nominiert_2016_grossAUS AKTUELLEM ANLASS | Der Blog „In den Dschungel von Calais“ ist für den Grimme Online Award 2016 nominiert. Hilf mit, Hammed und seinsart den Publikumspreis zu sichern: Klick auf das Logo links und gib jetzt Deine Stimme für Calais ab!


Das Flüchtlingsdrama in Europa geht unvermindert weiter. Der Autor und Journalist Hammed Khamis ist für die Leserinnen und Leser der seinsart nach Calais aufgebrochen, um sich auf die Suche nach den Schicksalen hinter den Statistiken zu begeben.

Verfolge auf diesem Blog seine bewegende Reise an den Ort, der eines Tages vielleicht für das Ende des europäischen Humanismus stehen wird – oder für eine Wende, die der Politik der EU ihr menschliches Antlitz zurückzugeben vermag.

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Zur Dokumentation des „Concert in Calais“, das Hammed Khamis mit seinsart am 10. Dezember 2015 im Dschungel veranstaltet hat, geht es hier.


Hammeds Erlebnisse in zeitlicher Reihenfolge:

1

Tag 1: In den Dschungel von Calais  |  Das auslösende Moment für meine heutige Reise in das autonome Camp nach Calais war der Tag, da ich zusammen mit einem Freund eine Gruppe von ca. 40 Flüchtlingen auf der Straße aufgelesen hatte. Sie hatten keinen Schlafplatz. Und viele von ihnen hatten bereits ein oder zwei Nächte draußen geschlafen. Ich kenne diese Situation aus meinem eigenen Leben. Und deswegen wünsche ich das keinem Menschen auf dieser Welt. Schon gar nicht Kriegsflüchtlingen. In den Geschichten dieser Menschen verbirgt sich in jedem Satz der Teufel…


2

Tag 2: Niroz  |  Heute ist Mittwoch. Ich bin inzwischen in Essen. Ich bin hierher gekommen, weil ich Thea, die Sängerin, treffen will. Sie kommt aus Stuttgart, um mich in das autonome Flüchtlingslager nach Calais zu begleiten. Die Jungs sind auf der Arbeit oder in der Uni. Also gehe ich ein wenig spazieren. Als ich an einem Internetcafé vorbei komme, beschließe ich, meine Recherche über Flüchtlingslager fortzusetzen. So habe ich mehr Möglichkeiten, morgen auf die Menschen in Calais einzugehen…


3

Tag 3: Freunde & Trittbrettfahrer | Irgendwie ging das Auto kaputt. Und dann wollte mir der Typ von Western Union die Überweisung für den Reis, den ich in Calais an die Flüchtlinge verteilen sollte, nicht rausgeben, weil mein Name falsch geschrieben war. Diese Fahrt schien wie verflucht. Und nun hatte auch noch die Sängerin, die mich mit ihrem Auto mitnehmen wollte, seit drei Stunden ihr Handy aus…


4

Tag 4: Jaspering | Nach fünf Kilometern habe ich schon fast die ganze Promenade von Calais einschließlich ihrer neuen Einwohner, den Flüchtlingen, gesehen. Es ist jetzt circa 14 Uhr. Meine Schultern schmerzen von dem Rucksack, den ich trage. Mein Arm ist vom Ziehen des Rollkoffers gefühlte zwei Meter länger geworden. Und ich bin komplett durchgeschwitzt…


5

Tag 5: Auf der Flucht | Mit gesenktem Haupt gehe ich mit den Jungs weiter, um ein wenig zu resumieren. Eli ist wirklich ein guter Mensch. Ich habe ihm beim Beten zugesehen. Er hat beim Gebet gekniet wie Muslime es tun. Damit hat er mir etwas zur Hand gegeben, das ich in Zukunft zum Diskutieren benutzen kann, wenn es um die Unterschiede der Religionen geht. Es gibt keinen Unterschied. Allein der Mensch ist, was zählt. Danke Eli…


6

Tag 6: I am not animal | Es ist etwa 10:30 Uhr und ich sitze hier in einer der kleinen Bäckereien am Meer. Mit den Hamburger Jungs habe ich mich hier für elf Uhr verabredet. Gleich kommen sie, um mich mit dem Auto abzuholen. Als der dunkle VW-Kombi vor mir erscheint, habe ich es nicht mehr so eilig wie noch ein paar Stunden zuvor…


7

Tag 7: Kinder des Dschungels | „I am not animal! I am not animal!“ Die Worte der eritreischen Demonstrantin gestern auf der Autobahn gehen mir bis heute früh nicht aus dem Kopf. Selbst beim Frühstück beeinflussen diese Erlebnisse meine Gedanken.
 Natürlich ist diese Frau kein Tier. Doch die Lage und die Handhabung der Menschen dort im Camp lässt ihre Aussage schnell einen Sinn bekommen…


8

Tag 8: Ein Kreuz steht in FlammenIn einem Imbiss in der Calaiser Innenstadt sitzen wir nun und essen Kebab-Sandwiches. Dort bemerke ich immer wieder vorbeikommende Gruppen von Flüchtlingen. Alle gehen in eine Richtung. Zum Zug. Zum Tod. Zur Freiheit. Zu einem neuen Leben…


9

Tag 9: Atem, der das Leben nimmt | Morgens beim Frühstück im Hostel fällt mir auf, dass es im Buffet nur Süßkram gibt, nicht einmal Käse. Warum ist mir das vorher nicht aufgefallen? Als ich mich hinsetze, mustert mich eine Gruppe Franzosen. Warum schauen sie so? Denken sie auch, dass ich ein Flüchtling bin? Oder sehen sie mir bloß an, dass ich seit einer Woche nicht mehr schlafen kann? Meine Nerven liegen blank. Ich gebe mein Tablett ab und gehe aus dem Hotel in Richtung Dschungel…


