, ist zwar üblich, aber auch schuld an der Misere, die wir „Leben“ nennen.

 

Freiheit braucht Mut

Viele von uns verbringen ihr Dasein wie Tiere im Käfig. Manche sind eingesperrt in einem engen, begrenzten Raum, bei anderen steht die Gittertür zwar offen und sie können auch den Raum verlassen, doch sie haben eine Kette um den Hals und der Auslauf ist begrenzt. Lebt man sein Leben viele Jahre wie in einem Käfig (man ist dort zwar sicher, aber begrenzt), so verlernt man, was man Freiheit nennt. Fällt die Kette um den Hals plötzlich ab und die Tür geht auf, so sind wir verwundert oder erstarren sogar. Wir schleichen zum Ausgang, sehen vielleicht hinaus, links und rechts, könnten den Schritt hinaus machen, könnten uns wegbegeben.

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Wozu entscheiden wir uns? Gehen wir in die Freiheit oder warten wir auf den Mann mit dem Schlüssel, der die Tür wieder schließt? Verhalten wir uns wie ein Zootier, das plötzlich ausgewildert werden soll? Trauen wir uns aus Furcht vor der Freiheit nicht aus dem Käfig? Immerhin, wir wissen nicht, was uns da draußen erwartet. Wer wird uns Futter geben, wenn wir uns davonstehlen? Wer wird die Tür abends wieder schließen, damit wir in Sicherheit sind? Wer wird für unser Lebensglück (und unser Leiden) verantwortlich sein? Wir selbst? Das haben wir nicht gelernt. Oder haben wir es nur verlernt?

Gehen wir in die Freiheit – oder warten wir auf den Mann mit dem Futter, der die Tür wieder schließt?

Freiheit ist ein Wagnis. Freiheit erfordert Mut. Im Gegensatz zu den Tieren im Zoo ist unsere Unfreiheit weitgehend selbstgewählt. Wir verbringen unser Leben im Versuch, sicher und ohne Aufregung zu leben; in einem Korsett, welches wir uns selbst angelegt haben oder das wir uns ohne großen Widerstand haben anlegen lassen. Ein Korsett, das sich manchmal zwar recht eng anfühlt und uns die Luft zum Atmen nimmt, aber uns auch Form und Halt gibt. Wenn uns davon schwindelig wird, laufen wir zum Arzt und schlucken Pillen. Wenn uns das Korsett schmerzt, laufen wir zum Arzt und schlucken Pillen. Wenn es uns die Luft abschnürt und uns die Freude am Leben nimmt – erraten –, laufen wir zum Arzt und schlucken Pillen.

 

Freiheit – wie geht das?

Jeder, der nicht in einem real existierenden Gefängnis sitzt oder an einer sehr schweren Krankheit leidet, ist in der Lage, dieses Korsett abzulegen. Wenn wir nur mutig genug dafür sind. Wenn wir uns dazu entschließen. Wenn wir handeln. Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne, aber wir können das Zaudern überwinden. Wir können unser Gefängnis verlassen, einen ersten Schritt tun, einen zweiten. Wir können losrennen, wir können unsere Kreise ziehen, diese immer weiter und weiter ausdehnen, wir können abheben, gleiten, fliegen, wir können frei sein.

Wir können frei sein. Wenn wir mutig sind.
Aber:  Wie bitte schön geht denn das?

Wir leben in einem freien Land, dürfen (in den Grenzen unserer Gemeinschaftsregeln) sagen und tun, was wir wollen, wir werden oft sogar ermuntert (wie auch hier), uns doch mehr Freiheit zu gönnen. Aber: Wie bitte schön geht denn das? Wie überwindet man seine Ängste? Wie erlangt man Freiheit? Und: Was soll ich denn überhaupt machen, wenn ich frei wäre? Da müsste man ja auch noch Phantasie entwickeln! Es ist aber auch eine Frechheit, dass man das nirgends lernt!

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Freiheit kann eine echte Zumutung sein. Wenn ich frei sein will, muss ich dann auch selbst denken, eigene Entscheidungen treffen, vielleicht sogar die bequeme Couch verlassen? Und überhaupt: Wenn mir kein Boss, kein Kollege oder nicht einmal mein Partner vorschreibt, was ich zu tun habe, wie soll ich dann bitteschön wissen, was ich überhaupt tun soll? Im Ernst jetzt! Wie soll ich dann meine Tage füllen? Muss ich dann nur mehr Sinnvolles tun, mein Leben komplett ändern, ein Revoluzzer werden? Einer, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt haben?

 

Wollen wir überhaupt frei sein?

