Hammed Khamis war einst das, was man einen Intensivtäter nennt. In einer Gastarbeitersiedlung von Osnabrück aufgewachsen, brach er dort für etliche Jahre das Gesetz. Raub, Erpressung, Nötigung, Körperverletzung und ein Leben auf der Überholspur gehörten zu seinem Alltag. Während einer fünfmonatigen Untersuchungshaft begann er über sein Leben nachzudenken, schaffte 2006 den Ausstieg aus dem kriminellen Milieu und ist heute geläutert. In seinem Buch »Ansichten eines Banditen« beschreibt er rückblickend diese Zeit. Heute ist er Streetworker und Autor in Berlin und engagiert sich für Jugendliche mit Migrationshintergrund, um ihnen seine Erfahrungen zu ersparen.

Hammed Khamis war einst ein richtig »schwerer Junge«. Heute ist er Anfang dreißig, stets mit Basecap und Jeans bekleidet, humorvoll, charmant und sehr sympathisch. Ich treffe ihn in einem türkischen Imbiss im Berliner Stadtteil Wedding und bin überrascht. Irgendwie hatte ich mir einen ehemaligen Intensivtäter anders vorgestellt.

Er kommt gleich zur Sache. »Lass uns mal rüber gehen«, sagt er. Er zeigt auf das gegenüberliegende Haus der Jugend am Nauener Platz, einer Jugendfreizeiteinrichtung für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 21 Jahren. Sie ist Teil der Stiftung Sozialpädagogisches Institut »Walter May« (SPI), welche sich zur Aufgabe gemacht hat, auf Grundlage der Ziele der Arbeiterwohlfahrt die Lebensumstände benachteiligter Menschen nachhaltig zu verbessern. Durch ein breitgefächertes Kursangebot fördert sie im Rahmen ihrer sozialen Arbeit dabei besonders die Hilfe zur Selbsthilfe. Mit ihrer Arbeit im nationalen und internationalen Rahmen will die Stiftung mit dazu beitragen, eine Gesellschaft zu entwickeln, in der sich jeder Mensch in Verantwortung für sich und das Gemeinwesen frei entfalten kann.

Die Integrationsschule ist mein Traum!

Das Haus der Jugend befindet sich in einem Teil Berlins mit einer sehr problematischen sozialen Struktur und hält gerade deswegen für Kinder und Jugendliche ein adäquates Angebot bereit. Hier trainiert Hammed Khamis einmal wöchentlich in seiner Integrationsschule »Auf die 12« mit Jugendlichen Selbstverteidigung auf der Grundlage der koreanischen Kampfkunst Taekwondo. Er trainiert Jugendliche, um ihnen dabei zu helfen, ihre Aggressionen in richtige Bahnen zu lenken und dadurch ein besseres Selbstwertgefühl zu bekommen. Denn er selber hat erlebt, wie leicht es ist, sich in der Spirale aus Frust, Verzweiflung, Gewalt und Kriminalität zu verlieren.

DSC_5747x3

 

Nachdem seine große Familie Anfang der achtziger Jahre auf der Flucht vor dem Krieg im Libanon nach Deutschland gekommen war, wurde er in Osnabrück geboren und wuchs dort als das elfte von vierzehn Kindern in einer Gastarbeitersiedlung auf, die sich Sandgrube nannte. Hier hatten fast alle Jungs einen Migrationshintergrund und oft große Träume von viel Geld, teuren Autos, schicken Klamotten oder Mädchen. Aber Rausgehen, Feiern und Trinken waren ihm zu wenig. Er wollte alles zugleich und ging aufs Ganze. Heute sagt er: »Eigentlich habe ich alles gemacht, was schnell und unkompliziert Geld gebracht hat.«

Im Teenageralter musst Du Dich für eine Seite entscheiden.
Ich habe die Falsche genommen.

Um dies zu erreichen, verfolgte er konsequent seinen Weg. Mit krimineller Energie machte er sich über viele Jahre durch Raub, Erpressung, Nötigung und Körperverletzung einen Namen in der Osnabrücker Szene und wurde der Boss mehrerer krimineller Banden. Alles war möglich, er setzte es durch, und niemand hielt ihn auf. Dann unterbrach eine Untersuchungshaft wegen einer gewaltsamen Auseinandersetzung für fünf Monate diese Laufbahn; dies war sein Glück, wie er heute sagt. Als damals jüngster Gefangener der JVA Münster nutzte er die Haftzeit, die ihm ewig erschien und ihn fast zerbrach, um über sein Leben nachzudenken und es zu ändern.

Am Ende steht niemand hinter Dir. Du wirst nur noch Rechtsanwaltskosten haben und einen Gerichtstermin in Deinem Nacken, der Dich quält.

Als er mit einer dreijährigen Bewährungsstrafe und der Auflage entlassen wurde, 60.000 Euro Anwaltskosten und Schmerzensgeld zu zahlen, startete er mit dem festen Willen, »sich mit einem neuen und stressfreien Leben zu befassen« und sein Geld auf legale Weise zu verdienen. Er arbeitete in einem Jeansladen und im Außendienst einer großen Firma. Mit Hilfe seiner damaligen Ehefrau aus seinem Herkunftskreis gelang ihm der Ausstieg aus dem kriminellen Milieu. Um mit seiner Vergangenheit endgültig abzuschließen, schrieb er Briefe an seine vielen Familienmitglieder und ehemaligen Freunde, die irgendwie alle in dieses frühere Leben verwebt zu sein schienen. Durch einen Zufall traf er auf den ehemaligen Leiter des Fachgebiets Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Osnabrück, Professor Siegfried Greif. Dieser ermunterte und unterstützte ihn, jene Briefe in ein Buch umzuwandeln.

