„Die Erfindung der Wahrheit“ ist einer der wenigen Fälle, in denen die deutsche Übersetzung eines Filmtitels tatsächlich eine gute Wahl ist oder zumindest dem Inhalt des Filmes entspricht. Nach der schlagzeilenträchtigen Aussage von Ex FBI Chef James Comey über US-Präsident Donald Trump ist eine neue Stufe des Misstrauens gegen die politische Führungsriege erklommen. Es geht um (vermeintliche) Manipulation und Lügen auf höchster Ebene. Somit erscheint der Film leider wie ein Spiegel der derzeitigen politischen Weltstimmung.

Das Lobbying thematisierend, ist das John Maddens Werk mit Jessica Chastain sogar nur noch der kleine Bruder der Realität. Doch auch wenn es hier nicht um das Oberhaupt der politischen Führungsriege geht, werden doch alle Vorurteile bestätigt, warum man den Glauben in den politischen Apparat generell verlieren könnte.

Macht macht korrupt, und das in jeder Form. „Miss Sloane“ (so der Originaltitel) beginnt ausgerechnet mit einer der wenigen ethischen Entscheidungen der titelgegebenden Antiheldin. Die erfolgreiche und skrupellose Lobbyistin hat einen durch viel Erfolg zementierten Ruf: Sie tritt an, um zu siegen – koste es, was es wolle. Wenn sie ihre „alternativen Fakten“ vorlegt, führt sie ihre Gegner vor und spielt mit der Presse ebenso wie mit dem Publikum.

Doch als Vertreter der Waffenlobby bei ihr vorstellig werden, erfahren sie eine grobe Abfuhr. Denn Elizabeth Sloane denkt nicht nur nicht daran, sich gegen die Verschärfung eines Gesetzes zum Waffenbesitz einzusetzen – sie nutzt die Gelegenheit auch, um ihre persönliche Missachtung gegenüber dem Vorschlag und der Sache auszudrücken. Was zunächst zu einem Eklat mit ihrem Chef und damit zu einem Bruch mit ihrer Agentur führt, ist jedoch nur der Anfang eines schmutzigen Krieges.

Denn Sloane hält sich nicht aus der Angelegenheit heraus – sie wechselt kurzerhand zur Gegenseite, um sich proaktiv für die Durchsetzung des Gesetzesentwurfs einzusetzen. Ihr neuer Chef Rodolfo Schmidt, der schon zuvor um die Dienste der brillanten Strategin geworben hatte, nimmt ihre Hilfe nur zu gerne an. Doch im Laufe der Zusammenarbeit stößt auch er mit Sloanes Methoden zusammen.

Hat sie den Job aus ehrlicher Überzeugung angenommen? Oder ist es eine persönliche Herausforderung, gegen einen scheinbar allmächtigen Gegner zu gewinnen? Als Zuschauer möchte man Elizabeth Sloane eigentlich gern haben, aber diese macht es einem zunehmend schwerer. Denn sowohl die Frage nach ihrer Motivation – ist sie eventuell doch nur eine narzisstische, gewinnversessene Manipulatorin? – als auch ihre Arbeitsweise überschreiten sowohl legale als auch ethische Grenzen.

Je mehr Erfolg ihre Kampagne einfährt, desto rabiater werden die Gegenmaßnahmen ihres ehemaligen Bosses samt involvierter Waffenfirma. Wenn Sloane nicht strategisch gestoppt werden kann, müssen rabiate Wege beschritten werden: So sieht sie sich bald selbst als Person unter Beschuss. Nun muss sie nicht nur ihre Kampagne, sondern auch ihre Karriere retten. Oder ist dies nur ein weiterer Schritt in einem Spiel, das sie selbst bis zum Ende nach ihrem Belieben spielt?

Manipulation von Personen jeglicher beruflicher Position und eine gewisse Grauzeichung bis hin zur nobelsten Motivation machen „Die Erfindung der Wahrheit“ zu einer Bewährungsprobe der eigenen Überzeugungen. Was darf für den guten Zweck getan werden?

