„Was möchtest du denn werden?“, war meine Frage beim Bewerbungstraining. Der Neuntklässler antwortete: „Ich bin Kurde!“ „Ja, nun, das weiß ich doch, aber ich meine beruflich.“ „Ich bin Kurde! Deshalb werde ich Kämpfer und töte unsere Feinde!“ Noch dachte ich, dieses martialische Weltbild knacken zu können: „Wir haben uns doch über den Nord-Irak unterhalten, dass dort so etwas wie ein kurdischer Staat entstehen könnte. Wenn du nun dahin kommst, und die dich fragen: Was kannst du zum Aufbau unseres Staates beitragen? Willst du denen dann sagen, du seist Kurde. Das sind die nämlich auch. Nur, sie hoffen, dass der Kampf bald zu Ende ist. Sie bauen auf, anstatt zu zerstören.“ „Der Kampf wird nie zu Ende sein, weil unsere Feinde nie Ruhe geben werden!“

100 Jahre und nichts gelernt, musste ich an Hannes Waders Lied „Es ist an der Zeit“ denken, das wir in den Achtzigern auf jeder Friedensdemo sangen. Falls es jemand nicht kennt, es ist die recht freie Übersetzung von Eric Bogles „No Man’s Land“, besser bekannt unter „The Green Fields of France“. Es entstand nach Bogles Besuch der riesigen Gräberfelder des Ersten Weltkrieges als einsames Zwiegespräch mit einem jung und sinnlos Gefallenen an dessen Grab. Werde ich das Lied bald für dich umdichten müssen, kleiner Kurde?

Weit in Anatolien im Mittsommerwind
Dort wo zwischen Grabmalen kaum Blumen sind
Da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
Im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht
Auf deinem Stein finde ich, toter Soldat
Deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
Die Zahl 2016 gemalt
Und du warst nicht einmal 17 Jahre alt

Wut stieg in mir auf, auf diese sogenannten Freiheitsbewegungen wie PKK, Hamas, Hisbollah und wie sie alle heißen. Vielleicht waren sie es sogar mal, kämpften und leisteten Widerstand für ein Ziel. Jetzt sind sie nur noch kriminell, dienen einzig zur Bereicherung ihrer Anführer. Deshalb darf der Kampf nie enden. Sie können im Frieden nichts verdienen. Den Preis dafür lassen sie von denen bezahlen, die sie angeblich vertreten.

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit den Deinen immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
Deine Kraft, deine Jugend, dein Leben

Es geht weiter an diesem Tag. Acht Jungs mit palästinensischen Wurzeln haben nichts weiter im Sinn als: „Ich töte alle Juden!“ Mann, sie wissen nichts über das Land, für das sie sterben und töten wollen. Der Kurde verwechselt Schwarzes und Mittelmeer, die Palästinenser können mir weder Gaza, noch Ramallah, nicht einmal Jerusalem auf der Karte zeigen. Jungs, als ich so alt war wie ihr, da habe ich die Nähe, die Anmut, die Zärtlichkeit der Mädchen, schlicht, die Liebe gesucht. Nicht den kalten, zerstörerischen Stahl einer Waffe, den Hass.

Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedei’n
Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein

Sie wollen euch nicht lieben lassen, sonst könnten sie aus eurem Hass kein Kapital schlagen. Denn wer die Liebe einmal erfahren hat, kann sie in jedem Menschen sehen. Deshalb kastrieren sie euch mit militärischem Drill und religiöser Moral, die durch nichts begründet ist. Haben wir nicht gemeinsam den Koran gelesen, dort Gottes Liebe gefunden? Musste euch erst ein Christ zeigen, dass die Hetzer sich nicht auf Allah berufen können? Trotzdem folgt ihr diesen Gotteslästerern!

Vielleicht dachtest du dir, ich falle schon bald
Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
Vor dir selber geschämt und es doch nie getan

Wenn ich an diese Zeilen denke, muss ich eingestehen, dass es schlimmer geworden ist als nichts gelernt. Vergewaltigung ist zum Kriegsmittel geworden, wird systematisch durchgeführt, entmenschlicht auf Befehl Opfer und Täter. Wie konnte es soweit kommen, dass es immer grausamer wurde? Du kennst die Antwort, alter Mann, muss ich mir eingestehen. Es ist an der Zeit, zu erkennen, wo du dich befindest, im Niemandsland!

