Der Máxiámo Líder ist tot – auf Castros Friedhöfen aber herrscht das pralle Leben.

 

Wer nach Havanna kommt, sollte bei seinem Besichtigungsprogramm nicht vergessen,  den Cementerio Colón, den Kolumbus-Friedhof, zu besuchen. Die über fünfzig Hektar große Anlage im Südwesten des Stadtteils Vedado ist ein weißes steinernes Meer von Kapellen, Skulpturen und Tumben. Mehrere Male habe ich als Reiseleiter mit meinen Gruppen dieses Gräbermeer wie ein Museum der Neo-Stile durchstreift. Doch nie zuvor bin ich allein hier gewesen. Diesmal wage ich mich ohne Begleitung durch die Stadt der Toten. Ich will nicht schlendern und mit romantisch verklärtem Blick die lieblichen Engel an den Kreuzen bestaunen, sondern ich will wissen,  was sich hinter den Monumenten verbirgt. Für wen wurden sie so pompös errichtet, und wo ruht der einfache Mensch, der sich kein terreno, so ein Grabgrundstück, leisten kann? Um es vorwegzunehmen, Kolumbus suche ich hier nicht. Seine Gebeine ruhen in spanischer Luft oder dominikanischer Erde; niemand weiß das so genau. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nur sehr wenig hat dieser Friedhof mit unseren deutschen Friedhöfen gemein. Beim Passieren des großen Portals aus Korallenfelsgestein werfe ich unvorsichtig einen Blick nach rechts, und da ist es schon geschehen: Ein Fräulein im Pförtnerhäuschen winkt mich heran, um mir einen CUC abzuknöpfen. Der Dollar im Tarngewand nennt sich Peso Convertible, kurz CUC, und ist als Zweitwährung Zahlungsmittel der Bessergestellten und fast ausschließlich das Geld, mit dem der Tourist in Berührung kommt.

„Eintritt für einen Friedhof?”, mime ich einen unverständigen Touristen, weiß ich doch längst, dass in Kuba fast nichts ohne mindestens einen CUC funktioniert. Ich könnte mich jetzt auf eine Diskussion einlassen, zücke aber müde den bräunlich-grünen Lappen. Ein kleines Schnipselchen Papier als Beleg verschafft mir den Zugang zum Reich der Toten. Schade nur, dass das Wetter nicht mitspielt. Es ist windig, kalt und ein feiner Sprühregen durchsetzt die Luft. Zum Wandeln unter freiem Himmel hätte ich mir einen anderen Tag aussuchen sollen.

Schnurstracks folge ich der von Nord nach Süd verlaufenden Allee in Richtung Hauptkapelle. Rechter Hand taucht bald ein hohes Monument in Form einer wuchtigen, übermäßig reich verzierten Säule auf, die von einem marmornen Engel gekrönt wird. Es ist das Grabmal der Feuerwehrleute, die 1890 bei einem verheerenden Brand in einer Eisenwarenhandlung ihr Leben ließen. Das Bildprogramm ist reich an Symbolen, und alle im Feuer umgekommenen Männer sind sogar mit einem Porträt verewigt. Dieses Mausoleum ist so gewaltig, dass ich eine Weile brauche, um es von allen Seiten gründlich zu betrachten.

 

„Ich nehme kein Geld, ich bin Kommunist“

Wieder auf der Straßenseite angelangt, bin ich plötzlich mit einem Grüppchen alter Herren konfrontiert. Etwas wackelig auf den Beinen, aber mit gewinnendem Lächeln, tapsen sie auf mich zu, stützen sich dabei gegenseitig, bis sie sich direkt vor mir aufgebaut haben, um sich mir als Führer durch die Stadt der Toten anzubieten. Jedem sensiblen Deutschen wäre bei meinem Gesichtsausdruck klar geworden, dass ich darauf gerne verzichte, doch bin ich in Kuba, und die drei Alten scheinen mir nicht ganz nüchtern zu sein. Ich hätte zwar gerne mehr Informationen zu diesen oder jenen Dingen der Nekropole gehabt, aber das, was mir die drei Greise zu erzählen beginnen, kenne ich längst und steht auch in jedem noch so knapp gehaltenen Reiseführer.

