Der Sinn von Liebe erschließt sich mir nicht. Also nicht der Sinn der Liebe als solches, sondern der Liebe zwischen zwei Individuen, die sich lieben. Ich bin wahrlich keine Romantikerin und mit Rilkes Gedichten konnte ich nicht viel anfangen, bis ich Lou Salomons Biografie gelesen habe. Gleichzeitig könnte ich auch nicht von mir behaupten, eine Technokratin oder Rationalistin zu sein. Kann man das überhaupt in Bezug auf Liebe?

Anyway… Wir waren bei Liebe zwischen zwei Individuen. Ich höre meine Freunde sagen, Liebe bedeute, Kompromisse einzugehen. So sei es nun mal. Zwei Menschen, die sich aufrichtig lieben, müssten sich Zugeständnisse eingestehen. Und schon bin ich raus. Zugeständnisse und Kompromisse, da denke ich glatt an den Arbeitsvertrag, den ich vor ein paar Wochen unterschrieben habe. Da war ich durchaus bereit, Zugeständnisse einzugehen und kompromissbereit zu sein. Na klar.

Mein Chef – er ist ein toller Chef – muss rechnen, kalkulieren und Bilanzen machen, wir mögen uns, und brauchen uns. So ist das eben. Es gibt Arbeit, die getan werden muss, die einer alleine nicht erledigen kann. Also stellt man Mitarbeiter ein und geht ebenso wie dieser Kompromisse ein. Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis, deshalb interessiert es einen guten Arbeitgeber auch, wie er gute Mitarbeiter an sein Unternehmen binden kann.

17175902_10212390412214933_1490142648_o

Aber all diese Begriffe wie Abhängigkeit, Kompromisse, Zugeständnisse, Bindung, all das würden viele genauso für die Liebe unterstreichen, wenn hier nicht ganz plastisch das Beispiel des Chefs aufgeführt worden wäre. (Sollten Sie nun als Leserin in einer Liebesbeziehung mit Ihrem Chef stecken, so bitte ich um Entschuldigung, da es in diesem Artikel keine Berücksichtigung Ihrer Situation gibt. Aber bitte schreiben Sie mir.)

Wie aber kommt es, dass meine Vorstellung von Liebe eine andere ist als die meiner Umwelt? Nennen Sie mich naiv, aber ich glaube an die (also nicht Die) Liebe, die bedingungslos und selbstlos lieben kann – und nicht nur das: Sie muss es sogar. Alles andere ist Arbeitsvertrag. Oh, ich überspanne jetzt den Bogen und viele wollen an dieser Stelle aussteigen. Niemand möchte hören, dass er zu Hause auch nur „Mitarbeiter“ ist. Im Grunde genommen können wir es auch nennen, wie wir wollen, aber Liebe ist es nicht.

Ich glaube an die Liebe, die bedingungslos und selbstlos lieben kann. Alles andere ist Arbeitsvertrag.

Also nochmal: Liebe sollte bedingungslos sein. Das bedeutet, ich liebe nur, um die andere Person zu lieben, ohne eine Gegenleistung, ohne einmal du, einmal ich, ohne du musst mich glücklich machen. Vergessen Sie es. Wenn Sie sich selbst nicht genügen und sich selbst nicht glücklich machen können, bürden Sie diese Last niemand anderem auf. Keiner kann ernsthaft daran denken, er könne glücklich gemacht werden, wenn er sich selbst kaum erträgt. Die nächsten steigen aus? Nein bitte… Lesen Sie unbedingt weiter und hassen Sie mich erst zum Schluss meines Artikels für all das, was Sie mir nun vorwerfen.

Aber wenn wir ehrlich sind, und wir sind es oft nicht mal im Stillen so für uns selbst, dann erkennen wir in uns die Wahrheit über unsere Liebe, die wir geben können und wollen. Tara Wittwer schreibt in ihrem Artikel Ich trenne mich, weil ich dich liebe, dass Frauen eher gehen, wenn Sie fühlen, nicht geliebt zu werden. Wäre es nicht noch sinnvoller, natürlich nach meiner Auffassung von Liebe, zu gehen, weil man weiß, dass der, den man liebt, nicht glücklich mit einem ist und man ihn so sehr liebt, dass man glücklicher ist, wenn man weiß, dass er glücklich ist?

17200163_10212390412254934_1710089161_o

Zu kompliziert. Ich versuche es einfacher. Ich bin glücklich, wenn jemand, den ich wirklich liebe, glücklich ist. Auch wenn ich nicht der Grund dafür bin. Oh nein… Moment… So eiskalt bin ich nicht. Ich meine nicht, dass wir nicht traurig sein dürfen und können, aber Glück über das Glück des Geliebten müssten wir empfinden, wenn wir aufrichtig und ehrlich lieben. Aber wer liebt heute schon so…?

Ich möchte behaupten, dass es diese Art der Freundschaften gibt. Und obwohl es dort einfach zu sein scheint, ist es genauso schwer wie in einer romantischen Liebe. Ich frage mich, ob wir einfach nicht im Stande sind, ehrlich zu lieben und einfach da zu sein. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Fällt Ihnen was auf? Ich setze voraus, dass meine Art der Liebe die richtige ist und erwarte am Ende dafür auch eine „Gegenleistung“, nämlich so geliebt zu werden, dass ich keine Kompromisse eingehen muss. Keine Eingeständnisse machen muss. Ja, auch meine Liebe ist voller Widersprüche.

 

Bilder: Elif Kahnert; Pexels (Titel)

 

Mehr seinsart zum Thema:

Unerwiderte Liebe | seinsart

Vielleicht ist Liebe eine Entscheidung  |  Tara talks about #love


seinsart | Eine Liebe wider die Angst

Eine Liebe wider die Angst  |  Esten und Russen werden keine Freunde mehr – aber Geliebte

Written by Elif Kahnert

Elif Kahnert ist studierte Erwachsenenbildnerin und systemischer Coach. Als Lehrbeauftragte hält und organisiert sie Seminare zur türkischen Frauenbewegung und bloggt unter anderem über Flüchtlingspolitik.

1 comment

  1. Danke für diesen schönen Beitrag, der mich wirklich zum Nachdenken angeregt hat!
    Wie definiere ich Liebe für mich, was ist denn die reine Essenz der Liebe? Hinter all den gesellschaftlichen Erwartungen und Stempeln, die man zum Teil selber mitbringt und zum Teil auch aufgedrückt bekommt. Und was erwarte ich dafür?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>