‏Sie haben sich nach einem anstrengenden Arbeitstag durch den Discounter Ihres Vertrauens gedrängt, sich an der Kasse die Beine in den Bauch gestanden und sind endlich bereit, den Weg nach Hause anzutreten. Da sehen Sie zu Ihrem Schreck einen Obdachlosen vor der Ladentür stehen, der eine Zeitung feil bietet. Keine Chance – an ihm führt kein Weg vorbei. „O Gott, dafür habe ich jetzt wirklich keinen Nerv,“ denken Sie sich – und haben gleich darauf ein schlechtes Gewissen „He, der steht sich da die Beine in den Bauch und du kannst dir volle Einkaufstüten leisten!“ „Klar!“ begehrt es von anderer Seite in Ihnen auf „Ich tu schließlich was für mein Geld. Soll der doch auch!“ „Hey, du kennst den doch überhaupt nicht, sei nicht immer so wertend! Du weißt doch gar nicht, warum er obdachlos geworden ist,“ springt es in Ihnen von anderer Seite dem Zeitungsverkäufer verteidigend zur Seite. „Genau“, pflichten Sie sich selbst bei „Und überhaupt – ist es nicht ein tolles Gefühl, jemanden mit einem einzigen Euro weiterhelfen zu können? So von Mensch zu Mensch?“…

‏Die hier beschriebene Szene hat sich sicher schon mal in der einen oder anderen Form in Ihnen abgespielt. Welche Stimme dabei letztendlich die Oberhand gewonnen hat, wissen Sie natürlich am besten – darum soll es in diesem Artikel auch gar nicht gehen. Vielmehr möchte ich Ihnen durch dieses Beispiel bewusst machen, dass zahlreichen Entscheidungen in Alltagssituationen keineswegs nur zwischen Kopf und Bauch oder Ihrem „Teufelchen“ und Ihrem „Engelchen“ gefällt werden, sondern vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Stimmungen und Ansichten; diese können es uns gelegentlich ganz schön schwer machen, zu erkennen, wie wir authentisch handeln sollten. Um es mit Otto von Bismarck zu sagen:

Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik!

Republik ist ein gutes Stichwort! Wie sollen wir eigentlich ehrlich und konstruktiv in einer immer pluralistischeren Gesellschaft leben und agieren, wenn wir nicht einmal in uns selbst an einem Strang ziehen können? Hin- und hergerissen zwischen Logik, Erfahrungen, Gefühlen, Ängsten, Ethik, Sicherheitsstreben etc. – wie wollen wir da überhaupt dazu kommen, uns selbst zu verwirklichen, uns nach unseren besten Möglichkeiten zu entfalten?

‏Nun, darauf hat der Hamburger Kommunikationspsychologe Friedmann Schulz von Thun eine interessante Antwort gefunden: Der Mensch bewegt sich nicht nur als Teil eines Systems innerhalb seiner Familie, Arbeit und Gesellschaft – auch in sich selbst ist er ein geschlossenes System, das in seiner ganzen Vielfalt wahrgenommen, anerkannt und organisiert werden will. Dieses System – oder meistens eher unbewusstes Durcheinander – bezeichnet Schulz von Thun als das „Innere Team“.

Schulz von Thun wäre kein Kommunikationspsychologe, wenn er zu dieser Bezeichnung nicht auch ein leicht anwendbares Modell entwickelt hätte, das aus einem chaotischen Haufen von Stimmen eine zusammengeschweißte Truppe machen kann. Dazu bedarf es nur etwas Phantasie und der Freude an der Erforschung des eigenen Wesens. Der Lohn für die Mühe? Je besser Sie Ihr eigenes System und die damit verbundenen Bedürfnisse und und Ziele kennen, umso schneller können Sie sich in großen und kleinen Fragen des Lebens entscheiden, sich selbst gerecht werden und mit sich im Einklang handeln.

‏Schulz von Thun schlägt folgende Vorgehensweise vor:

1. Geben Sie den verschiedenen „Stimmen“ in Ihnen einen Namen.

‏Rufen Sie sich beispielsweise die oben beschriebene Situation plastisch vor Augen und stellen Sie sich vor, der innere Diskurs würde von unterschiedlichen Teammitgliedern geführt, die in ihrem Dasein unterschiedliche Rollen spielen. Welche Bedürfnisse und welche Botschaften repräsentieren sie?