mathias-auf-cementerio-colon

Der für kurze Zeit unterbrochene Regen setzt wieder ein, kommt mir sogar gelegen, hoffend, dass sich unsere kleine Runde dadurch auflöst. Aber die drei Alten lassen sich nicht beirren. “Ich sag dir was”, stammelt der erste. “Hör nicht auf ihn”, unterbricht ihn der zweite, während der dritte hinzufügt, dass die zwei ja „völleee bsoffn” seien, was ihm lallend gerade noch so über die Lippen geht. In meiner Tasche krame ich schon nervös nach einem weiteren CUC, aber drei einzelne habe ich sowieso nicht mehr, und das wäre auch ein bisschen zu viel, um die drei Gestalten loszuwerden.

Als hätte er es bemerkt, versichert mir der erste: “Ich nehme kein Geld, ich bin Kommunist.” Leichtes Entkrampfen meiner Gesichtszüge, dann ein zweifelnder Blick. „Ich bin Revolutionär, ich war General…” Ich mustere ihn der Länge nach: Nichts von seiner heroischen Vergangenheit ist geblieben. In zerschlissenen Sachen steht er vor mir wie ein Häufchen Unglück. „Ja, Revolutionäre sind wir”, fügt der zweite hinzu, und der dritte mit dem Finger auf seinen Nachbarn zeigend, wiederholt, “is völlee bsoffn, hör’ nich auf ihn”, wobei er fast umgefallen wäre, hätte ihn nicht der erste geschwind abgestützt. “Wenn ihr mich über den Friedhof führen wollt”, fahre ich fort, “dann erklärt mir doch erst einmal das hiesige Bestattungswesen. Woher stammt denn die Tradition zu exhumieren? Und dann diese Riesenmausoleen der Landsmannschaften und Wohltätigkeitsvereine! Sind denn wirklich alle Mitglieder darin bestattet?“ Spätestens jetzt sehen sich die drei Alten von meinem Wissensdurst überfordert und empfehlen mir den Fachmann, einen sogenannten historiador, den ich bei der Friedhofsverwaltung ordern kann. Unsere Runde löst sich schließlich auf; die drei compañeros gehen ihrer Wege, nun in drei verschiedene Richtungen.

 

„Ich habe ihr auch schon zigmal untersagt, hier um Geld zu betteln“

Ich hingegen umrunde noch einmal das Grabmal und treffe plötzlich hinter dem Monument auf eine im Regen stehende zierliche junge Frau, die mich fragt, ob ich Spanisch verstünde. Ich antworte mit: „Ja“, wohl wissend, dass dies nicht die Antwort war, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Mit großer Leidensmiene offenbart sie mir ihre unglaubliche Tragödie. Sie sei aidskrank – ich hole tief Luft –, und auch wegen ihrer aidskranken Tochter brauche sie einen CUC. Mein Blick verfinstert sich bei dem Wort „CUC“. Ihre Mutter sei gestorben und der Vater auch schon tot… Jetzt wird hier aber etwas zu dick aufgetragen, denke ich und schaue mit ernstem Gesicht auf das flehende Menschenkind, das mit offener Hand vor mir steht und versichert, äußerst ungern um Geld zu betteln.

Der CUC sitzt mir diesmal nicht sehr locker, denn ich wittere ein abgekartetes Spiel mit meiner Gutmütigkeit. Zu oft haben mich diverse Kubaner um einen CUC gebeten. Ich denke nur an die kubanischen Mütter mit ihrem Säugling auf dem Arm, die nach einem Kugelschreiber fürs Baby betteln. Manchmal verkaufen sie uns Touristen wohl für völlig beschränkt. Wie oft gab ich wohl an richtiger Stelle nichts und wie oft an unpassender Stelle doch etwas! Sollte sie es jetzt sein, die das Fass zum Überlaufen bringt? Ich habe mich schon entschieden. Sie wird statt des CUC die schnell zurechtgelegte Argumentation eines wütenden Touristen erfahren. Ich bin selten ungehalten, und vielleicht trifft es wirklich die Falsche, aber ich zahle nicht! Wozu rühmt sich das Land ob seines vorbildlichen Gesundheitssystems? Werden hier nicht alle kranken Menschen aufgefangen? Ist nicht überhaupt das Gesundheitswesen gratis?!