Meine Geschichte widme ich allen Menschen,
denen ich in meinem Leben Unrecht getan habe.

Mit der mutigen Niederschrift dieser Texte in seinem Buch »Ansichten eines Banditen« (Sich Verlag, 2012) schaffte es Hammed Khamis endgültig, ein neues Kapitel seines Lebens aufzuschlagen. In ihm schildert er seine damaligen fast manisch anmutenden Höhenflüge, oft nur schwer nachvollziehbaren Ansichten von Ehre und Stolz, ergreifende persönliche Schicksalsschläge und das Eingeständnis eines bis dahin verpfuschten Lebens. »Das Schlimmste ist aber, dass man von der eigenen Familie gemieden wird, weil keiner mehr wusste, wie er mit mir umgehen sollte.«

DSC_6209x2

 

Um mit der kriminellen Vergangenheit abzuschließen und sich der Gefahr des Eintretens alter Mechanismen gänzlich zu entziehen, verlässt er nach der Trennung von seiner Ehefrau das ihm altbekannte Osnabrück und zieht nach Berlin. Hier beginnt er im Sommer 2012 bei Null. Ohne Zuhilfenahme alter Kontakte, wie er erzählt, versucht er in einem »normalen Leben« Fuß zu fassen. Als Autor und Streetworker engagiert er sich fortan für die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, um ihnen »eine Extrarunde, ganz gleich welcher Art, zu ersparen.«

Mit seinen Lesungen in Stadtteil-Bibliotheken, Berufsschulen und Jugendzentren, wie beispielsweise im Jugendtreff »The Corner« in Berlin-Neukölln oder dem Boxzentrum »Farid’s Qualifighting« in Münster, gibt er seinen Lesern die Möglichkeit, »selbst zu beurteilen, was sie richtig finden und was nicht.« Die nicht lektorierte Jugendsprache, welche er als stilistisches Mittel zur Grundbedingung der Veröffentlichung dieser Texte machte, ermöglicht ein tiefes Eintauchen in diese Welt, denn Khamis findet: »Jeder hat einen Teil in sich, in dem er sich irgendwie wiederfindet in dem Buch.« Er sagt jedoch: »Ich will nicht bejubelt werden für etwas, das moralisch total verwerflich ist. Ich hoffe, meine Geschichte wird andere Menschen davor bewahren, diese Dinge zu tun.«

Ich will nicht bejubelt werden für etwas,
das moralisch total verwerflich ist!

Aber Khamis liest aus seinem Buch nicht nur an Orten sozialer Brennpunkte, sondern auch auf dem Hip Hop-Festival »Splash«, diversen Lesebühnen des Landes, an Universitäten, wie die in Osnabrück und Münster, und selbst an der Polizeiakademie Oldenburg, um Menschen für diese Problematik zu sensibilisieren.

Die Jugendlichen, welche seine Integrationsschule in Berlin-Wedding besuchen, kommen aus teilweise schwierigen Verhältnissen. Ihnen könnte die gleiche Laufbahn drohen, die Hammed hinter sich hat. Alle wissen von seiner Vergangenheit. In unzähligen Straßenkämpfen hat er seine Macht durchgesetzt und viele Jahre verschiedene Kampfsportarten trainiert. Das nötigt ihnen Respekt ab, denn er spricht ihre Sprache und nimmt sie ernst.

DSC_6158x4

 

Gleich zu Beginn des Trainings bespricht er mit jedem Jugendlichen einen von ihm verfassten Trainings-Kodex, den jeder unterschreiben muss, um dabei sein zu können. Er beinhaltet acht Regeln, die alle darauf abzielen, respektvoll und empathisch miteinander umzugehen. Die oberste Regel lautet: »Ich bin nicht hier, um zu lernen, wie man einem Menschen Schaden zufügt.« Khamis wird nicht müde, dies immer wieder zu betonen, wenn die Jugendlichen voller Wucht auf die Trainingspratzen einschlagen. Zusammen
mit den manchmal eingeladenen Gasttrainern gibt er ihnen dadurch viel mehr als nur eine sportliche Betätigung.

Du kannst Tränen nicht einfach wegwischen.
Denn sie bedecken die Narben, die unter ihnen begraben liegen.

Um das Training zeitlich weiter auszubauen und es auch anderen Jugendlichen zu ermöglichen, ist es notwendig, Hammed Khamis Arbeit zu unterstützen. Auch wenn die Jugendfreizeiteinrichtung der SPI-Stiftung ihm zwar die Räume zur Verfügung stellt, ihn aber momentan nicht bezahlen kann und es an geeignetem Trainingsmaterial und Trainingskleidung mangelt, kämpft er weiter. Die Trainingspratzen hat er als erstes selber gekauft und sie den Jugendlichen zur Verfügung gestellt. Sein Buch kennen hier viele. Er lächelt und sagt: »Mein Leben kann einen Sinn haben, wenn andere Menschen meine Geschichte lesen und vielleicht etwas daraus lernen.«Bilder: Natascha Zivadinovic

Written by Astrid Winterfeld

Astrid Winterfeld studierte Film- und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Ihr besonderes Interesse gilt Menschen, die sich in sozialen Projekten engagieren. Ihr Themenspektrum reicht von Künstlerporträts bis hin zu ganzheitlichen Lebensansätzen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>