Du wähntest den Feind rechts, hast ihm den Blick zugewandt, in diese Richtung gekämpft und dabei nicht gemerkt, dass alle deine Werte, alles für das du stehst, rücklinks vom friendly fire unter Beschuss genommen wurde. Dreh dich um, alter Mann, schau wo du her kommst, von links, schau wie es dort aussieht! Dort wurde es geboren, das politisch korrekte Kriegsverbrechen.

Es ist an der Zeit, die Kampfzone zu erweitern, nach links die Kausalitäten zu rufen, die du schon lange erkannt, aber nicht wahrhaben wolltest: Wer Verbrechen relativiert, gar leugnet, nur weil es ihm politisch opportun erscheint, macht sich schuldig an weiteren Verbrechen! Wer dies bei den Vergewaltigungsorgien der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg tat, war mitschuldig an den Vergewaltigungslagern im Jugoslawienkrieg! Wer dies weiter tut, macht Vergewaltigung zum legitimen Mittel der Kriegsführung! Wer dies bei Katyn tat, war mitschuldig an Srebrenica und anderen schrecklichen Orten. Wer dies weiter tut, bereitet das Feld für neue, weltweite Killing Fields! Wer dies bei den verbrecherischen Tieffliegerangriffen 1944/45 gegen die Zivilbevölkerung Deutschlands tat, brauchte sich über das amerikanische Selbstverständnis zu Einrichtung von free-fire zones im Vietnam-Krieg nicht wundern, bei denen harmlose Bauern zu Tausenden getötet wurden, nur weil sie ihr Feld bestellen wollten. Er trägt Mitschuld am Highway des Todes im Irak-Krieg, dem Massaker, das sich über die 100 km lange Straße von Kuwait nach Basra erstreckte.

Wie nannte es ein US-Pilot: „Es war als hätten wir auf Fische in einem Fass geschossen.“
Das waren nur einige Beispiele, aber erinnere dich, alter Mann, an die schlimmste Erfahrung: Nachdem du dich mit der Holocaust-Leugnung auseinandergesetzt hast, um deren perfide Methoden zu entlarven und andere darüber aufzuklären, musstest du mitbekommen, dass deine ehemals linken Gesinnungsgenossen dieselben Methoden bei der ebenso geschichtsfälschenden Bombenopfer-Leugnung benutzen: „Es waren gar nicht so viele!“ – „Augenzeugen sind wertlos oder lügen gar!“ – „Es gibt Gründe, es war gerechtfertigt, bis hin: Es war  notwendig!“ Die gleiche Suppe, die in dieselbe Schüssel gekippt werden sollte, um sie runterzuspülen! Sie tanzen auf den Gräbern der Opfer, morden sie noch einmal mit Worten!

„Wir dürfen den Rechten keine Möglichkeit zur Aufrechnung geben!“, verrieten mir einige unter der Hand. Sind sie es wert, diese rechten Glatz- und Schwachköpfe, dass man ihnen die Wahrheit opfert, aus der die Welt lernen könnte, lernen muss? Nein, denn es gibt keine Aufrechnung, diese ist selbst schon ein Verbrechen!

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun

So sind es auch dieselben, welche die Jungs aufhetzen. Sie sind schlimmer als die sogenannten Freiheitsbewegungen. Um ihre Revolutionsromantik zu stillen, tummeln sie sich in den Unterstützerszenen dieser Organisationen. Sie schicken lieber die Jungs mit Solidaritätsbekundungen in den Kampf, als sich selbst die Finger schmutzig zu machen.
Fett und wohlgenährt sitzen sie in luxusmodernisierten Altbau-Wohnungen, für deren ursprünglichen Zustand und bezahlbare Mieten ich einst gekämpft habe.

Ja, im Gegensatz zu ihnen habe ich gekämpft, für eine gerechte Sache, wie ich noch heute meine. Zur Zeit der Hausbesetzungen war ich der Elektriker, welcher alles reparieren, in Gang bringen konnte, der Verbindungen weit über Häuserblöcke hinaus schuf und, wohl am wichtigsten, die Bullen mit den ausgeklügeltesten Stromfallen stoppte, ihre Fahrzeuge lahmlegte. Ein Jungen, und der war ich damals, dem dutzende Male gesagt wurde, er sei wichtiger als drei der mutigsten Straßenkämpfer – ein wahrer Stadtguerillero.

