„Schön dass wir darüber mal gesprochen haben“ – und alles bleibt wie es ist. Wer kennt das nicht? Unzählige Sitzungen pro Woche, ob in Form von Telefonkonferenzen oder Teammeetings, gehören für viele inzwischen zum Alltag. Oftmals sind es stundenlange, häufig mehrmals in der Woche stattfindende Besprechungen, deren Teilnehmer meistens nicht einmal genau wissen, wovon das Gegenüber gerade spricht, weil sie schlichtweg schlecht oder gar nicht vorbereitet sind. Man monologisiert dann einfach vor sich hin. Und obwohl sich fast alle Beteiligten dessen bewusst sind und diesen Zustand mehr oder weniger offen beklagen, ist eine Änderung nicht in Sicht. Jeder will seinen Senf dazugeben. Aber es kommt noch dicker. Denn neben all dem Meeting-Terror rauben uns unproduktive Projektplanungs-Exzesse und Workshop-Tingeltangel zusätzlich wertvolle Zeit. Die wachsende Beschleunigung unserer Wirtschaftsprozesse ist dabei nicht nur ein forcierender Faktor sondern strukturiert auch zunehmend den Arbeitsalltag.

Deswegen können wir uns auch nicht mehr in Ruhe auf eine Aufgabe konzentrieren sondern müssen gleichzeitig und unter enormen Zeitdruck auf vielen Hochzeiten tanzen. Das zerrt an den Nerven, weil der zusätzliche Berg an Arbeit in einer normalen Arbeitswoche einfach nicht mehr zu bewältigen ist. Ungefähr so sieht derzeit der Alltag in vielen Unternehmen aus, die in den Strudel digitaler Umwälzungen geraten sind. Und während andere gesellschaftliche Bewegungen gerade dabei sind, die Langsamkeit wiederzuentdecken, fordern Wirtschaftsexperten noch mehr Tempo.

 

Bullshitpraktiken sind keine Arbeit

Dabei haben Mitarbeiter und ihre Chefs nun wirklich alle Hände voll zu tun. Sie sind völlig überlastet und erschöpft und kommen einfach nicht zur Ruhe. Wenigstens ein Fleißkärtchen hätten sie verdient. Weit gefehlt. Stattdessen kommt noch Lars Vollmer und stellt alles auf den Kopf. „Es wird viel zu wenig gearbeitet“, behauptet der Managementvordenker. „Alles nur Businesstheater“. Denn Mitarbeiter und ihre Chefs seien zu gut 50 % damit beschäftigt, nicht zu arbeiten, sondern nur Arbeit zu spielen, indem sie immer öfter an Meetings, Konferenzen oder Reportingorgien teilnehmen müssten. In vielen Unternehmen gäbe es zwar Hunderte dieser „Bullshitpraktiken“ aber eben keine richtige wertschöpfende Arbeit, schreibt er in seinem Buch Zurück an die Arbeit. Das schmerzt und man könnte wirklich beleidigt sein. Aber irgendetwas stimmt tatsächlich nicht. Eine Art Unbehagen, das für alle spürbar ist, die unter den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen leiden.

Nichts als Arbeit | seinsart

Die digitale Revolution verändert Wertschöpfung und Arbeitswelt dramatisch. Alles scheint sich nicht nur immer stärker zu beschleunigen, sondern dabei auch zunehmend aus dem Takt zu geraten. Es geht dabei um Geld und Profit. Und darum, den größtmöglichen Nutzen mit minimalen Kosten zu verbinden. Es geht um Effizienz, Kontrolle und Berechenbarkeit. Und gleichzeitig zeigt sich die Wirtschaft gerade so dynamisch und komplex wie nie zuvor. Die Arbeitswelten werden bunter und können mit dem Tempo der Veränderungen oft nicht mehr mithalten. Und zu allem Überfluss platzt auch noch diese „laut quasselnde, hoch kommunikative, nicht mundtot zu kriegende Generation Y dazwischen“, die nichts so hinnimmt, wie es ist und alles Etablierte in Frage stellt.