Mein CUC würde sie auch nicht retten. Sie möge sich an den Staat wenden, der wird ihr helfen, beende ich meine Worte, während sie mir ein Attest des Arztes, ein zerknittertes Papier mit darauf riesig gekritzelten Buchstaben S I D A vor die Nase hält und nochmals betont, nicht gern um Geld zu bitten. Mein definitives „No“ ist mein letztes Wort, und ich begebe mich zügig in eine andere Richtung. Dieser Friedhof ist kein Ort der Ruhe. Ungestört lässt sich hier nichts erkunden.

Vor mir taucht das Grabmal für Catalina Laza auf, ein Bau, der an Mächtigkeit dem der Feuerwehrmänner nicht nachsteht. Hier hat allerdings nur eine Person ihre letzte Ruhe gefunden: die Geliebte eines stinkreichen Industriellen, dessen Name heute keinem mehr etwas sagt. Die gewaltige Apsis im Art-decó-Stil hat den Charakter eines an eine Mauer gefügten Kernreaktors.

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Der Universalgelehrte Fernando Ortíz hingegen, immerhin “dritter Entdecker Kubas” nach Kolumbus und Alexander von Humboldt, liegt etwas weiter dahinter, vergleichsweise bescheiden. Das Ausweichen in diese Ecke des Friedhofs war eher eine Flucht vor dieser jammernden jungen Frau. Mein Ziel aber ist die Hauptkapelle auf der Kreuzung der beiden Avenidas. Ich nähere mich ihr von der anderen Seite. Zum ersten Mal bin ich im Innern dieses Gebäudes. „Das Jüngste Gericht“ ist Thema eines gewaltigen Wandgemäldes. Ansonsten gibt es nicht viel zu sehen. Oder doch?

Von hinten kommend eilt zielstrebig eine junge Frau durch die Halle und ruft, sich noch einmal zurückwendend: “Hay agua? “– Gibt es Wasser? Eine männliche Stimme aus dem hinteren Raum bejaht. Selbstbewusst, energisch, fast heiter steuert sie auf das kleine Waschbecken am Eingang zu, und als ich mich umdrehe, wobei sie mich wiedererkennt, scheint ihr Schritt noch schneller als zuvor. Nicht möglich, denke ich, das ist doch das Häufchen Elend von eben. Stolziert hier munter durch die Kapelle, schwätzt locker mit dem Kaplan da hinten; was geht hier vor? Ich wusste es doch: ein abgekartetes Spiel.

Wütend suche ich nach dem Herrn, dessen Stimme ich bisher nur vernommen hatte, um die Machenschaften aufzuklären. In seinem dunklen Büro finde ich den Kaplan und frage sofort, ob er die junge Frau kenne, die aidskrank sei, wie sie mir erklärte, und um Geld bettelte. “Ja, ich kenne sie”, erwidert er in ruhigem Ton, “sie ist wirklich HIV-positiv, aber glauben Sie mir, der Staat kümmert sich um die Frau, so schlimm ist die Lage nicht. Ich habe ihr auch schon zigmal untersagt, hier um Geld zu betteln…“ Mir wird klar, dass diese Kubanerin ihr Schicksal als Einnahmequelle erkannt hat. Jeder Kubaner muss sehen, wo er bleibt. Eine solche Krankheit schindet sicherlich Eindruck, doch ein gutes Stück Schauspiel erweist sich ebenfalls nicht selten als hilfreich, um weiter zu kommen.

