Click here for English version.

 

Eigentlich bin ich Buchautor und Streetworker. Aber manchmal, wenn ich Zeit und Kraft habe, gehe ich ins hiesige Flüchtlingsauffanglager nach Moabit, um dort ein Ehrenamt auszuüben. Berlin ist sehr gut zu mir. Und das will ich auf diesem Wege zurückgeben.

Meistens übersetze ich im Auffanglager vom Deutschen ins Arabische. Und meistens sind es Syrer, die dort um Asyl und mich um meine Hilfe bitten. Am Anfang war es sehr schwierig, all die Menschen und ihre Schicksale zu sehen und anzuhören. An manchen Tagen konnte ich vor Frust und Trauer nicht mehr schlafen.

In letzter Zeit versuche ich immer häufiger dort hinzugehen und mich in irgendeiner Weise mit den Menschen auseinanderzusetzen.

 

In den Geschichten dieser Menschen verbirgt sich in jedem Satz der Teufel

Das auslösende Moment für meine heutige Reise in das autonome Camp nach Calais war der Tag, da ich zusammen mit einem Freund eine Gruppe von ca. 40 Flüchtlingen auf der Straße aufgelesen hatte. Sie hatten keinen Schlafplatz. Und viele von ihnen hatten bereits ein oder zwei Nächte draußen geschlafen. Ich kenne diese Situation aus meinem eigenen Leben. Und deswegen wünsche ich das keinem Menschen auf dieser Welt. Schon gar nicht Kriegsflüchtlingen. In den Geschichten dieser Menschen verbirgt sich in jedem Satz der Teufel.

Alle Formen von Gewalt, psychische Schäden und Missbrauchsfälle in jeder denkbaren Version sind der Anfang jeder Geschichte eines Kriegsflüchtlings. Am Schlimmsten ist es mit den Kindern. In der Traglufthalle in Moabit haben sie manchmal Plätze frei. Da brachte ich an jenem Tag im Juli die Männer und die Frauen hin.

Auf dem Fußweg zur Halle fiel mir auf, dass einige der Leute nichts mit sich führten als die Klamotten an ihrem Leib. Eigentlich hatte ich vorgehabt, sie nur dorthin zu bringen und dann wieder zu gehen. Die Leute vom Auffanglager sind sehr freundlich und hätten sich sicher ausgezeichnet um ihre neuen Gäste gekümmert.

Aber zwischen mir und diesen Menschen war längst eine Verbindung entstanden.
Sieben Stunden später hatte jeder von ihnen, den ich dorthin gebracht hatte, etwas gegessen und ein Bett für den Zeitraum, in dem das Landesamt für Gesundheit und Soziales die Kosten dafür übernimmt. Dafür hielten sie nun alle die entsprechenden Scheine in den Händen.

Kurz vor Mitternacht verabschiedete ich mich und ging in Richtung Ausgang, um die Halle zu verlassen. Einer der Flüchtlinge folgte mir, um mir etwas mit auf den Heimweg zu geben. „Bruder, warum tust du das hier? Warum hilfst du uns? Ich danke dir im Namen der ganzen Gruppe.“

Wochenlang suchte ich in der Folge dieser Begegnung eine Möglichkeit, Flüchtlinge noch effektiver zu unterstützen. Bis ich über Facebook auf einen Artikel in einer französischen Zeitung über das Camp vor Calais stieß.

 

Manche spenden und manche hören vielleicht damit auf, Nazis zu sein

In diesem Camp leben derzeit um die 4000 Flüchtlinge aus aller Welt. Männer, Frauen und Kinder haben dort eine eigene Stadt gebaut. Eine Kirche, eine Moschee, einen Supermarkt, einen Friseur, sanitäre Anlagen, einen Fußballplatz – all das haben die Menschen dort in diesem Camp selbst errichtet. Autonomie pur. Das fand ich schon immer interessant. Als Kind findet man so etwas lustig. In Wirklichkeit ist es bitterer Ernst.

Ich will da hin. So schnell es geht. Und ich will Euch und meinen Freunden davon berichten. Ich glaube daran, dass die Kenntnis von Geschichten und Menschen dazu führt, dass man selbst aktiv werden möchte, sich engagieren will, wie Stéphane Hessel es formulierte. Die Zeit ist reif. Manche spenden. Andere gehen ehrenamtlich arbeiten. Und wieder andere hören vielleicht damit auf, Nazis zu sein, wenn sie so etwas mitbekommen.

Mein Vorhaben habe ich bei Facebook publik gemacht. Viel kam dabei nicht rum. Ich habe eine Sängerin im Schlepptau. Sie kommt von Stuttgart nach Frankfurt. Dort treffen wir uns, um gemeinsam nach Calais zu fahren. Irgendwie werden wir noch Altkleider sammeln, die wir vor Ort verteilen können.

Meine Nachbarn haben Fuß- und Basketbälle gespendet und einen elektrischen Rasierer. Der Verein Aktion Europa hilft auch und hat über Western Union 600,- Euro geschickt. Damit soll ich vor Ort Reis kaufen und an die Bedürftigen verteilen.

Mir ist klar, dass all diese Dinge keine Welten bewegen können, aber ich verspreche, dass mein Besuch an diesem Ort nicht umsonst gewesen sein wird. Wer mich kennt, der weiß, dass ich dort irgendetwas anstellen werde, um an mein Ziel zu kommen.

 

Mein Ziel ist Aufmerksamkeit

Mein Ziel ist Aufmerksamkeit. Aber nicht für mich, sondern für all die Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um hier in Europa auf ein verdrecktes Camp oder eine fremdenfeindliche Meute zu stoßen. Glaubt mir, denn ich weiß, von was ich spreche: Kein Mensch verlässt freiwillig sein Zuhause.

An dieser Stelle werde ich Euch in den kommenden Tagen von meiner Reise in den Dschungel von Calais berichten. Wir hören uns!

 

Hier geht es zu Tag 2: Niroz.

 

Bild: Escarlati

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

3 comments

  1. Ja lieber Hammed, auch du bist als Flüchtling nach Berlin gekommen. Als Flüchtling vor Deiner bewegten Vergangenheit!

    Ich bin wahnsinnig stolz darauf, wie Du Dich entwickelt hast!
    Du bist ein gutes Vorbild für alle anderen!

    Marian

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>