Gar nichts müssen wir! Nichts! Wenn wir glücklich sind und in uns nichts rumort, das uns sagt, dass das schon ein bisschen arg wenig ist, was wir aus unserem Leben machen, weil wir uns einlullen lassen von langweiligem Fernsehen, langweiligen Jobs und noch langweiligeren Menschen um uns, wenn wir diese Gedanken nicht kennen, dann ist das auch in Ordnung, dann müssen wir uns nicht länger damit beschäftigen. Ah, gut, weg damit! So und jetzt schauen wir mal, was im Fernsehen läuft.

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Wenn es aber doch ein wenig in uns rumort (wovon ich ausgehe, sonst würden Sie diesen Artikel schon längst nicht mehr lesen) und wenn wir unser Leben ein wenig freier gestalten, unsere Fühler ein wenig weiter ins Leben ausstrecken, uns auf neue Dinge und Menschen einlassen, Vertrauen vermehren und Kontrolle abgeben und wagen, auch mal verwundbar, dafür aber lebendiger und wahrscheinlich auch glücklicher zu sein, dann bleibt uns eines nicht erspart bleiben: Von der Couch aufzustehen und zu trainieren, freihändig zu gehen. Freiheit erlangt man nämlich nicht durch das Lesen, sondern indem man das heimische Gehege mitsamt seinen sicheren Geländern, an denen man sich sein Leben lang festgehalten und gestützt hat, ab und zu auch tatsächlich verlässt.

Freiheit erlangt man nicht durch Lesen,
sondern indem man das heimische Gehege verlässt.

Aber, meine Damen und Herren, das Ganze bitte spielerisch angehen. Leicht und locker. Wer meint, jetzt bierernst unbedingt und sofort über alle seine Ängste hinwegsteigen und frei sein zu müssen, der hat schon verloren. Nix muss. Alles darf. Freiheit kann gelingen, wenn man die eigenen Grenzen elastischer macht, sich an die selbstgezogenen Grenzen heranwagt, diese nach und nach überschreitet und so seinen Spielraum erweitert. Vielleicht wäre es ein guter Ansatz, sein Leben tatsächlich als Spielraum zu betrachten, als einen Raum zum Spielen, der Möglichkeiten enthält und nicht nur Pflichten; der Spiele zulässt, die uns guttun und wirklich Freude bereiten.

 

Angst und Mut

Ob man frei lebt, hängt oft davon ab, wie sehr wir uns von unseren Ängsten einengen lassen. Ängste schmälern unser Leben, schränken unseren Radius ein. Viele Menschen bauen sich ihr eigenes Gefängnis und verbringen ihr Leben darin. Gleichzeitig sehnen sie sich nach Freiheit, ohne aber zu wissen, wie sie diese erlangen können. Viele gestehen es sich nicht ein, Ängste zu haben, geben aber zu, sich „natürlich“ Sorgen zu machen, denn das tut ja wohl ein jeder, mehr oder weniger. Sorgen sind jedoch nichts anderes als Ängste, wir gestehen sie uns jedoch zu, denn wer sich (um andere) sorgt, der gilt als mitfühlend und verantwortungsvoll.

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Angst macht uns klein. Dabei spielt es keine Rolle, welche Ängste im Spiel sind. Es kann sich um eine konkrete Angst handeln, wie etwa vor Vorträgen (Lampenfieber), Krankheiten, Aufzügen, Höhe, Spinnen, Lärm, Hunde, oder um generelle Ängste wie soziale Ängste (starke Schüchternheit etc.) oder generalisierte Angststörungen oder um Phobien oder Panikattacken.

Sorgen sind nichts anderes als Ängste, die wir uns zugestehen,
denn wer sich (um andere) sorgt, gilt als mitfühlend.

Meist ist die Angst vor einer Situation viel schlimmer als die reale Situation selbst, wenn sich die Angst also tatsächlich verwirklicht hat. Denn die Angst ist schon von der zeitlichen Perspektive her ein Ungetüm. Fürchten wir uns etwa ein Leben lang, bestohlen zu werden, dann muss man sagen: Lieber mal wirklich beklaut werden, als sich ein Leben lang davor zu fürchten. Das trifft auf viele Ängste zu: Lieber einmal wirklich scheitern, als sich ein Leben lang vor dem Scheitern zu fürchten. Besser sich wirklich einmal blamieren, statt sich ewig davor zu fürchten. Besser einmal richtig zittern, als ein Leben lang halb.

Denn, und das ist das wirklich Perfide an der Angst, wenn wir uns nur lang genug vor etwas fürchten, entwickelt sich eine Angst vor der Angst. Ganz schön heimtückisch, unsere Psyche. Wenn ich zum Beispiel eine Panikattacke habe, löst das im Augenblick der Attacke eine heftige Angst aus. Und danach? Die Attacke ist Vergangenheit, aber die Angst, die wir im Augenblick der Attacke empfunden haben, die speichern wir. Die Folge: Wir entwickeln eine Heidenangst vor dieser Angst, also vor der nächsten Panikattacke; Angst vor der Angst, eine Gemeinheit, also wirklich. Da muss man doch etwas dagegen tun können, oder nicht?

