Am Sonntag ist Präsidententag in den deutschsprachigen Landen. Während im Norden mit Barack Obama der wohl mächtigste Präsident der Welt zu Besuch erwartet wird, ruft man im Süden zur Wahl des Bundespräsidenten auf. Letzterer spielt zugegebenermaßen im Machtgefüge der Welt keine herausragende Rolle. Als Repräsentant des kleinen, aber einflussreichen Österreichs lohnt es sich durchaus, einen Blick auf diese Wahl zu treffen.

Wovon die Deutschen seit Weimarer Zeiten nur träumen können, gehört in Österreich seit 1951 zum politischen Alltag: die direkte Wahl des Staatsoberhaupts durch den Souverän, das österreichische Volk. Galt es seither als ausgemacht, dass dieses Amt durch einen Vertreter der großen Regierungsparteien besetzt wird (mit einer Ausnahme: dem 1974 von der SPÖ ins Rennen geschickten parteilosen Rudolf Kirchschläger), sieht es dieses Jahr nach einem Epochenwandel aus: Während die Kandidaten von ÖVP und SPÖ als Außenseiter gelten, stehen die Chancen der drei Konkurrenten nicht schlecht, in die Hofburg einzuziehen.

Meinungsumfragen sehen derzeit den Kandidaten der Grünen, Alexander Van der Bellen (26-25%), knapp vor dem Kandidaten der FPÖ, Norbert Hofer (24%); an sich schon ein politisches Erdbeben, denkt man an die Wahlergebnisse der Grünen bei den Nationalratswahlen, die regelmäßig mit einer Großen Koalition enden. Längst hat sich in Österreich an ihrer Stelle die rechtsnationalistische FPÖ als dritte Kraft im Staate etabliert. Platz 3 belegt den Umfragen des Kuriers und der Tageszeitung Österreich zufolge die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes und parteilose Irmgard Griss (22%).

Hier der weltoffene, liberale „Gutmensch“ des alten Europa,
dort der nationalkonservative EU-, Flüchtlings- und Merkelkritiker neuer Couleur.

Sollten tatsächlich Van der Bellen und Hofer in die Stichwahl kommen, wird die Abstimmung über den Bundespräsidenten zu einer Grundsatzwahl, die wie keine andere die gegenwärtige Spaltung der europäischen Gesellschaft vor Augen führt: Hier der weltoffene, liberale „Gutmensch“ des alten Europa, dort der nationalkonservative EU-, Flüchtlings- und Merkelkritiker neuer Couleur.

Niemand erwartet, dass diese Wahl zugunsten des Letzteren ausgehen könnte. Dennoch steht fest, dass bei dieser Präsidentenwahl nicht nur persönliche Vorteile des Siegers zur Abstimmung stehen – sondern Weltbilder. Wer das Fernsehduell der Präsidentenkandidaten gesehen hat, weiß, dass das Thema Asyl und Innere Sicherheit (u.a. in Form von Notstandsgesetzen) auch bei der Wahl dieses eigentlich unpolitischen Amtes eine entscheidende Rolle spielen werden.

Dass Österreich mit Richard Lugner (siehe Titelbild) seinen eigenen Trump zur Auswahl hat, darf hingegen als Treppenwitz der Geschichte gesehen werden. Während in den USA rund 43% der Stimmberechtigten für den Selfmade-Millionär zur Wahlurne gehen wollen, sind es in der Alpenrepublik laut Umfrage gerade mal 3%. Dabei hat der Baulöwe und Opernball-Wiedergänger Lugner durchaus Erfahrung in Sachen Hofburg: Als ewiger Anwärter auf die Audienz beim Kaiser ist er in der TV-Show „Wir sind Kaiser“ allerdings wohl eher als Hofnarr denn als Thronfolger im Gespräch.

Bild: YouTube

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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