Eigentlich wollte ich nur die Kirche im Dschungel ansehen. Mehr nicht.

Nun bin ich das dritte Mal hier gewesen. Diese Sache lässt nicht nur mich, sondern alle bisher Beteiligten, nicht mehr los. Im September habe ich gemeinsam mit einer Freundin zwei LKW dorthin geschafft. Heute hat Andreas Kern, ein bekannter Berliner Pianist, mich hierher begleitet. Er wird gleich für die Menschen im Camp spielen. Allein wäre mir das niemals möglich gewesen. Es sind so viele Menschen, bei denen ich mich bedanken will. Aber bestimmt vergesse ich wieder jemanden. Deswegen sage ich gar nichts mehr dazu.

Eigentlich müsste ich sehr gute Laune haben, denn ich stehe schon wieder mitten im Camp von Calais und bin dabei, 600 Plastikbecher mit Getränken zu verteilen, während Andreas Kern aus Berlin ein Klavier-Konzert direkt im Camp für die Flüchtlinge gibt.
Die Menschen, Flüchtlinge und Volontäre, können sich jetzt eine Auszeit nehmen.
Man sah es in ihren müden Gesichtern. Viele haben sich bedankt. Ein Fernsehteam von ARTE hat das Ganze sogar in einem Bericht aufgenommen. Das war auf jeden Fall ein Erfolg.

Irgendwie kann ich mich aber nicht darüber freuen. Irgendwas fehlt mir. Ich weiß nicht, was es ist. Das Klavier liegt jetzt wieder im Kofferraum. Meine Begleiter Andreas und Nicolas sind nach Brüssel gefahren, um mit dem Flieger zurück nach Berlin zu kommen. Sie haben beide wichtige Termine und Familien. Ich selbst habe noch nicht genug bekommen. Also denke ich nach, was ich machen kann. Immerhin habe ich ein Klavier im Kofferraum meines Leihwagens.

Immerhin habe ich ein Klavier im Kofferraum meines Leihwagens.

Ich denke an Jack, den Nigerianer. Er hat es zu einer Art Bürgermeister im Dschungel geschafft. Zusammen mit französischen Volontären hat er dort eine Art Siedlung gebaut. Darin gibt es eine Krankenstation, Schlafplätze für Besucher und einen Kindergarten. Vor dem Kindergarten erkennt mich Jack gleich wieder. Er umarmt mich, als wären wir richtig gute Freunde. Mein Angebot, das Klavier im Kindergarten für die Kinder aufzustellen, nimmt er lachend und fröhlich an. Während Jack und Toni, ein anderer Flüchtling, das Klavier aufstellen, mache ich mich auf die Suche nach jemandem, der Klavier spielen kann.

Ich finde Andrew aus England. Er hilft hier in einer Küche aus. Zehn Minuten später sitzen wir im Kindergarten und Andrew spielt knapp zehn Kindern auf dem Klavier vor. Als ich ihn bitte, die Kinder daran zu beteiligen, macht er das Klavier auf Autoplay und holt eins nach dem anderen zum Spielen ans Klavier. Alle haben großen Spaß daran. Ich bekomme von Jack eine Tüte Süßigkeiten, um sie an die wartenden Kinder zu verteilen. Das tue ich gerne.

Das dritte Kind ist ein ca. 4-jähriges Mädchen in einem grünen Pullover. Ich reiche ihr zwei Kaubonbons. Dabei berührt meine Hand ihre Hand. Die fühlt sich sehr kalt an. Ich schaue durch ihre Finger hindurch auf ihre kleinen Füße. Sie steht barfuß vor mir. Wo hat dieser kleine Mensch heute nur geschlafen?

Während die kleine Reem mittlerweile am Klavier klimpert, suche ich ihre Mutter. Ich finde sie an einem Tisch in einem Interview. Reems Mutter berichtet auf Arabisch und Kurdisch, wie der IS ihrer Familie zugesetzt hat. Es ist schwer, ihr dabei zuzuhören.

Der Schwager einer guten Freundin aus Bottrop/NRW hat fast zwanzig Smartphones gespendet. Davon habe ich auch ein paar bekommen, um sie zu verteilen. Wortlos reiche ich dieser total verstörten Frau eines dieser Handys. Nun ist sie ruhig. Genau wie ich.
Die kleine Party geht zu Ende.

Das Klavier muss zu seinem Besitzer zurück. Zu ihm fahre ich zusammen mit Toni aus Nigeria. Ich bin extra abends los, damit die Nachbarn nicht sehen, dass die Familie wieder mal Besuch von Flüchtlingen hat. Sie wurden in den letzten drei Jahren von Nachbarn und Bekannten bespuckt und auch körperlich bedrängt. Eine Schande. Die Schande von Calais.

Als ich dem hilfsbereiten Monsieur die Hand reiche, um ihm noch einmal für das Ausleihen des Klaviers zu danken, senkt er seinen Kopf und bedankt sich ebenfalls bei mir. Dieser Dank erscheint mir sehr ungewöhnlich. Immerhin hat er mir sein Klavier für das Konzert ausgeliehen und nicht andersherum. Er erklärt mir, dass das Klavier, welches er von seiner Mutter hat, in den letzten 30 Jahren keinen wirklichen Nutzen hatte. Bis ich kam und ihn fragte, ob ich es für ein Konzert im Dschungel ausleihen kann.

„Das war ganz im Sinne meiner Mutter. Danke, Hammed!“ Selbst über diese tollen Worte kann ich mich nicht wirklich freuen.

Dieser Mann ist gut. Er ist ein guter Mensch. Was geht es andere an, wem er hilft? Wer nimmt sich das Recht, ihn zu bedrängen, weil er anderen Menschen helfen will? Nicolas hat mir gestern gesagt, dass im Departement von Calais die Front National mehr als die Hälfte der Wählerstimmen erhalten hat.

Ich denke an das Freudenstrahlen der kleinen Reem mit den kalten Händchen und frage mich, was diese Zeiten zu bedeuten haben.

Bild: Hammed Khamis

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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