„Er hielt eine Menge auf sich. Vielleicht zu Recht.“ Zu dieser Einsicht kam Drehbuchautor Aaron Sorkin, nachdem er das Drehbuch für den Film „Steve Jobs” fertiggestellt hatte. Ob Jobs wirklich glücklich war, sei dahingestellt. Unnötige Selbstzweifel plagten ihn auf keinen Fall. Nach letztwöchigem Gedankenspiel über all die Spielregeln des Glücks (und ob man sie eventuell einfach ignorieren sollte) hier nun ein völlig neuer Ansatz: Braucht es am Ende einfach die richtige Dosis Narzissmus, um entspannter zu leben?

Wir erinnern uns: Auf der Liste der Punkte, die einen glücklich machen, steht immer wieder, man solle sich von niemandem bremsen oder verunsichern lassen. Die Pointe ist klar: Wer sich selbst liebt, würde gar nicht Gefahr laufen, diese Dinge zu tun.

Spieglein, Spieglein an der Wand.
Wer ist die Schönste im ganzen Land?  (Gebrüder Grimm)

Schon in der Kindheit haben wir gelernt, dass es böse ausgehen kann, wenn man sich selbst zu gerne hat. Das Schicksal der Königin im Märchen Schneewittchen ist eine der ersten Moralgeschichten, die einem in jungen Jahren die drastischen Konsequenzen der Eitelkeit verdeutlichen. Doch was ist der Narzissmus noch – außer sehr, sehr böse? Ein narzisstischer Mensch ist dem Duden nach „eigensüchtig, voller Eigenliebe”. Bei Erwachsenen handelt es sich nach Sigmund Freud um den „sekundären Narzissmus“ (der primäre beschreibt einen vergänglichen Zustand in früher Kindheit), der unter anderem nach Selbstwertkränkungen auftreten kann, also zumindest teilweise durch externe Faktoren mitverursacht wird. Um es mit den Worten der Psychologin Bärbel Wardetzki zu sagen: „Unter positivem Narzissmus versteht man ein stabiles Selbstwertgefühl. Ein narzisstischer Mensch aber hat darin ein Defizit. Das kompensiert er, indem er sich ein Größenselbst erschafft, mit dem er sich identifiziert.“ Die Welt ist – zumindest wissenschaftlich betrachtet –  also nicht automatisch besser, wenn man Narzisst ist. Aber…

Jeden Morgen beim Erwachen genieße ich das erhabene Vergnügen, Salvador Dalí zu sein …

… in dieser Welt wäre jemand wie Salvador Dalí vermutlich ihr Chef. Narzisstische Menschen sind in der Regel intelligent, eloquent und extrovertiert – und wissen dies gewinnbringend einzusetzen, so eine Studie an der Universität Illinois. Fast jeder erfolgreiche Mensch, vom Politiker bis hin zum Künstler, ist mindestens einmal von der Presse mit diesem Siegel versehen worden. In gewissem Maß ist der Narzisst also – obwohl die Bezeichnung isoliert von der Begleiterscheinung Erfolg eine negative Konnotation hat – in Zusammenhang mit Stellung, Schaffen und Verdienst durchaus salonfähig.

… Voller Erstaunen frage ich mich dann, was dieser Dali heute noch wieder Wunderbares verrichten wird.  (Salvador Dalí)

Der zweite Teil von Dalís berühmten Zitat ist vermutlich ein Indikator, ab welchem Grad es problematisch werden kann: Sich selbst mögliche wunderbare Taten zu Beginn eines Tages zuzuschreiben, ist vermutlich zuviel des Guten. Ohne ihn persönlich gekannt zu haben, lässt sich hier sekundärer Narzissmus vermuten: die Notwendigkeit, einen gewissen Mangel an Selbstwertgefühl, eventuell ausgelöst durch seelische Wunden, kompensieren zu müssen. Wenn man nun nicht bereits darüber verfügt, wird man wohl auch nicht versuchen, dieses nachzuholen, um glücklicher zu werden. Sollte man also nicht bereits seinen Weg zum positiven Narzissmus gefunden haben, ist dieser eventuell gar nicht der „richtige“ Weg; aber er spiegelt einige hilfreiche Symptome.

