Ich sitze mit meinem Vater, irgendwann am Tag, irgendwann im April, irgendwo im Prenzlauer Berg. Es ist egal, ob es Dienstagmorgen oder Sonntagmittag ist – jedes Café ist immer gleich überfüllt, da die Prenzlauer Berg-Mutter hauptberuflich Bruncherin ist. Mutter nicht, das ist ihre Berufung.

Mein Papa, stolz und über 70 und gut erzogen, wird bei irgendeinem austauschbaren „Place to be“ neben sich auf der Bank mit Avocadotoast, Flat White Coffee und Co von einem hyperaktiven Kleinkind malträtiert. Mit matschverkrusteten Schuhen auf der Bank auf- und abspringend, sich auf den Schultern der entweder seelisch toten oder aber komplett in sich ruhenden Mutter abstützend, kreischt es die komplette Tonleiter rauf und runter. Und stößt, passend im 4/4 Takt, immer wieder mit seinem gewindelten Hinterteil an Papas Schulter.

Papa sagt…. nichts. Ich schon, da ich nicht gut erzogen bin – aber noch immer besser als das verzogene Balg der meditierenden Mutter. Sie wippt selig, mit geschlossenen Augen, weil ein Haarhaufen – Hund, Katze, man weiß ja nie – in ihrem Schoß liegt. Bei näherer Betrachtung sehe ich allerdings, dass es ein weiteres Kind ist: deutlich größer, ein Mädchen, das sich an der Mutter reibt und sie abkuschelt und, trotz ihrer Größe, vergeblich versucht, komplett auf ihren Arm zu kriechen.

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Ich war kurz davor, so etwas wie Mitleid mit dieser Frau zu empfinden, aber jeder ist seines Glückes Schmied, was auch der Grund dafür war, dass ich sie ansprach: „Entschuldigung, würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihr Kind zu erziehen?“ Sie hört mich nicht. Verstehe ich. Ich würde auch abschalten. Kurz darauf wird unser Essen aufgerufen und ich gehe hinein, um es zu holen – nicht, ohne Papa ein „Ein Wunder, dass ich das gehört habe“ hinterherzurufen. Ich komme also glückselig grinsend (weil, Essen. Klar, oder?) mit dampfenden Tellern heraus und werde von der Seite mit ohrenbetäubender Lautstärke angesprochen – offensichtlich ging der Monolog schon länger, denn ich höre ihn erst ab:“…gar nicht, dieses passiv-aggressive Verhalten!!!1112“

Mehr als ein verduztes „..äh?!“ kriege ich nicht zustande, denn nach mehrfacher, gescheiterter Kontaktaufnahme und der stoischen Ruhe war ich mir gar nicht sicher, ob sie noch lebte. „Iiiich habe gesahaaaagt, dass Sie mir ja auch wohl ins Gesicht sagen können, wenn wir Ihnen zu laut sind und nihiicht so passiv-aggressiv einen Kommentar fallen lassen!!!!!“

„Ok. Sie sind deutlich zu laut.“

Stille (bis auf Kevin-Justin, der mit unermüdlicher Beinmuskulatur weiterhin rumspringt und kreischt, aber das ist irgendwie zum Nebengeräusch geworden. Erschreckend, wie schnell sowas geht). Weiterhin: Stille. Ungläubige Augen, die mich anblicken.

„Genau, so ist es doch schön. Wenn jetzt noch Ihr Sohn aufhören würde, ununterbrochen zu kreischen und auf der Sitzbank mit vermatschten Schuhen herumzuspringen, während direkt daneben Leute sitzen, wäre das echt megasupiii.“

Ich schätze, Hiroshima war echt schlimm und so, aber das hier war schlimmer – Prenzlauer Berg-Mamas in Rage. Kurzerhand nimmt sie Sohn und Tochter an die Hand, steht auf und trampelt wutentbrannt weg, während sie, sich fast an sich selbst verschluckend, brüllt: „Komm Dschustine und Immanuel, wir gehen, wir sind zu laut!“ Was sie statt dessen lieber hätte schlucken sollen, werde ich nicht weiter ausführen, aber – endlich. Ruhe.

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Für ungefähr 42 Sekunden. Denn neben mir geht ein etwa 300 Jahre alter Cocker Spaniel mit seinem ungefähr 30 Jahre altem Frauchen spazieren – oder andersrum, egal –, um urplötzlich in ein markerschütterndes Bellen und kurz danach in ein ohrenbetäubendes Heulen auszubrechen. Ich kriege Panik, denke an all die Artikel, die ich über Tiere gelesen habe – dass sie schon vor dem Menschen wissen, wann eine Naturkatastrophe einsetzt und wir alle sterben werden.

Ich ducke mich instinktiv und gucke Papa panisch an, der die Quelle des unerträglichen Lärms bereits ausgemacht hat: Ein kleines Mädchen, direkt neben mir, das sirenenartig heult und den wirklich, wirklich alten und fusseligen Hund erstarrt anguckt. Die Besitzerin lächelt und sagt: „Ach, der macht doch gar nichts“, ich lächle, sehe, er macht doch gar nichts, alle sehen, niemand macht etwas außer… ja außer das Kind. Lärm. Weiterhin.