 

„Hola! Buenos días, Señor!“

Beim Verlassen der Kapelle sehe ich, wie ein Reisebus mit Touristen über den Friedhof fährt, wohl ein “Schnelldurchlauf” für Japaner, die keine Zeit haben, Kontakt zu Einheimischen scheuen oder keinen Sprühregen mögen. Der Bus fährt an mir vorbei, und ich steuere auf das wohl bekannteste Grab dieser Anlage zu. Immer übersät von Blumen, sticht es einem ins Auge und fällt natürlich auch deshalb auf, weil die hierher pilgernden Kubaner nur rückwärts gehend diese Grabstätte verlassen. Die Legende sagt, dass hier eine bei der Geburt ihres Kindes jung verstorbene Frau gemeinsam mit ihrem toten Kind beerdigt wurde; man hatte es ihr zu Füßen gelegt.

Bei der Exhumierung bemerkte man, dass das Skelett des Kindes nunmehr in den Armen der Mutter lag. Ein Wunder! Und so wurde die Verstorbene zur Milagrosa – zur Wundervollen, Wundertätigen, fast Heiligen. Der Witwer soll das Grab tagtäglich bis zu seinem eigenen Tod aufgesucht haben und es nie mit dem Rücken zu seiner Frau wieder verlassen haben. Die heute hierher pilgernden Frauen suchen Rat, Schutz und wenden sich mit Hilfeersuchen an Milagrosa, wenn sie Probleme in der Schwangerschaft oder mit ihren kranken Kindern haben. Auch sie verlassen das Grab stets mit dem Gesicht zu Milagrosa. Unzählige Dankesbotschaften in Stein graviert stehen mittlerweile auf dem Grab und sogar auf zahlreichen anderen Gräbern dahinter.

la-milagrosa

Zwei Kubanerinnen, etwas versteckt unter einem großen Baum, beobachten aufmerksam die schick gekleideten kanadischen Touristen, die sich über den Ritus amüsieren und etwas skeptisch auf die marmorne Statue von La Milagrosa schauen, die wie immer ins Leere starrt. Die Reisegruppe zieht weiter, und auch ich setze meinen Rundgang fort.

Ich bin noch keine zwanzig Meter entfernt, da zischt es hinter mir: „Tss, tsss!“ Ich beschließe, schwerhörig zu sein, drehe mich nicht um. In Kuba zischt es immer aus irgendeiner Ecke. Wer sich umdreht, ist auch meist gemeint. Also spaziere ich unbeirrt voran, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Es zischt abermals: „Tienes miedo?“ Frechheit, denke ich, als ob ich Angst hätte. Hat ein Mann Angst, allein am helllichten Tag über einen Friedhof zu gehen, wenn zwei Frauen ihn verfolgen? Ist hier verkehrte Welt? Angst käme auf, wäre ich eine Frau und würde auf diesem Friedhof nachts von zwei Männern verfolgt werden. Also, was soll’s?

Ich gehe geradeaus und biege vorne rechts ab, um zu Cirilo Villaverdes Grab zu gelangen. Der „Baudelaire Kubas“, wie er genannt wird, ist mit seinem Namen auf einer kleinen Steinplatte in einem recht verwahrlosten Familiengrab verewigt. „Hola! Buenos días, Señor!“, klingt es plötzlich neben mir. Er ist so typisch, dieser melodiöse Tonfall einer Kubanerin mit dem leicht lasziven Charakter, der jegliche Höflichkeit der Anrede in eine Aufdringlichkeit verwandelt. Wie ich’s mir dachte: Die beiden Frauen sinds. Eben noch versteckt unter der Krone des alten ficus benghalensis, waren sie mir gefolgt. “Darf ich vorstellen? Das ist meine Tochter. Sag mal ‚Guten Tag’ dem Herrn!” – “Guten Tag!”, raunt mir die andere zu, wobei sie etwas verschämt zu mir aufblickt.

