Eine weitere Woche der „100 Happy Days“ geht zu Ende, eine weitere vorsichtige Nachfrage der Veranstalter geht in meinem Postfach ein: Wie es auf meinem Weg zu 100 Tagen Glücklichsein derzeit in mir aussieht. Ganz gut eigentlich, antworte ich. Kein Wunder, komme ich doch gerade von einem romantischen Pärchen-Urlaub zurück. Und so wundert es nicht, dass ich mich diese Woche dem Thema Partnerschaft verschrieben habe…

Dass Beziehungen, Partner und Liebe ein großes Thema in der heutigen Gesellschaft sind, entnehme ich natürlich nicht nur der Statistik zur Glücklichkeit. Man ist umzingelt davon, es ist omnipräsent. In jedem Stadium: Wie man die perfekte Frau oder den perfekten Mann findet, wie man die Beziehung optimal pflegt, ob man sich vielleicht trennen sollte, um woanders sein volles Potenzial auszuschöpfen – die Welt ist voller Ratgeber für unglücklich Verliebte. Sind wirklich so wenige Menschen glücklich verpartnert – oder schweigen sie nur darüber?

Gib mir Luft und Liebe
Damit ich weiterleben kann
Brauche ich Luft und Liebe –
von dir *

„All you need is love!“ sangen einst die Beatles; das wurde natürlich zum Hit. Damit haben sie allerdings auch alle nachfolgenden Generationen verdorben: Diese sind nun zwanghaft auf der Suche. Nach der großen Liebe, nach dem besten Partner, nach der Sinnfindung in der Beziehung. Hier und da wird mal für ein paar Jahre inne gehalten – und dann wieder gesucht. Man soll ja nicht verallgemeinern: Es gibt natürlich noch Paare, die sich finden, glücklich sind und zusammenbleiben. Ich kenne sie auch. Das sind so 20-30%.

Das Problem mit der Romantisierung der Liebe ist bereits liebevoll und ungemein treffsicher in der Indiekomödie „(500) Days of Summer“ angesprochen worden: Diese stellt ihren Protagonisten als Opfer der Popkultur vor. Obwohl er sich seiner Rolle durchaus bewusst ist, ändert dies den aufgestauten Erwartungen leider nichts. Tatsächlich geht es in vielen Beiträgen in Zeitschriften oder Reportagen immer wieder um das Thema, ob der andere denn eigentlich alle wichtigen Qualitätsmerkmale aufweist. Hierbei wird diese nüchterne Beschreibung natürlich nicht verwendet. Es wird eher von Passion gesprochen (ob man auch genug Sex hat), von Innigkeit (ob der Partner einem möglichst viele Wünsche erfüllt, ohne dass man sie vorher ansprechen müsste), von intensiven Emotionen (jeder Tag muss besonders sein, man darf sich ja schließlich zusammen nicht langweilen).

Sie ist daher lang und detailliert, die Shoppingliste im Kopf der Liebessucher. Ob sie dem oder der Betreffenden nun mehr oder weniger bewusst ist – von den Beatles bis hin zur Twilight-Saga wird sie qualitativ mehr oder weniger ständig bestätigt und die Erwartungen somit multimedial genährt. Ihre Message: Es muss den perfekten Partner geben, und von ihm ist die persönliche Zufriedenheit zumindest in großen Teilen abhängig.

Ich will nur dir gehören,
Aber ohne goldenen Käfig
Möchte dir Treue schwören
Doch kontrolliere bitte mäßig *

Es gibt also viele Punkte, die er andere erfüllen soll – doch dem entgegengesetzt ist das heutige Verständnis von Freiheit stärker denn je. An jeder realen und digitalen Ecke lauern neue Möglichkeiten und auf der Suche nach der großen Liebe will man vor allem eines nicht – sich neuen potenziellen Optionen verschließen. Denn bis die hundertprozentige Kompatibilität nicht erprobt ist, kann eventuell ein besseres Match zu finden sein.

In dem einige Jahre alten, aber immer noch hochaktuellen Buch „Das Ende der Liebe“ von Sven Hillenkamp werden „Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“ beschrieben. Beziehungen sind heute in der Regel nicht mehr wie früher gesellschaftlichem Status oder finanzieller Sicherheit unterlegen. Die Überwindung von Unterschieden der sozialen Schichten kann als besonders romantisch angesehen werden. Doch gerade die vermeintliche Freiheit ist die Bremse der Möglichkeiten – denn man schöpft alle Optionen nie einhundertprozentig aus. Aus den Möglichkeiten wird der Zwang, eben diese auszunutzen. Dies wiederum ist ein fruchtbarer Nährboden für Zweifel und Unzufriedenheit. Hillenkamp suggeriert daher sogar die Rückkehr zur Vernunftehe.

