Köln. Karneval. Der Kölner Karneval geht ja bekanntlich durch alle Medien. Und der Kölner Karneval ist hier Staatsanordnung. Alle Teilnehmer sind verkleidet. Alle sind besoffen. Und alle haben Spaß. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein.

Ist es auch nicht. Doch die Ereignisse der vergangenen Silvesternacht hängen über den Feierlichkeiten wie ein beißender Schatten. Eintausend Flüchtlinge haben in einem Mob hin und her vergewaltigt. Zwischendurch haben sie auch noch mal schnell ein paar Smartphones geklaut. Zwei der Sittenstrolche sind aus den USA geflohen und einer kam aus der DDR. Der Rest war nord- oder irgendwie anders afrikanisch. Stellt man sich mal bildlich eintausend Männer vor, die 20 oder 30 Männer und Frauen überfallen, wird einem schwarz vor Augen. Oder aber man hält es für eine unwirkliche Situation. Für immer mehr Bürger ist das aber egal. Patriotische Europäer haben derzeit Hochkonjunktur.

Ich will mir ein eigenes Bild von der Lage machen. Karneval kommt immer kurz nach Silvester und diesmal bin ich dabei. Vergewaltiger, Sextäter oder Räuber haben keine Saison. Die klauen, wann auch immer es möglich ist.

Um den Kiez um den Bahnhof herum besser zu verstehen, lasse ich mich von Mustafa Kocak, einem ortsansässigen PR-Manager, begleiten. In der Nacht zum Montag ist es rund um den Dom recht menschenleer. Es irren lediglich ein paar verirrte Schnapsleichen umher.

Das einzige, was auffällt, ist die massive, hölzerne Barrikadierung der Verkaufsläden in der Innenstadt. Die haben da eigens für den Karnevalsumzug angefertigte Schutzwände aus Holz vor den Schaufensterscheiben. In Kreuzberg gibt es das auch – allerdings am 1. Mai.

Mustafa ist Türke. Ich bin Araber. Darüber habe ich bis jetzt eigentlich nicht nachgedacht. Jetzt aber merke ich, dass die Silvesternacht und ihr Sexmob doch seine Spuren im Knochenmark der Menschen hier hinterlassen hat. Verkleidete Passanten wechseln die Straßenseite oder ihre Gehrichtung, als sie uns wahrnehmen. Türsteher und Wachmänner gehen demonstrativ in die Tür hinein, um uns zu zeigen, dass wir nicht willkommen sind. Ein Mann, der vor einer halben Minute noch ein Paar Clowns schwer bedrängt hatte, hält völlig still, als wir an ihm vorbeigehen. Zuvor hatte er jeden angepöbelt, der an ihm vorbeigegangen war.

Haben die Leute wirklich Angst vor uns? Denken sie, dass wir Flüchtlinge sind? Es waren sonst doch auch so unendlich viele Ausländer in Köln unterwegs. Das ist mir noch nie aufgefallen.

Montagmittag auf dem Umzug kommts noch dicker. Ein gelassener Karnevalszug schlängelt sich durch die Menschenmassen, die ihn bejubeln. Wer „Kamelle“ ruft, der bekommt auch Kamelle. Niemand denkt an Ärger. Nicht einmal der Polizist, den ich nach Ausschreitungen oder Terror frage, was er in solch einem Fall tun würde. Er lächelt mich nur an und sagt: „Wir sind hier in Kölle, niemand kann uns was.“

Wenn ich nicht allein hier wäre, dann würde ich sicherlich bleiben und viel Spaß mit den Menschen haben. Vielleicht würde ich den Antanztrick versuchen. Vielleicht würde ich aber auch versuchen, einen Antänzer anzulocken, um ihm dann, wenn ich ihn erwischt habe, die Fresse zu polieren. Aber wer macht das schon bei mir. Bestimmt denken die Flüchtlinge, dass auch ich ein Flüchtling bin. So bleibt mir nichts anderes übrig als mich mit einer leeren Kiste auf den Heimweg zu machen.

Auf dem Weg zum Bahnsteig lerne ich einen freundlichen Hasen kennen. Vier Männer in Frauenkleidern umarmen mich, tanzen und bieten mir von ihren Getränken an. Eine Gruppe von japanischen Touristen wird zum Tanzen animiert. Und selbst die umherlaufende Dusche lacht mich fröhlich an und grüßt: „Kölle Alaaf“.

Ob Flüchtling oder nicht. Eines habe ich heute gemerkt: Köln bleibt Köln. Und das ist auch gut so.

 

Bild: Boenz

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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