Ich will nicht unhöflich sein und erwidere die Begrüßung der beiden, reiche sogar meine Hand. Aus der Nähe betrachtet, kann ich mir jedoch schwer vorstellen, dass hier Mutter und Tochter vor mir stehen. Die Ältere, eine Mulattin, leicht mollig, zirka dreißig Jahre alt, präsentiert ihre – weiße Tochter? Nein, ich würde eher sagen: Freundin, die vielleicht gerade mal siebzehn ist. Das Ganze stimmt vorne und hinten nicht. Doch mein Grübeln über ihr Verhältnis zueinander wird durch weitere Seltsamkeiten abgelenkt. “Gefällt sie dir?”, will die Ältere wissen. Ich schließe kurz meine Augen, schmunzle verlegen und neige meinen Kopf leicht zur Seite, als wollte ich sagen: Mädel, sag nicht, dass du hier auf dem Friedhof deine Tochter feilbieten willst. Die Unverfrorenheit dieses seltsamen Duos lässt mich nach Worten suchen und ein wenig später frage ich, was das alles soll. “Una amistad”, antwortet mir die ältere. Eine Freundschaft also, wie nett, nur ziemlich makaber, hier auf dem Friedhof darum zu buhlen, und außerdem – jetzt gebe ich es ihnen in perfektem Spanisch – : „Esto, por favor, es un lugar…“ –  Nun fehlt mir doch der passende Begriff, aber die ältere der beiden ergänzt korrekt: “….sagrado.“

Richtig, dies ist ein heiliger Ort. Es ist grotesk, versuche ich durch mein Kopfschütteln zu bekunden und hoffe, sie finden zur Pietät zurück. Doch unbeirrt schlägt die Mulattin vor: “Okay, aber wenn du rauskommst…, wir warten vorne am Eingang.” Das schüchterne, etwas zu dünn geratene Mädchen mit dem langen schwarzen Haar merkt, dass ihre Erscheinung bei mir keinen Erfolg verspricht. Aber sie zieht keinesfalls diesen Ort des Werbens zwischen den Gräbern, den ihre ältere Freundin, Mutter oder weiß der Teufel wer, für die Kuppelei gewählt hat, in Zweifel. Ich gehe noch einmal auf das Wort „Freundschaft“ ein und erkläre nachdrücklich: “Ich habe schon eine.” „Wie schade”, mault es mir nach, als ich verwirrt die beiden zurücklasse und mich in Richtung Eingangsportal begebe. Absurd, murmele ich vor mich hin, schüttele ein weiteres Mal den Kopf und versuche, mir so etwas auf einem Berliner Friedhof vorzustellen. Nein, undenkbar, so etwas kann man gar nicht miteinander vergleichen. Unsere Friedhöfe sind letzte Ruhestätten der Verstorbenen. Hier aber spielt sich noch das pralle Leben ab.

 

Das Beinhaus und die unewige Ruhe

Das Pförtnerhäuschen erreicht, frage ich nach dem historiador, der mir vielleicht das Bestattungswesen erklären könnte. Ein gar nicht mal so alter, aber feister und dröge wirkender Mann erklärt mir monoton und in einem nuschelig-unverständlichen Kubanisch den Friedhof. Nach fünf Minuten unterbreche ich ihn, da mir seine Ausführungen nichts nützen. Ich sehe mich jedoch gezwungen, seine Dienstleistung bezahlen zu müssen und gebe ihm den berühmt-berüchtigten un dolar als Trinkgeld. Vielleicht hätte dieser der vermeintlich aidskranken Frau mehr genützt.

Dem Gespräch mit dem historiador konnte ich nicht viel Neues entnehmen, lediglich, dass sich an der Nordostseite des Friedhofs ein Areal befinden soll, wo die Kinder bestattet liegen, was ich mir unbedingt noch ansehen will, auch wenn der Weg weit und das Wetter nicht freundlicher geworden ist.