Nachdem ich mich jedoch geweigert hatte, mit meinen Fallen Menschenleben zu gefährden, in Wohnungen zu gehen, in denen nicht mehr instandbesetzt, sondern nur noch die Wannen vollgeschissen wurden, Prügel-Anarchos zu dienen, die radikaler waren als die SS, da wurde ich schnell vom Helden zum Verräter. Für mich jedoch waren diejenigen Verräter, die eine gerechte Sache Chaoten in die Hände gegeben hatten.

Ja, auch mich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit euch heute immer noch tun
Und ich hab ihnen alles gegeben:
Meine Kraft, meine Jugend, mein Streben

Auch für die Dauerrevoluzzer darf der Kampf nicht enden. Sie können ohne Feindbilder nicht leben. Evolution statt Revolution ist ihnen genauso fremd wie reden statt schießen. Sie reden den Jungs ein, dass sie keine anderen Perspektiven hätten, werden nicht müde, dies über jedes Medium zu verbreiten. Bullshit! Für diese Perspektiven gibt es Menschen wie mich und Hunderte andere in diesem Land, die sich darum kümmern. Das ist natürlich anstrengender als hetzen und sich an Feindbildern selbst zu befriedigen. Sie sind nicht besser als die sogenannten Hassprediger.

Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht
Deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluss?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuss?

„Hey, sag das doch denen, die an allem schuld sind“, höre ich die im immerwährenden Dauerwiderstand befindlichen Revolutionsromantiker rufen. „Sag es den Amis, den Israelis, den Türken, den – sonst wen, alter Mann, sag es denen!“

Tut mir leid, die kenne ich nicht. Juden, die vom historischen Recht auf Eretz Israel palavern, Amerikaner, die meinen, dass die USA die Welt regieren müssten, sehe ich höchstens im Fernseher, und wenn ich den wütend anbrülle, reagiert er nicht. Selbstgerechte und selbsternannte Weltverbesserer, die alle Wege, alle Wahrheiten für sich gepachtet haben, denen begegne ich hier in Deutschland jedoch ständig. Ist das eine neue Form von: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? An der ideologischen Rechtgläubigkeit stirb jede Diskussion, jedes Gespräch.

Von wem sollen die Jungs in meiner Klasse lernen, für den Frieden zu kämpfen, Ziele zu haben, die über das Vernichten des Gegners hinausgehen, lernen wie man aufbaut, nicht zerstört? Von Menschen, die sich selbst grundsätzlich über Anti definieren? Anti ist keine Lebenseinstellung, eher das Gegenteil davon. Für den Anti darf der Kampf auch nie aufhören. Er braucht den Gegner für das eigene Sein. Dabei geht er soweit, dass er Methoden des Gegners benutzt, die er angeblich bekämpfen wollte.

Indem der Anti anderen eine Meinung abspricht, mag sie noch so verwirrt sein, ja sogar seine Existenzberechtigung, entmenschlicht er, macht seinen Gegner zum Untermenschen, damit er selbst zur rechtgläubigen Herrenrasse gehört. Wenn ich irgendwann den einzigen Unterschied nur noch darin sehe, dass die eine Seite bunte und die andere Seite keine Haare hat, ist alles zu spät. Antis würden es gerne sehen, wenn ich mit Rechten nicht reden würde, einem von ihnen nicht einmal die Uhrzeit sage. Ich lass mir das nicht nehmen und nutze die Chance, ihm dabei zu sagen, dass für ihn sowieso immer gestern sei. Nie werde ich die Hoffnung aufgeben, andere zum Denken bringen zu können. Auf Redeverbote folgt die Gedankenpolizei. Soll die mich dann abholen, um mir das Denken abzunehmen, im Sinne derer, welche die einzig wahren Gedanken haben. Solange kämpfe ich für den Diskurs, die Diskussion, das Gespräch. Denn, wenn das wegfällt, bleiben nur Fäuste, AK47 und G3.

