„Unsere Mädchen, unsere Frauen, unsere Männer dürfen vergewaltigt werden, sogar über achtzigjährige oder neunzigjährige Frauen in Deutschland werden vergewaltigt. Von irgendwelchen Perversen.“  Beifall brandet auf, die mitgebrachten Fahnen wehen erregt im Wind. „Frau Merkel hat die Grenze aufgemacht mit ihrem Regime, und Ihr seid doch bestimmt alle dafür,  die Grenze von ihrem Kanzleramt soll weggeräumt werden. Sie hat nicht das Recht, eine Grenze zu haben, sie hat uns diesen Leuten ausgeliefert und es wird höchste Zeit, dass sie selber ohne Grenze dasteht!“

Die Rednerin, die an diesem Nachmittag im Herzen Berlins ihre Botschaft unters deutsche Volk bringt, heißt Heidi Mund. Sie ist Gründerin der PEGIDA-Demonstrationen in Frankfurt am Main. Bei einer Friedensmesse in der Gedächtniskirche in Speyer störte sie im November 2013 den Gebetsruf eines Imams und gilt seither als Star in der Szene der Patrioten.

Nicht nur in Deutschland machte sie diese politische Intervention mit Deutschlandflagge und Martin-Luther-Zitat weit über die hessischen Grenzen hinaus bekannt. Der amerikanische Sender CBN gab der als „Brave German Woman“ bezeichneten Christin bereits mehrfach Gelegenheit, ihren Sorgen um das Heimatland auch im englischsprachigen Raum Ausdruck zu verleihen, „The people in Germany need the word of God and they need a spiritual rebirth of Germany.“

Ihre Nähe zu evangelikalen Christen mag erklären, warum Munds Rhetorik von starken Emotionen geprägt ist. Ihr Ziel ist weniger der Verstand als die Eingeweide ihrer Zuhörerschaft. Auch wenn ihre Botschaft an diesem Tag weniger mit einer spirituellen Wiedergeburt denn mit einer politischen Revolution zu tun hat. „Es wird höchste Zeit, dass das deutsche Volk gefragt wird. Wir wollen bestimmen in Deutschland. Weil es unser Land ist. Dieses Land gehört uns und unseren Nachfahren. Es ist Deutschland. Wir haben genug gezahlt in der Vergangenheit. Es wird höchste Zeit, dass wir wirklich frei werden, uns frei machen von diesem Regime in Berlin. Das ist keine Regierung. Für mich ist es nur noch ein Regime, das irgendeine Diktatur aufbaut, uns zu unterdrücken.“

Munds Worte hallen scharf und laut über die Berliner Friedrichstraße, die weiträumig abgesperrt ist. Hundertschaften der Polizei sind zusammengekommen, um linke Gegendemonstranten von dieser angemeldeten Kundgebung fernzuhalten. So haben sich diese in den Seitenstraßen positioniert und müssen ihren Protest auf Pöbeleien beschränken. Immer, wenn ein paar Menschen die Straßenfluchten passieren, seien es nun Demonstranten, Anwohner oder einfach ein paar zufällig in das Geschehen geratene Berlintouristen, hebt ein Trillerpfeifenkonzert an. „Ihr Nazischweine, haut ab,“ wird dann gebrüllt, und der Schrei der Empörten mischt sich ohrenbetäubend mit dem mikrofonverstärkten Hass der Demonstrierenden.

Berlin 2018. Hubschrauber kreisen über der Stadt und Hass rinnt über das Pflaster des Checkpoint Charlie. Hier, an der ehemaligen Grenze zweier Systeme, die es ohne ähnliche Straßenszenen so nie gegeben hätte, begegnen sie sich wieder: Rechte und Linke, Deutschnationale und Niewiederdeutsche. Diese Demonstration hat mich zu einem besorgten Bürger gemacht. Wegen dem, was ich gehört habe, wegen dem, was ich gesehen habe, wegen dem, was ich spüren konnte in dieser aufgeladenen Stimmung. Was ist los mit uns? Wo sind wir falsch abgebogen, wo haben wir geirrt und unverzeihliche Fehler gemacht? Wie konnte es passieren, dass ich inmitten der globalen Postmoderne das Gefühl bekommen kann, Zeitzeuge einer längst vergangenen Zeit zu sein?