Zum ersten Mal verlasse ich das Zentrum der Totenstadt und merke: Auch im Himmel gibt es Standesunterschiede. Während an den Hauptachsen der Nekropole noch die Reichen und Berühmten in neugotischen Kapellen, ägyptischen Pyramiden oder neoklassischen Tempeln ihre letzte Ruhe finden, lässt der Prunk in Marmor und Granit deutlich nach, je mehr man sich  in hintere Gefilde begibt. Der Weg zu den Kinder-Gräbern ist ein trostloser Pfad entlang der Friedhofsmauer. Der Regen hat wieder zugenommen, und der Wind weht unentwegt graue Wolken herüber. Immer eintöniger werden die Tumben. Unzählige steinerne Quader stehen in Reih und Glied.

osario

Auf einigen Gräbern stehen kleine steinerne Kästen mit meist verwelkten Blumen sowie Steinplatten, auf denen die Namen der Verstorbenen eingraviert sind. Schließlich stehe ich vor einem Meer völlig schmuckloser Tumben und beobachte, wie sich eine kubanische Familie stumm durch die engen Reihen zwängt. Jetzt bin ich es, der auf Fremde zugeht und sie etwas fragt. So erkundige ich mich nach dem hiesigen Bestattungswesen und erhalte eine kurze, aber verständliche Antwort von einem sehr sachlich auftretenden Familienvater. Dieser erklärt mir, dass zunächst in Holzsärgen bestattet wird  und bis zu maximal drei übereinander in den zirka zwei Meter tiefen Tumben versenkt werden. Dort liegen sie solange, bis nach zwei Jahren exhumiert wird. Die Überreste kommen in osarios, und er weist auf einen hässlichen Bau, knapp fünfzig Meter von uns entfernt. Ich begreife endlich, bedanke mich für die Auskunft und begebe mich in Richtung osario, was soviel wie „Beinhaus“ heißt.

Der Wind nimmt weiter zu, und auch der Regen lässt nicht nach. Grau in grau liegt der sonst so eindrucksvolle Friedhof vor mir; in der Ferne erscheint die Silhouette der verspielten Kapellen, Säulen und Mausoleen. Das Beinhaus hier im hinteren Bereich ist dagegen ein extrem nüchterner, völlig schmuckloser, offener Bau aus Beton ohne Außenwände. Ein flaches Dach deckt ein System von Regalen mit unzähligen Fächern ab, in denen sie sich befinden, diese steinernen Kästen, wo die exhumierten Knochen der Verstorbenen auf ein Mindestvolumen reduziert liegen. Da aufgrund unserer menschlichen Anatomie der Oberschenkelknochen mit rund vierzig Zentimetern der längste Knochen ist, haben diese Kästen auch nur eine Länge von etwa einem halben Meter.

Dicht übereinander gestapelt stehen sie mit der Stirnseite nach außen zum Besucher, der lediglich Namen und Sterbedatum des Toten darauf entziffern kann. Von Beerdigung kann hier nicht die Rede sein. Die Beinkästen stehen im Wind, und der oft waagerecht durch die Luft peitschende Regen macht sie nass. Doch das Schlimmste ist, dass viele der Truhen schlecht abgedeckt sind. Etliche Deckplatten sind verschoben, und Schädelreste sowie andere Knochen liegen frei oder ragen sichtbar zwischen Kasten und Deckel heraus. Diese toten Seelen haben in meinen Augen keine letzte Ruhe gefunden. Doch so wird nun einmal mal der kleine José-Normalkubaner bestattet. Die Tradition ist alt, und wer nicht reich genug war, sich ein Grabgrundstück zu leisten oder wessen Vorfahren nicht bereits eines angelegt haben, endet schließlich in einem steinernen Knochenkasten.