So geht es weiter mit der Verbohrtheit. So treffe ich Siebtklässler, die nur einen Traum, eine Lebensvorstellung haben: „Ich töte alle Serben!“ Andersherum läuft eine widerliche Propagandawelle der Srebrenica-Leugnung. Was sich bewährt, wird wiederholt, und sei es noch so verlogen.

Wenn es etwas gibt, das ein Deutscher tun kann, worauf er mit Recht stolz sein darf, ist es, zu seiner Geschichte zu stehen. Besonders auf das bedingungslose Eingeständnis, dass im Namen Deutschlands grauenvolle Verbrechen verübt wurden, und die Welt einen Vernichtungskrieg ertragen musste. Deshalb reiche ich allen die Hand, bitte um Vergebung für die Untaten meiner Vorväter. Dies ist bei uns Konsens, da können wir Vorbild sein.

Zeigen wir doch denen, die sich bedrängt fühlen, dass es sich lohnt. Der Wille zum Frieden schafft Freundschaft, und es ist schön, von Freunden umzingelt zu sein. Freundschaft heißt nicht gedanken- und bedingungslose Unterstützung, sondern seinem Freund auch unangenehme Wahrheiten zu sagen, um ihn von Unmenschlichkeit abzuhalten. Ich musste sehen, wie deutsche Unterstützer dem palästinensischen Vater zujubelten, der seiner vierjährigen Tochter die Bomben-Attrappe bei der Solidaritätsdemo um den Bauch band.

Oder hat dir die Bombe die Glieder zerfetzt
Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt
Bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt
Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?

Golda Meir meinte einst: „Frieden wird es geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.“ Helft ihnen ihre Kinder zu lieben, anstatt ihnen zuzujubeln, wenn sie ihr Fleisch und Blut für die Sache in den Tod schicken wollen.

Es blieb nur der Grabstein als die einzige Spur
Von deinem Leben, doch hör‘ meinen Schwur
Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein
Dann kann es gescheh’n, dass bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt

Jetzt stehe ich hier, im Niemandsland, und glaube fest, dass die Vernunft bei mir ist. Wir beide breiten unsere Arme aus, reichen die Hände nach rechts und links, in der Hoffnung:

Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit
Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit

Ende Oktober erscheint Bernd Dascheks Anthologie „Nonkonformismussocken – politische Glossen und Essays aus dem Niemandsland“. Der namengebende Beitrag „No Man’s Land“ ist ein Teil dieser von politischer und menschlicher Leidenschaft getragenen Textsammlung. Die Redaktion.

 

Bild: Thephotostrand

Written by Bernd Daschek

Bernd Daschek studierte nach seiner Ausbildung zum Elektrotechniker Geschichte und Philosophie und ist zurzeit als Honorarlehrkraft tätig. Er schreibt und veröffentlicht seit Anfang 2014 erfolgreich Romane, Kurzgeschichten, Dramen, Glossen und Essays.

4 comments

    1. Vielen Dank, Petra Brinkert-Lederer! Unsere Welt, unser Land braucht jeden der mithilft, eine Gesellschaft des „Miteinander“ zu schaffen. Mag die utopische Vorstellung des Niemandslandes naiv klingen, sie ist es nicht. Reden, Zuhören, auch akzeptieren, was man zunächst nicht versteht, Achtung dem Anderen gegenüber, sind einfache Schritte zur Abkehr von einer Gesellschaft, die zur „Show“ verkommen ist. Füreinander streiten, um den besten Weg für alle zu finden, das kann nur richtig sein. Nochmals Dank für die Mithilfe dabei.

    1. Ein Satz, eine Herausforderung! Das braucht man zum Denken, deshalb danke dafür. Ich teile die Ansicht nicht, dass der Mensch sein eigener „Fressfeind“ sei. Im Gegenteil, halte ich das soziale Wesen für die anthropologische Konstante. Nun geht Thomas Hobbes in seiner Übertragung der Wolfsmetapher (denn in Plautus Original: „Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit“, geht dieser ja von der Unkenntnis des Anderen aus), philosophisch richtig, vom schlimmsten anzunehmenden Fall aus. Aber gerade Hobbes (ich mag ihn) bietet die Lösung: Den im Konsens entstandenen „Vertrag“. – Ganz nebenbei, das soziale Rudelverhalten von Wölfen ist, obwohl hierarchisch (da kämpft meine Anarcho-Seele), nicht das, was uns Angst machen sollte.

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