Dass der Zuschauer dem komplexen Geschehen gespannt folgen kann, ist vor allem Jessica Chastain zu verdanken. Sie verleiht dieser Elizabeth Sloane all die Facetten, für die ihr das intelligente und gut strukturierte Drehbuch Möglichkeiten bietet. Ihre Hauptfigur ist berechnend und eiskalt, aber ebenfalls zutiefst menschlich und von Zweifeln geplagt. Sie ist die Meisterin des Spiels, zahlt aber dennoch einen hohen Preis. Das weiß sie selbst. Wenn sie beispielsweise – unbeabsichtigt? – das Leben einer weiteren Figur mit einer Schlüsselrolle in der Kampagne in Gefahr bringt, gibt ihr der Film den Spielraum, ihr Können von knallhartem Kalkül bis hin zu aufrichtiger Betroffenheit zu zeigen.

Grade die Aufopferung aller zwischenmenschlichen Beziehungen zugunsten ihres Berufes wird auch mit einer Nebenhandlung über ihr nicht vorhandenes Privatleben sabotiert. Einer der wenigen Momente, den Elizabeth Sloane nicht vorhergeplant hat und der sie den Sieg kosten könnte, wird plötzlich von der einzigen Figur abhängig, die sie außerhalb des Büros sieht. Wenn die berechnende Lobbyistin ausgerechnet auf eine uneigennützige Geste einer anderen Person angewiesen ist, sieht man die sonst so steinerne Miene beben. Gibt es Hoffnung für Elizabeth Sloane – als Mensch?

Neben Chastain präsentiert „Die Erfindung der Wahrheit“ auch auch ein bemerkenswertes Ensemble an hochklassigen Schauspielern, die ihre Rollen voll und ganz mit Leben erfüllen. Auch wenn Sloane im Mittelpunkt steht, sind die meisten Nebenfiguren zwar kleine, aber wichtige Zahnräder im Uhrwerk, welches sich langsam, bestimmt und unaufhaltsam zu seinem Finale vorarbeitet.

Auch wenn dieser Film eine Geschichte von Machtmissbrauch, Korruption und Manipulation nachzeichnet, so bietet er doch auch Grund zur Hoffnung. Denn er zeigt, dass eine einzige Person viel bewältigen kann. Und dass diese Person nicht zwangsläufig eine der „Guten“ sein muss. „Miss Sloane“ ist ein Film voller unangenehmen Fragen und Grauzonen, denen der Zuschauer gespannt und konzentriert folgen muss. Er zeigt, dass nicht alles Gute mit ausschließlich guten Methoden erwirkt werden kann und lässt seinen Zuschauer (genau wie seine Hauptfigur an einem gewissen Punkt) mit der Frage zurück, welche Opfer man bereitwillig zu machen gedenkt. Und das letzte Bild lässt einen mit einem leicht flauen Magen zurück: Ein Happy End sieht anders aus.

Wer gerne intelligente Filme sieht, in denen intelligente Figuren intelligente Dinge tun, der wird hier auf ganzer Linie für seine Aufmerksamkeit belohnt. In den USA wollte fast niemand John Maddens Thriller-Drama sehen. Vielleicht ist das Publikum dort gerade in dieser Legislaturperiode froh, im Kino die Realität hinter sich zu lassen. Damit sich dies hierzulande hoffentlich nicht wiederholt, sei an dieser Stelle ein wenig Lobbying verziehen: Gehen Sie ins Kino. Es lohnt sich!

 

Die Erfindung der Wahrheit läuft ab 6. Juli 2017  hier im Kino.

 

Die Erfindung der Wahrheit
USA 2016
Dauer: 133 Min
Genre: Thriller/Drama
FSK: ab 12
Filmverleih: Universum Film (Central)

 

Bild: ©Universum Film GmbH 

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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