Mich macht der Gang durch das Beinhaus traurig. Schon wieder sehe ich ein Stück Schädel und stelle mir vor, was jene María Hernández, so der Name am Kasten, dazu sagen würde, hier 13 Jahre nach ihrem Hinscheiden mit dem Rest ihres Kopfes Wind und Regen trotzen zu müssen. Ich muss fort von hier; der Ort macht mich depressiv, und so begebe ich mich schnelleren Schrittes wieder in Richtung Hauptkapelle. Mit den Gedanken immer noch im Beinhaus, stolpere ich fast über einen offenen Holzsarg am Wegrand. Hier wurde wohl gerade exhumiert, schießt es mir durch den Kopf. Ich schaue mich um, ob irgendwo in der näheren Umgebung etwas Dementsprechendes passiert, entdecke jedoch nichts Konkretes. Nur da hinten, da sind zwei junge Männer an einem Grab beschäftigt. Vielleicht befördern sie gerade Skelettreste aus ebendiesem Sarg in eine steinerne Tumba?

 

„Mir kann kein Gott etwas, an den ich selbst nicht glaube“

Ich bin schon fast an ihnen vorbei, da ruft mir einer von beiden zu und fragt, ob ich meinen schwarzen Anorak entbehren könnte. Bin ich etwa das Sterntalerkind ? Verdutzt schaue ich zurück, wer da wohl etwas zum Anziehen braucht und wundere mich über so viel Direktheit. Ich winke ab und setze trotzig meinen Weg fort, brauche ich doch selber meinen Anorak. Schließlich ist es kalt und regnet. Aber schon nach ein paar Sekunden kommt mir der Gedanke, dass der Mann vielleicht gerade seine verstorbene Mutter oder einen anderen nahen Verwandten bestattet und die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen auch für alle mit schwarzer Kleidung sichtbar machen will. Wie bei uns: Der Hinterbliebene trägt Schwarz. Nur hier in Kuba kann sich nicht jeder einfach in einem Geschäft das kaufen, was er möchte. In den Geschäften fehlt es an allem, und gäbe es etwas – den Kunden fehlt’s am Geld. Also was soll der Geiz, denke ich; der arme Junge soll, der Trauer angemessen, sich auch schwarz kleiden dürfen. Er tut mir Leid, und mein Mitleid zwingt mich zum Umkehren.

Ich denke dabei nicht an meinen anthrazitfarbenen Anorak, sondern an ein wirklich schwarzes T-Shirt, das ich zwar nicht am Leibe trage, das aber bei meinen Sachen im Hotel liegt. Als ich die zwei jungen Männer erreicht habe, sehe ich, dass sie mit Restaurierungsarbeiten an einer Tumba beschäftigt sind. Ich frage den Mulatten, der sich eben noch von weitem nach meiner Jacke erkundigt hat, wofür er sie denn brauche. Er sei religiös, erklärt er mir. Es ist nicht, dass jemand in seiner Familie gestorben sei, wie ich erst annahm. Und so nutze ich die Gelegenheit, beide ein bisschen darüber zu befragen, was sie dort gerade tun. Der ältere von beiden, ein muskulöser Mann im Netzhemd, lächelt und meint: „Wir polieren die Marmorplatte dieses Grabmals. Es ist uralt. Irgendein reicher Kubaner hat sich hier vor langer Zeit beisetzen lassen. Jetzt kommen angeblich die Überreste eines Verwandten aus Argentinien hinzu, der hier ebenfalls bestattet werden soll. Bis morgen müssen wir fertig sein.“

dankesbotschaften

Ich will wissen, weswegen es eine große und noch eine kleine Grabplatte auf der Oberseite der Tumba gibt. Die beiden verrücken den schweren Deckel, und ich schaue in einen unglaublich tiefen Raum. “Hier kommen die Holzsärge mit den Leichen zum Verwesen hinein”, erklärt mir der Mulatte, während der andere schon den kleineren Deckel am Kopfende anhebt und darauf verweist, dass in diese Kammer die Kästen mit den nach der Exhumierung übrig gebliebenen Knochen versenkt werden. Nun bin ich wieder ein Stück schlauer, und die beiden gut gelaunten Steinmetze setzen ihre Polierarbeiten fort.