 

Ohne Handeln geht gar nichts

Milliarden Worte zum Thema Angst und wie man sie überwinden könnte, sind bereits geschrieben worden. Doch Papier ist geduldig. Lesen und umsetzen sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Meiner Erfahrung nach gibt es lediglich einen Weg, um frei von seinen Ängsten zu werden, nämlich sich ihnen zu stellen. Ihnen davonzulaufen, das klappt nicht, sie holen einen ein. Situationen zu meiden, die Angst machen (könnten), vergrößert die Angst nur. Die Angst zu leugnen bringt ebenfalls nichts, denn sie wird sich zeigen, wenn der Moment der Wahrheit kommt. Sie zu bekämpfen bringt schon gar nichts. Wogegen man sich wehrt, was man ablehnt, das bleibt bestehen und verfestigt sich.

Wogegen man sich wehrt, was man ablehnt,
das bleibt bestehen und verfestigt sich.

Besser ist es, die Angst zu akzeptieren – als Teil seiner selbst. Man muss sie nicht gutheißen, wenn man sie hasst, man muss nicht versuchen, sie zu lieben, aber ablehnen hilft auch nicht. Vorschlag: Man kann zu seiner Angst sagen: „Okay. Du bist da. Ist halt so. Aber ich mache das jetzt, ob es dir gefällt oder nicht.“ Und dann tut man, was man gern tun würde, aber sich bisher wegen seiner Angst nicht getraut hat. Es kommt weniger drauf an, ob die Erfahrung dann eine gute wird oder nicht, aber dass man es gewagt hat, das macht uns für die Zukunft mutiger und vor allem freier.

 

Handeln trotz Angst

Kein Mensch hat nur Angst. Er hat auch Angst. Auch wenn einem die Knochen schlottern, besitzt man doch auch Mut im Herzen, selbst wenn dieser Mut sich oft gut vor einem versteckt und erst nach und nach freigeschaufelt wird: durch mutiges Handeln trotz Angst.

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Für besonders Mutige und solche, die es noch werden wollen, hier ein Vorschlag: Werden Sie zum Angstjäger. Laufen Sie Ihren Ängsten nicht davon, sondern ihnen hinterher. Stellen Sie sich, tun Sie jeden Tag etwas, wovor Sie sonst Angst hätten. Freilich kann dieser Weg steinig sein. Sie werden heulen wie ein kleines Kind und den Kopf einziehen und sich wünschen, dass sie bloß der Angsthase geblieben wären, zu dem Sie im Laufe des Lebens geworden sind. Doch, all das wird nicht umsonst sein. Kleine Dinge werden gelingen, und je öfter sie gelingen, desto größere Brocken werden Sie anfassen. Ihr Mut wird wachsen wie ein Bizeps, der eine Hantel hebt. Wenn Sie Ihren Mut-Muskel dann einige Zeit trainiert haben und die Trainingsdosis weiter steigern, wird es für Sie ganz selbstverständlich werden, alles zu tun und nicht mehr wegzulaufen. Und letztendlich werden Sie, zurückblickend, lächelnd den Kopf schütteln bei der Erinnerung, wie sehr Sie sich viele Jahre lang selbst klein gemacht haben.

Ihr Mut wird wachsen wie ein Bizeps, der eine Hantel hebt.

Aber Achtung! Leidet man an einer diagnostizierten Angsterkrankung, möglicherweise im Zusammenhang mit einer Depression, sollte man einen Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen. „Normale“ Ängste (die unterhalb der Schwelle zur krankhaften Angststörung liegen) bekommt man selbst durch mutiges Handeln in den Griff, schwere und krankhafte Ängste sollte man dagegen in einer Psychotherapie bearbeiten.

 

Neugierig geworden? Mehr zu diesem Thema finden Sie im neuen Buch unseres Autors:

cover-hartl_raus-aus-der-angst-rein-ins-leben-grossThomas Hartl
Raus aus der Angst – rein ins Leben
Endlich frei, leicht und selbstbestimmt
Verlag Via Nova
ISBN: 978-3-86616-379-9
15.95 €


Bild: Unsplash

 

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Written by Thomas Hartl

Thomas Hartl ist Schriftsteller, Autor und Journalist für Psychologie und Gesundheit. Der Doktor der Rechtswissenschaften hat seinen Beruf an den Nagel gehängt und ist seiner Berufung gefolgt.

1 comment

  1. Hallo,
    jemand der ein so treffendes Buch über die Angst schreibt, muss sie genauestens kennen…habe ich recht..!?
    Die Obige Auswahl finde ich echt super…. und ich hoffe ich werde meine Angst auch einmal los….
    mit freundlichen Grüßen
    Christian Bauer

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