Ich möchte ehrlich sein
Doch alles wissen sollst du nicht
Mit dir mein Leben teil’n
Ohne komplette Übersicht – für dich *

Ist dieser totalitäre Anspruch an eine „normale“ Beziehung anstelle einer Rückkehr zur Vernunftehe eventuell die Geburtsstunde neuer Beziehungsformen, welche mit den aktuellen Lebensumständen flexibler einhergehen? Mehr Paare als je zuvor möchten ihre Beziehung nicht mehr mit dem offiziellen Bund der Ehe untermauern. Und wenn dieser perfekte Lebensgenosse vielleicht nicht existiert, so möchte man sich die fehlenden Teile vielleicht von woanders hinzuholen – man selbst will ja schließlich 100% vom Leben haben.

Im SZ Magazin gab es diese Woche einen Artikel über die Geschichte einer offenen Beziehung. Geborgenheit und Verbundenheit, ohne dabei auf seine Freiheit zu verzichten? Klingt theoretisch gut, ist nur emotional meist schwer umzusetzen: Um so viel Freiheit zu genehmigen, muss das emotionale Fundament eine sehr starkes und unerschütterliches Bündnis sein, um Fremdkörper (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht als Gefahr zu betrachten. Und dann wären da noch Dreiecksbeziehungen, Partnertausch oder – einfach glücklich Single sein.

Zeugt es nicht von einer gewissen Faulheit, das eigene Glück auf eine Beziehung zu projizieren? Eine aufkeimende Partnerschaft ist also von Anfang an den bereits bestehenden Erwartungen ausgeliefert. Sie muss einen von Beginn an komplett einnehmen, ansonsten gilt sie beinahe schon zum Scheitern verurteilt. Nur wird die heilende Wirkung in höchstem Maße überschätzt. Ein zutiefst unglücklicher Mensch wird nicht in der Lage sein, eine harmonische Beziehung zu führen. Zuerst muss man also mit sich selbst im Reinen sein. Und während wir eine glückliche Beziehung so stark in unser Glücksschema pressen, zusammen mit Job, Geld, Heim, lassen wir die Gruppe der Singles komplett außen vor. Als wäre das ein Zustand, der dringend zu vermeiden wäre – warum eigentlich?

Gerade jetzt, wo keine äußerlich zwingenden Gründe (bis auf Steuererleichterungen und Sorgerecht vielleicht) mehr vorhanden sind, die eine Ehe oder offizielle Partnerschaft notwendig machen, fragen sich nicht wenige: Warum sollte man nicht einfach keine haben? Wer vorgibt, glücklich Single zu sein, dem wird gerne kein Glauben geschenkt. Aber es ist auch nicht besser, gemeinsam einsam zu sein…

Sollte man den Beatles also beim nächsten Refrain „No way!“ antworten? Eine schwere Frage, denn auch als glücklich verpartnertes Opfer unserer Popkultur sehe ich mich doch sehr gerne als allein funktionierende Person. Als Organismus, der auch sehr gut ohne einen Gegenpart glücklich funktionieren kann; dass es zu zweit vielleicht einfacher ist, ist eher ein hübscher Pluspunkt. Aber da sollte man nicht den ganzen Haufen Arbeit übersehen, der auch in der einfachsten und gelassensten Beziehung steckt.

Der (generell sehr empfehlenswerte) YouTube Kanal „School of Life“ hat in seinem Portfolio das Video „How to Save Love with Pessimism“. Es zeigt sehr bildlich, wie wir – wenn wir den Blickwinkel ändern und ein wenig Zuckerguss entfernen – das Konzept Liebe mit einer gesunden Portion an Pessimismus (ich würde sagen: Realismus) betrachten sollten.

Klingt gut und vernünftig. Ich sehe noch mal auf die Mail der „100 Happy Days“ – es war eine gute Woche. Allein und zu zweit. Kein Anlass für Pessimismus also. Ich denke, ich gehe in der Bewertung im Vergleich zum letzten Mal einen Punkt rauf…

 

* aus dem Lied „Luft und Liebe“ der Gruppe Grossstadtgeflüster.

 

Bild: stokpic

 

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Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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