Liebe kommt von Lieben –
und ich fange bei mir an.  (Falco)

Falcos epischer Welterfolg „Egoist“ kratzt zwar mit seinem Text sehr stark am Narzissmus, vermittelt aber durchaus das angezielte Prinzip: Das „Ich“ über allem, aber nicht nur aus einem inneren Zwang heraus. Sondern geplant, gepflegt, gestylt. Inszeniert. Kann dies der Schlüssel zum Erfolg sein? Man kann die Menschen der wichtigsten Prioritätsstufe (Familie, Partner und Freunde) immer noch gut behandeln, während man sich auf der anderen Seite gezielt und ohne Rücksicht auf Verluste den Weg frei macht. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht,” heißt ja nicht umsonst ein Sprichwort.

Hier gibt es jedoch verschiedene Aspekte zu betrachten: den positiven und den negativen Egoismus, die Zielsetzung mit Erfolg im Job oder Erfolg beim Glück. Der positive Egoismus ist – wie der Name schon sagt – unter Umständen gar nicht so schlecht: Er hilft einem, seine Interessen und Grenzen zu verteidigen. Man muss sich über seine Bedürfnisse im Klaren sein und sie auch zu schützen wissen, um nicht zum Spielball seines Umfeldes zu werden und somit Hilflosigkeit und Frust zu kultivieren. Die Basis hierfür ist jedoch stets ein respektvoller Umgang mit den Mitmenschen. Die Methoden können fein und umsichtig gewählt sein und auch die Möglichkeit des Kompromisses ist gegeben.

Es ist geil, ein Arschloch zu sein.
(Christian Möllmann)

Oder auch nicht. Dies wäre dann der negative Egoismus: „so richtig dreckig und gemein“, um es mit den Worten des ehemaligen Big Brother Stars Christian Möllmann zu sagen. Die kann unter Umständen Erfolg im Job verschaffen – hierzu gibt es unterschiedliche Untersuchungen – aber macht nicht wirklich glücklich, zumindest laut Prof. Dr. Kurt Bayertz. Er weist aber auch darauf hin, dass „Glück und Moral” nicht immer zwangsläufig Hand in Hand gehen: Hier und da kann man durchaus ein wenig selbstsüchtig sein, und es ist dem Wohlbefinden sehr zudringlich.

Artikel wie „Altruisten kommen weiter“ (DIE ZEIT) passen da so gar nicht in das Bild des selbstoptimierten Narzissten. Es wird im Gegenteil darauf hingewiesen, dass Selbstlosigkeit süchtig machen kann; gemeinnützig engagierte Menschen sind diesem Ansatz nach die glücklicheren. Also allen Ich-Bezug über Bord und auf zum Ehrenamt?

Beim Narzissmus ist Mittelmäßigkeit
genau richtig.  (Emily Grijalva)

So lautet das Fazit der Frau hinter den Forschungen der University of Illinois. Zwar bezog sie sich damit auf die Eignung von Führungskräften, doch scheint ihr Schluss recht anwendbar auf andere Menschengruppen zu sein. Was eine liebevolle Beziehung zu sich selbst angeht, ist ein wenig mehr oft mehr – und wesentlich besser als zu wenig. Nach all den externen Faktoren des Glücks und Zufriedenheit, die in den vergangenen Wochen erwähnt und betrachtet wurden (Familie, Freunde, Job, Geld etc.), ist nun der Fokus auf einen selbst zu legen.

Die Lösung ist also – wie in vielen anderen Lebensbereichen – mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gesunder Mittelweg. Eine Portion positiven Narzissmus und Egoismus sollte man, wenn man ihn aus Selbsterhaltungsgründen nicht bereits gebildet hat, durchaus bewusst pflegen. Dazu ist es gar nicht nötig, ein charakterliches Gesamtkunstwerk zu sein; am Ende hat jeder einen Teil, auf den er ein wenig stolz ist. Und das sicher zu Recht.

 

Bild: Alexander Frühbrodt

 

Ähnliche Artikel:

sad-1015875_1920-1024x681

Hier geht’s weiter: Wege aus der Hoffnungslosigleit


girl-1031374_1920-1024x683

Hier geht’s weiter: Die Kunst, das Glück in Ruhe zu lassen

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

2 comments

  1. Bin noch am Anfang des Artikels, aber muss gerade schonmal loswerden, dass ich nicht finde dass von Seiten der Königin in Schneewittchen von Selbstliebe die Rede sein kann. Eher ein krankhafter Drang nach Bestätigung der eigenen Schönheit, weil sie tief im Innern Schneewittchen für viel schöner hält. Der Spiegel spiegelt ihr lediglich ihre eigene Wahrheit die sie allein nicht sehen kann/will. Finde das Beispiel für die Folgen großer Eitelkeit/Selbstliebe also eher ungeeignet.
    Tschuldigung für diese Klugscheißerei, aber ich konnte das irgendwie nicht so stehen lassen…

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>