Die Mutter, die ihr Kind (so langsam mal wirklich) beruhigen sollte, schreit die Hundefrau an: „AHJADASSAGENSIEALLEABERWIRWURDENSCHONMALGEBISSENKOMMJOSEFINE!“

Ja, es war sicher kompliziert, das ohne Leertasten zu lesen – das wutentbrannte Stottern zu entschlüsseln, war es ebenfalls. Auch wenn ich nicht weiß, ob es wirklich möglich ist, dass Mutter und Kind gleichzeitig vom selben Hund gebissen worden sind, oder ob es sich nur wieder um eine dieser „Verschmelzungsgeschichten“ handelt, wie bei alteingesessenen Pärchen, die auch „wir sind schwanger“ sagen, während nur die Frau auf die Größe der Hindenburg anschwillt. Und spätestens da war ich wirklich ein wenig schockiert.

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Okay, Matcha Lattes sind super. Meine täglichen Mithörfetzen beim Bäcker meines Vertrauens, ob das denn auch ganzwirklich Dinkelmehl aus Ostfriesland und nicht aus XYmiregal-Land ist, haben mich schon des Öfteren denken lassen, dass das Prenzlauer Berg Mama-Klischee keines ist: Es gibt sicher auch coole Mütter (ich kenne sogar eine), aber so summa summarum sieht es schlecht aus. Was okay ist. Was mich allerdings fertigmacht, sind diese ewig selben Gespräche, die man zwangsweise mithört, wenn man sich tatsächlich irgendwo draußen hinsetzt, um ein wenig am Laptop zu arbeiten.

„Mein Therapeut hat gesagt… Australien ist echt toll, da war ich vor 3 Jahren für 7 ½ Monate, aber Neuseeland war besser, als wir da so backpacking…. ganz neue Erfahrung… zu mir selbst gefunden…ich spüre mich selbst wieder…Und die Menschen haben ja auch nichts… Merkel ist supi, sagt „die Zeit“…nein danke, mir ist nicht warm unter der Wollmütze…dem Maximilian-Corbinian sage ich das auch immer…saisonales Gemüse und Obst…Bodenhaltung…haben überlegt, eine freiatmende französische Bulldogge….joggen gehen…die armen Flüchtlinge in den anderen Bezirken, die wir nicht sehen, aber sicher leiden…“

Die ewig selbe Leier, die ich nicht ernst nehmen kann. Dieses penetrante darauf Bestehen, dass man besser ist als der Rest, weil man Bio isst und einkauft und sein Kind anti-autoritär und genderless erzieht und es auf dem Tisch rumspringen lässt, weil Montessori das auch gesagt hat. Dass man sich nun noch kleine Handtaschenhunde zulegt, weil sie cool aussehen, aber niemand mehr ins Tierheim geht und sich dort ein Tier aussucht, dieses ewige „andere übertrumpfen wollen“ im „Mit welchem Namen wird mein Kind am besten gemobbt?“(Spoiler Alert: Siri hat gewonnen) oder das völlig übermüdete Kind zwingt, das Eis auf Schwäbisch-Denglish zu bestellen, weil das „echt mega wichtig und so ist, die Kinder mindestens bilingual zu erziehen“.

Das Loben von Imperfektion, aber doch Perfektion erwartend, zu behaupten, man sei weltoffen, aber nur in seinem Kiez, wo nur blonde Kinder rumlaufen, sitzen. Toleranz für sich beanspruchen, aber einen Nervenzusammenbruch erleiden, wenn jemand bei Aldi seine Himbeeren oder bei ZARA seine Shirts kauft. Jeden Satz mit „Ich bin ja offen, aber…“ einzuleiten, was ungefähr genauso tolerant wie es nicht rassistisch „ich bin ja kein Nazi, aber…“ ist zu sagen. Die eigenen Kinder mal bitte wieder urdeutsch nennen (EMMA, EMIL, KOMMTIHRMALBITEDIEMAMAWARTETHIERSCHONIMHYBRIDWAGEN) aber auf Facebook in den Kommentarspalten dafür sein, dass Weihnachten und Schweinefleisch in Grundschulen abgeschafft wird – so lange es nicht im Prenzlauer Berg passiert. Für eine bessere Welt plädieren, so lange sich die eigene Welt nicht ändert? Anzweifeln, so lange man nicht angezweifelt wird?

Liebe Prenzlauer Berg Muttis, das geht nicht nur an euch, sondern an alle, die sich angesprochen fühlen – und das sind viele, wenn man es zwischen all den Froyos mit Soja-Joghurt zugeben würde – auch du vielleicht. Ich auf jeden Fall: einfach mal sein Ändern leben.

 

Bilder: Alexas_Fotos (Cover); Pexels (Hund, Café); pichaichin0 (Mädchen)

 

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Written by Tara Wittwer

Tara ist Wahlberlinerin, Wahlantidiäterin, mag Pizza und Ponies. Sie schreibt gerne zu lange Texte über zu tiefe Gefühle, behauptet aber felsenfest, Vorzeigemisanthrop zu sein. Deswegen schreibt sie sonst auch gerne auf ihrem Fäschnbloooog über Stil und Co.

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