Der Gestresste ist beispielsweise davon genervt, dass er sich nach dem Supermarktchaos schon wieder mit etwas auseinandersetzen muss, wozu er keine Lust hat. Pedanten-Egon ist der Ansicht, dass der Obdachlose auch so einen öden Job zu machen habe wie er selbst, um sein Geld zu verdienen. Karma-Uschi hingegen meint, dass wir im Leben nur weiterkommen, wenn wir großzügig und edel sind und die Alternative ist der festen Ansicht, dass Sie Menschen ohne Vorurteile begegnen sollten.

Spielen Sie das Spiel ruhig weiter, seien Sie kreativ bei der Namensgebung. Sie werden überrascht sein, wie viele Personen sich in Ihnen melden – und wie leicht Sie manche benennen können, während andere eher abstrakt im Hintergrund bleiben. Sie werden Laute und Leise, Frühmelder und Spätmelder, Willkommene und Unwillkommene kennenlernen.

2. Verstehen der Zusammenhänge Ihrer inneren Familie

‏Jetzt beginnt der eigentliche Teil der Arbeit: Schicken Sie niemanden aus dem Team fort, der Ihnen peinlich oder unangenehm ist. Machen Sie lieber für jeden eine kleine Karteikarte und gruppieren Sie sie danach, wer aus Ihrer Sicht gut zusammenarbeitet, wer sich streitet, wer den Ton angeben will und wer sich an den Rand gedrängt fühlt. Wie das genau aussehen kann, sehen Sie sehr schön auf der Seite von Schulz von Thun. Je intensiver Sie sich Ihr Team ausmalen und die verschiedenen Gruppierungen durchspielen, umso mehr erkennen Sie die Dynamiken ihrer inneren „Familie“ und können Sie nutzen. In meinem Beispiel haben sich der Gestresste und „Pedanten-Egon“ gegen „Karma-Uschi“ und die „Alternative“ verbündet. Das muss nicht sein. Um solche die Handlung blockierenden Grabenkämpfe aufzulösen, müssen sich dafür nur entscheiden, jemandem den Hut aufzusetzen.

3. Verschaffen Sie sich Autorität

‏Sie sind natürlich das Oberhaupt Ihres inneren Systems. Sie fühlen sich nicht wirklich so? Dann wird es Zeit, das zu ändern. Überlegen Sie sich, wer von Ihren verschiedenen Teammitgliedern in welchem Bereich Ihres Lebens das Sagen haben sollte und machen Sie ihn zum Abteilungsleiter. Um keine Stimme zu unterdrücken, sorgen Sie dafür, dass die gewählte Leitung – in meinem Beispiel die „Alternative“ – alle Teilnehmer an den runden Tisch bittet und gemeinsam Kompromisse gefunden werden, hinter denen alle Anteile stehen können. Ihr inneres Gesamtklima verbessert sich, wenn alle Gehör bekommen und ernst genommen werden. Ich muss in meinem Falle einen Weg finden, bei der Ansicht eines Obdachlosen weder ein schlechtes Gewissen zu haben noch gereizt über etwas zu sein, wofür der Zeitungsverkäufer eigentlich nichts kann.

4. Entwickeln Sie eine Strategie für die Zukunft

‏Nach der Diskussion am grünen Tisch hat sich im geschilderten Beispiel folgende Strategie herauskristallisiert: Künftig werde ich jeden Monat fünf einzelnen Euro-Stücke in einem separaten Teil meines Portemonnaies griffbereit parat haben. So kann ich ungestresst mein Gewissen reinhalten und spontan entscheiden, wann ich wem was geben will. Für diese relativ einfache Problemstellung brauchte ich dank des inneren Teams keine halbe Stunde, um eine langfristig befriedigende Lösung zu finden. Probieren Sie es doch mit einer Sie bewegenden Fragestellung einmal selbst aus – Sie werden schnell feststellen, dass – wenn Sie Ihre innere Mannschaft samt Aktiver, Außenseiter und Auswechselspieler gut kennen – schnelle und gleichzeitig gute Entscheidungen kein Thema mehr für Sie sind.

 

Bild: rivella

Written by Kirsten Buchholzer

Kirsten Buchholzer startete als Übersetzerin und Lektorin in das Autorenleben. Inzwischen schreibt sie für Fachzeitschriften und -verlage Artikel und Bücher über Selbstentfaltung, kreatives Schreiben und den Einfluss der Zeitqualität auf das persönliche und gesellschaftliche Erleben.

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