Lange habe ich mir nicht nur die Redner, sondern auch das Publikum angesehen, das zu dieser Demonstration zusammengekommen war. Da waren jene, die mit Wehrmachtssymbolen, Glatzen und Fraktur auf Bomberjacken zum Klischee der Ewiggestrigen gehören. Aber da waren noch viel mehr: Frauen und Kinder, ältere Herren und ganz viel ganz normales Volk. Volk, das man, hatte sich diese Versammlung erst einmal aufgelöst, nicht mehr erkennen würde und das hier und jetzt dennoch jubelte und den Arm hob und „Jawoll“ brüllte, wenn es um um den Kampf gegen Muslime ging und all diese Perversen, die unser Regime auf uns angesetzt hat.

Was ist los, Deutschland? Vor allem aber: Wie soll es weitergehen in einem Land, in dem unerwünschte Regierungen einfach deshalb weiter regieren, weil Neuwahlen viel zu gefährlich scheinen? Es ist ein misstrauisches Land, dieses Deutschland 2018. Misstraut wird allem: den Migranten, den Politikern, der Presse, der NATO, den Russen, dem Großkapital, sogar dem eigenen Volk. Mit einem solchen Staat lässt sich keine Politik machen. Doch wie in jedem gespaltenen Land gilt auch hier: Die Dominanz einer Seite über die andere wird nicht das Ende des Misstrauens sein, sondern bloß der Anfang von noch mehr Hass, Wut und Gewalt. Das, was heute und hier in Berlin gesagt, gefühlt und zum Ausdruck gebracht wurde, lässt sich weder aussitzen noch ausradieren. Es gibt keine Alternative zum Dialog. Nicht die Pöbler sind das Volk, sondern ihre Anhänger. Und diese wollen ernst genommen werden.

Ich mache mir Sorgen, dass wir diesen Dialog verpassen. Dass wir ihn in einer Atmosphäre des Misstrauens für überflüssig halten, dass wir uns lieber in unseren sozialen Schützengräben einnisten statt einander den Raum zu geben, dazuzulernen, neue Perspektiven zu entwickeln oder einfach Veränderung anzustoßen von dem, was uns verbesserungswürdig erscheint. Es ist ein Grundzug von Diktaturen, den jeweils anderen in Bausch und Boden zu verdammen, und einer Demokratie nicht würdig.

Was ich heute am Rande der offiziellen Reden erleben musste, machte mir weit mehr Angst als das, was aus den Lautsprechern klang. Ein Kreis rechter Demonstranten, der einen deutsch-türkischen Anwohner verbal in die Mangel nimmt und auf dessen Bekenntnis „Ich bin auch ein Deutscher hier!“ ein kollektives „Hau ab, hau ab, hau ab!“ skandiert. Oder, etwas später, am Rande der Demo, ein großer hagerer Mann mit Bart und Plastiktüte, der einer Gruppe Migranten auf dem Bürgersteig zuruft: „Ich bin ein richtiger Deutscher, haut ab von hier, Ihr seid eine Schande, Euch müsste man nach Syrien schicken. Ihr seid Kanonenfutter.“

Eines steht fest: Dies alles sind längst keine Einzelfälle mehr, wir alle sind Zeugen eines höchst aggressiven, kaum zu kontrollierenden Kulturkampfs. Niemand wird diesen Kampf gewinnen; es wird ausschließlich Verlierer geben, wie überall, wo weltanschauliche Differenzen die Übermacht gewonnen haben. Oder um es mit Heidi Mund zu sagen: „Es wird höchste Zeit, dass wir wirklich frei werden, uns frei machen von diesem Hass im ganzen Land. Das ist keine tragfähige Kritik mehr. Für mich ist es nur noch ein Hass, der irgendeine Diktatur aufbaut, uns zu unterdrücken.“

 

Bilder: Nicolas Flessa

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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