“Willst du sie nicht verschenken?”, werde ich erneut gefragt, womit natürlich meine Jacke gemeint ist. “Was für einer Religion gehörst du denn an?”, möchte ich wissen und wechsle das Thema.  Es ist ein Afro-Kult, erklärt er mir etwas lapidar, als verstünde ich sowieso nichts von alledem. Da ich mich jedoch ein bisschen mit dem Synkretismus auf Kuba beschäftigt habe, fällt mir gleich die Santería ein, bei der aber die praktizierenden Anhänger Weiß tragen. Aber wer weiß, was es noch für Sekten und Riten im Dschungel der Afro-Kulte gibt. “Glaubst du denn an Gott?”, will der ältere von seinem Kollegen wissen. „Ich glaube an mehrere Götter, und einige können Gutes, andere aber auch Böses bewirken.” – „Ich glaube an keinen Gott“, gibt der ältere zu verstehen.

„Ich kann dir sagen,“ fährt der jüngere nun fort, „dass, wenn jemand bei der Regla Congo oder beim Voodoo das Böse für dich heraufbeschwört, es für dich gefährlich werden kann!“ Und mit hochgezogenen Brauen unterstreicht er die bedrohlichen Worte gegenüber seinem vermeintlich ungläubigen Freund. „Pass mal auf, mir kann kein Gott etwas, an den ich selbst nicht glaube. Die Regeln stellt ihr doch auf. Ich habe eine ganz andere Vorstellung von Gott.“ – „Aber du brauchst die Götter, um Hilfe zu kriegen, um besser zu leben.“ – „Um ein guter Mensch zu sein, brauche ich keinen Gott, jedenfalls nicht solchen, wie einen von euren…“ Und während sie so philosophieren über Gott, die Religion und die Welt des Guten und Bösen, überlasse ich sie heiteren Gemüts ihrer Diskussion und verabschiede mich mit den Worten: „So, nun will ich euch nicht länger bei eurer Arbeit stören.“

Ihre angespannten Mienen hellen sich wieder auf, und sie lachen, denn ihre Arbeit hatten sie bei ihrem Meinungsstreit fast vergessen. „Hör zu“, rufe ich dem Mulatten noch zu, „wenn du ein schwarzes T-Shirt brauchst, ich hab eins im Hotel. Ich bin bald wieder hier auf diesem Friedhof.“ „Super!”, ruft er mir hinterher. „Frag nach José Antonio Cervantes Calderón”.  Und während er seinen Namen so dahinschmettert, zieht er stolz seinen Ausweis heraus.  „Ich arbeite immer hier auf dem Friedhof. Frag vorne bei der Verwaltung nach mir!“ Tatsächlich lasse ich mir seinen Ausweis zeigen, denn es ist schon etwas Besonderes, wenn so ein kleiner dunkelhäutiger Steinmetz vom Friedhof den Namen von sowohl dem bedeutendsten spanischen Dichter Cervantes und dann noch vom bedeutendsten Dramatiker Spaniens Calderón trägt. „Du bist ja mit den famosesten Namen der hispanischen Literatur ausgestattet“, werfe ich ihm im Gehen noch zu. „Claro” erwidert er und strahlt übers ganze Gesicht.

Der Regen hat aufgehört. Unglaublich, fast hätte ich es gar nicht bemerkt. Heiter gestimmt verlasse ich die Stadt der Toten – und der Lebendigen. Ein Ort, der für mich ein Havanna im Kleinen oder gar ein Klein-Kuba darstellt: Freud und Leid, soziale Not und Lebensfreude, Arbeit, Armut, Alkohol und Prostitution, Aids nicht zu vergessen. Mein Gott, denke ich, und ertappe mich wieder: Welcher Gott? An wen denke, an was glaube ich? Im Moment glaube ich nur, jetzt dringend einen heißen Kaffee zu brauchen.

 

Bilder: alankotok (Titel), Mathias Salomon

 

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Written by Mathias Salomon

Mathias Salomon ist freischaffender Diplom-Grafikdesigner, Maler und Kunsthistoriker. Die Beschäftigung mit verschiedenen Genres der Bildenden Kunst, ob theoretisch oder praktisch, ist unerlässlicher Bestandteil seiner Arbeit.

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