10

Tag 10: Mit Tarzan in den Dschungel | In meinem Hostelzimmer ist noch ein Bett frei. Die letzten Tage hatte ich Glück. Die Hotelleitung hätte mir einen Zimmernachbarn aufs Auge drücken können. Haben sie aber nicht. Bis heute. 
Irgendwer liegt da jetzt in dem Bett neben meinem. Hoffentlich hat er mir nichts von meinen Sachen geklaut. Die Person ist sehr dünn und hellhäutig. Und ich glaube, sie hat lange Haare. 
Hätte auch ein Mädchen sein können, das da neben mir liegt. Aber ich glaube, in diesem Hostel trennen sie die Zimmer nach Geschlechtern…


11

Tag 11: Abschied nehmen | Im Hostel geh ich direkt unter die Dusche. Während ich mich wasche, sehe ich, wie der ganze Schmutz meinen Körper entlang in den Abfluss fließt. Heute reicht mir das nicht. Ich seife mich noch einmal ein, spüle mich erneut. Noch immer kommt es mir so vor, als sei ich dreckig. Was habe ich heute an mir, das ich gar nicht abwaschen kann?


seinsart | Tag 12: Der Friedhof (Epilog)

Tag 12: Der Friedhof (Epilog) | Der Friedhof von Calais liegt nicht weit weg vom Zentrum der Stadt. Wir erreichen ihn schnell und problemlos. Dort angekommen trenne ich mich ein wenig von der restlichen Gruppe. Die Leute vom Friedhof sollen nicht denken, dass wir Journalisten sind und uns deswegen des Platzes verweisen. Außerdem weiß ich, dass ich gleich Gräber von Menschen sehen werde, die auf dem Zug und in einem LKW ihr Leben lassen mussten…


Alle Tage auf einen Blick:
Tag 1: In den Dschungel von Calais
Tag 2: Niroz
Tag 3: Treue Freunde und Trittbrettfahrer
Tag 4: Jaspering
Tag 5: Auf der Flucht
Tag 6: I am not animal
Tag 7: Kinder des Dschungels
Tag 8: Ein Kreuz steht in Flammen
Tag 9: Atem, der das Leben nimmt
Tag 10: Mit Tarzan in den Dschungel
Tag 11: Abschied nehmen
Tag 12: Der Friedhof (Epilog)

Wenn Du Hammed kontaktieren möchtest, schreib ihm an:
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Bilder: Hammed Khamis

17 comments

  1. Lieber Hammed, kann man Deinen Blog auch irgendwo auf arabisch lesen? Ich bin schon so oft danach gefragt worden. Die Bilder sind zwar schon aussagekräftig, aber für die Flüchtlinge hier am LAGeSo, die immer noch denken, dass es besser wäre nach England zu gehen, wäre es gut, wenn sie es auch lesen könnten. Komm mal wieder nachts vorbei! Grüße Kaja

  2. Ich werde jetzt gleich ein wenig pathetisch, aber ich möchte dir sagen, dass mich inmitten all der Berichterstattung, der Bilder und der Schlagzeilen dein Blog emotional gepackt hat an einer Stelle, die sich jetzt seit Wochen wund anfühlt und die schmerzt, weil man nichts tun kann; so denke ich jedenfalls immer, aber du machst ja einfach.

    Es ist so: Ich trage mich ein zum Sortieren in der Kleiderkammer, nehme an einem Projekt teil mit dem Namen „Kochen mit und für Flüchtlinge“ und manchmal merke ich trotzdem, dass ich noch ein wenig scheu bin gegenüber all dem Unbekannten und Fremden.

    Aber als ich deinen Blog gelesen habe, da habe ich verstanden, dass niemand scheu sein muss, nur helfen muss man den Leuten, nichts anderes zählt, vor gar nichts muss man Angst haben und selbst wenn, was soll’s, oder? Ich habe glaube ich nix, womit ich dir helfen könnte, was ich dir anbiete könnte und das tut mir sehr leid.

    Ich wollte jedenfalls Danke sagen, für deine Bemühungen, die Anstrengungen, für das Ertragen von Menschen, die von Hotels am Strand reden, für das Weiterlaufen, für das Leute treffen und vor allem für das Aufschreiben. Du tust etwas, von dem ich hoffe, das ich es irgendwann einmal tun kann:

    Menschen mit ausgewählten Worten in die richtige Richtung führen. Ich hoffe sehr, dass du so viel Aufmerksamkeit bekommst wie möglich und dass die Menschen, die mehr Mittel haben als ich, genauso durchgerüttelt werden.

    Also: Danke, Hammed, für deinen Bericht.

  3. Wir sitzen gemütlich zu Hause und in der Nähe läuft eine Jagd auf Menschen, die uns gleichen, aber leider von ihrer Heimat flüchten mussten, um einfach LEBEN zu können. Warum? Sie haben doch kein Verbrechen begangen. Sie sind keine Kriminelle. Sie sind Menschen!! Sie mussten alles zurück lassen, alles, was Du und ich noch haben…

  4. Die besten Geschichten schreibt das Leben, heißt es, wobei das hier die Realität tausender Vertriebener auf der Suche nach Freiheit ist. Der Ex-Osnabrücker Hammed Khamis ist in Calais und schildert den dortigen Alltag authentisch und eindringlich.

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