 

Alte Managementmethoden haben ausgedient 

Nun ist es aber nicht die Generation Y, die gerade den Takt in den deutschen Unternehmen vorgibt. Denn in den Chefetagen wimmelt es nur so von Babyboomern. Anfang der Sechziger geboren und heute auf dem Karrieregipfel angekommen, stehen sie in vielen Unternehmen in der Verantwortung. Jahrzehntelang waren die Manager hoch erfolgreich. Doch plötzlich läuft alles aus dem Ruder. Eigentlich müsste man schnell reagieren, kann aber nicht. Stattdessen versuchen General Manager und CEOs, mit veralteten Werkzeugen und wirkungslosen Managementprozessen vergeblich, der sich stetig verändernden Wirklichkeit Herr zu werden. „Keine gute Idee,“ meint Lars Vollmer „denn mit den alten Rezepten kann der neuen Welt nicht mehr begegnet werden.“

 

New Work versus Managementtechnokraten

Die Lage ist also ernst – und deshalb ist man schnell versucht, Asterix zu zitieren: Wir befinden uns im Jahr 2016 n. Chr. Die ganze Welt ist von Managementtechnokraten besetzt… Die ganze Welt? Nein. Denn eine unbeugsame Gruppe von „New Workern“ rottet sich zusammen und erhebt ihre Philosophie zum Credo eines neuen Arbeitsstils. Allem Arbeitswahn zum Trotz stellt sie die klassischen Konzepte von Arbeit auf den Kopf und erschafft fortan Wellnessoasen vom Feinsten. Starre Arbeitsplatzkonzepte werden aufgelöst ebenso wie strenge Hierarchien, fixe Arbeitszeiten und- orte. Geleistet wird, wann es der Markt erfordert, oft rund um die Uhr, von wo auch immer. Aus Büros werden Workspaces und deren Mitarbeiter verwandeln sich über Nacht in Cloudworker. Aber alles halb so wild. Denn statt ergebnislosem Zeitvertreib versprechen New Worker mehr Freiraum für Kreativität und persönliche Entfaltung bei der Arbeit. Also echte Handlungsfreiheit, die wirklich wichtigen Dinge zu tun.

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Das wäre ja im Grunde eine gute Sache, wenn nicht die Arbeitswirklichkeit eine andere wäre. Die Realität zeigt, dass Menschen in Unternehmen selten flexibel arbeiten können und dürfen, weil die Firmenpolitik nach wie vor eine dominierende Rolle spielt. „Theoretisch könne man zwar flexibel arbeiten, aber praktisch auch gleich einen Aufhebungsvertrag unterschreiben“, sagt Unternehmensberaterin Svenja Hofert. Denn auch in den innovativen Unternehmen gäbe es nach wie vor immer noch Machtspiele zwischen den alten Mächten und den neuen Kräften. Die Folge sei, dass wirklich leistungs- und inhaltsmotivierte Menschen regelrecht ausgelaugt werden. So gesehen ist die Idee von der Wohlfühlorganisation wohl auch keine probate Lösung.

 

Arbeit ist kein zeitgeistiger Trend

Schaffen wir die Arbeit also einfach ab? Nein, denn den meisten Menschen macht sie Freude und ist Lebensgrundlage. Vor allem angesichts der Tatsache, dass wir immer länger arbeiten werden, ist die Frage, welche Perspektiven uns in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmärkten erwartet, aktueller denn je. Ganz sicher gab es schon immer gute Gründe, die allseits akzeptierten Managementmethoden in Frage zu stellen oder bei der Organisation von Arbeit, individuelle Lösungen, flexiblere Arbeitszeiten und Handlungsfreiheit zu fordern.

Allerdings hat Arbeit an sich nichts mit zeitgeistigen Trends, sondern viel mit eigenverantwortlicher und sinnvoller Lebensgestaltung zu tun. Wahre Selbstbestimmung ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wenn wir schon bis ins hohe Alter arbeiten wollen oder müssen, dann sollten wir unser Recht auf sinnvolle, erfüllende Arbeit einfordern und bereit sein, dazu auch einen eigenen Beitrag zu leisten. „Erwerbstätige müssen selbst zu Regisseuren ihres (Berufs-)Lebens werden. In diesem Sinne neu zu denken wird auch in Zukunft wichtiger sein denn je“, schreibt die Journalistin Johanna Zugmann in ihrem Buch, Karriere neu denken: Ende, Wende, Neuanfang. Machen wir uns an die Arbeit!

 

Bilder: Comfreak (Titel), Unsplash

 

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Written by Birgitta Wallmann

Birgitta Wallmann ist selbstständige Rechtsanwältin und Journalistin. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirschaftslehre in Mainz rief sie das Schreiben, weshalb sie sich bis 2014 an der Freien Journalistenschule Berlin ausbilden ließ.

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