Ich habe zwei Patensöhne: Connor und Mohammed.

Connor (9) ist der Sohn meiner engsten Freundin. In gewissem Sinne ist er ein typisch deutscher Junge. Er wächst bei seiner Mutter auf und sieht regelmäßig den getrennt lebenden Vater, den er sehr liebt. Er spielt gerne mit dem Computer und steht auf alles, was mit Autos und Panzern zu tun hat. Außerdem rauft er gerne, lacht und debattiert, wenn es um seine Rechte und Interessen geht. Er kann auch mal in die Luft gehen. Vor der Natur hat er eher Angst; dafür badet, rauft und kuschelt er gern – das Wasser ist mehr sein Element als undurchsichtiges Gras oder unkontrollierbare Käfer.

Mohammed (10) ist der Sohn einer kurdischen Familie. Er ist mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern aus Aleppo geflohen – über Istanbul, Bulgarien und Wien. In gewissem Sinne ist er ein typisch syrischer Junge. Er lebt in einem intensiven Austausch mit seiner Familie und hat kaum Zeiten, in denen er auf sich allein gestellt ist. Er spielt gerne mit dem Computer und steht auf alles, das mit Action und Fußball zu tun hat. Außerdem fährt er gerne Fahrrad, liebt Jahrmärkte und redet nicht gerne über sich selbst. Er kann, wenn er will, ganze Filme nacherzählen – und wunderbare Anekdoten über andere. Im Sommer ist er am liebsten draußen; das Schwimmen hat er in Deutschland gelernt, seitdem klappt es auch mit dem Wasser.

Noch sind die beiden in einem Alter, in denen wir vor allem Zeit mit Spielen und Toben verbringen. Viel muss passieren, bunt muss es sein und Spaß machen. In erster Linie geht es um Lachen und eine Zeit, an die man sich gern erinnert, wenn man wieder in die Schule muss. Langsam aber sicher kommen die ersten Fragen auf, die mich in Verlegenheit bringen. Es sind Fragen, die auch ich meinen Eltern gestellt habe in diesem Alter, da man so vieles verstehen will, aber noch so wenig weiß. Die eigene Intuition und Beobachtungsgabe verrät ihnen mehr, als es die Erwachsenen wahr haben möchten.

 

Wir leben in hysterischen Zeiten

Was soll ich Ihnen antworten, meinen beiden Schätzen, wenn sie mich darüber fragen, in welchen Zeiten sie leben? Wie soll ich Ihnen den IS, Neonazis oder Kinderschänder erklären, wie soll ich sie darauf vorbereiten, dass selbst mein Wissen über die vergangenen 4000 Jahre Menschheitsgeschichte auf die Zukunft nur begrenzt anwendbar ist? Wir leben in hysterischen Zeiten. Alle sind hysterisch geworden: die Muslime und die Atheisten, die Araber und die Europäer, die Gender-ForscherInnen und die RetroSexuellen. Glaubt man unserer Presse, so ist nur eines in den letzten Jahren nicht gewachsen: die Partei der Entspannten; Yoga allein scheint nicht zu helfen.

Die Hysterie, die um sich greift wie ein globaler Dämon, ist das eigentlich Verbindende. Ich schrieb bereits an anderer Stelle, der IS sei im Grunde hypermodern, eine Art kultureller Punk – aber sicher nicht das, wofür er sich selbst hält: Reinkarnations-Assistent eines verloren gegangenen Goldenen Zeitalters. Darin ähnelt er erschreckend all jenen, die er so beherzt bekämpfen will: die patriotischen Europäer, die gegen Kirchenglocken während Demos protestieren, die integren Demokraten, die Präsident Sisi und König Salman ein sorgenfreies Durchregieren finanzieren und die engagierten Sozio-Ökologen, denen das Heil der heimischen Käfer und Rinder im Zweifelsfall brisanter dünkt als das Heil der bombardierten Kinder.

Wir sind hysterisch, durch und durch. Und während wir uns noch daran laben, unser Milieu zu pflegen, in dem wir es uns mit unseren Gesinnungsgenossen in Wut vereint gemütlich machen können, geht in uns das Verständnis verloren. Und mit ihm, schleichend, der Verstand. Wann, fragt der Historiker in mir, hat zuletzt eine Gesellschaft eine Reihe gravierender Probleme gelöst, indem es eine andere Gruppe verteufelt hat? Ich zucke mit den Schultern und fürchte: Mein Wissen über die vergangenen 4000 Jahre Menschheitsgeschichte ist auf die Zukunft doch anwendbar.

 

Entspannt Euch und hört nicht auf uns!

Wenn Connor oder Mohammed mich morgen fragen würden, was das alles soll – und wohin es führen wird: Was kann ich ihnen antworten? Dass wir in außergewöhnlichen Zeiten leben und dass wir eine Lösung finden werden, vereint, als Kontinent, der gerade auseinander bricht? Dass wir ausreichend Geld und Kultur besitzen, um all unsere Feinde abzuwehren, während die größten von ihnen das meiste Geld und die gleiche „Kultur“ besitzen?

  • Warum führen wir keine ehrlichen Debatten, sondern schauen Talkshows?
  • Warum diskutieren wir über Flüchtlinge und diskriminieren unsere Migranten in dritter Generation?
  • Warum halten wir Religion für Privatsache und stören uns an Moscheen?
  • Warum hassen wir die Amerikaner und konsumieren fast ausschließlich amerikanische Filme und Musik?
  • Warum glauben wir, dass Irren menschlich ist, wir davon aber nicht betroffen sind?

Ich habe keine Antworten, lieber Connor. Ich weiß es auch nicht, lieber Mohammed. Darum hoffe ich auf Euere Neugier, Euere Integrität, Euer Unverständnis. Leitet nicht aus dem, was Ihr erlebt, Eure Zukunft ab. Schenkt nicht den Tauben Euer Ohr, schenkt nicht den Ungläubigen Euer Vertrauen. Vor allem aber: Entspannt Euch und hört nicht auf uns, die Hysterischen.

4000 Jahre apokalyptische Phantasien verraten: Nichts dauert so lange wie ein Weltuntergang.

 

Bild: wwww.rogerstonehouse.com

 

Ähnliche Artikel:

teaser hoffnung

Hoffnung schöpfen  |  Ein Ritt von der unfertigen Welt zur Würde der Ursächlichkeit


seinsart | Du weißt, wo Du mich findest

Du weißt, wo Du mich findest  |  Ein Männerabend mit Pasta, Filmgucken und Süßigkeiten

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>