Deutschland feiert Geburtstag. Zum 26. Mal ist „Tag der Deutschen Einheit“ – ein Datum, das als „Ergebnis der Umstände“ als typisch bundesdeutsch gelten darf. Statt am 9. November symbolträchtig den Mauerfall zu feiern (der aufgrund von Novemberrevolution, Hitlerputsch und Reichsprogromnacht als „Schicksalstag der Deutschen“ gilt), entschied man sich schon 1990 für ein geschichtsneutrales Datum.

Gemäß einer Erklärung der Regierung Kohl („Der Bundesregierung erscheint jeder Beitrittstermin sinnvoll, der nach dem 2. Oktober [Verkündung des 2+4-Vertrags auf der KSZE-Außenministerkonferenz, Anm. der Red.] liegt.“) erklärte das letzte (und erste) weibliche Staatsoberhaupt der DDR, Sabine Bergmann-Pohl (CDU), „den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990.“

Deutschland, Gesamtdeutschland, wird also 26 Jahre alt. Der Akzent dieses Datums liegt durch die „Vereinigung“ der beiden deutschen Staaten klar auf dem ehemaligen Ost-West-Gegensatz. Heute feiert man, dass die Deutschen nicht länger in zwei konkurrierenden Systemen gegeneinander aufgehetzt werden. Dass aus ehemaligen Feinden und heimlichen Freunden wieder ein Volk werden konnte, das widersprüchlich wie eh und je die Grundlage des deutschen Beitrags zu einem vereinten Europa stellen kann.

 

Tausend Jahre „Deutschland“?

Was aber ist dieses Deutschland für uns – gerade in Zeiten, in denen Parteien wie die AfD eine neue Diskussion über die deutsche Identität losgetreten haben? Leben wir in einem Land, das 26 Jahre alt ist – oder in einem tausendjährigen Deutschland, wie es der Vorsitzende der AfD Thüringen, Björn Höcke, in einer viel zitierten und ebenso leidenschaftlich kritisierten Rede einmal formuliert hat? Deutschland, dieses Stück Mitteleuropa, das so viel Leid und Kultur über das Abendland gebracht hat, ist wohl nicht nur geografisch irgendetwas in der Mitte.

Für das Alter dieses Landes, das wir heute feiern, können gleich mehrere Daten ins Spiel gebracht werden. Sehen wir einmal von den Germanen ab, auf die sich wohl nur noch politische Nationalromantiker berufen, haben folgende Altersstufen durchaus ihre Berechtigung bei der Konstituierung eines deutschen Gemeinwesens: 1054 Jahre (Gründung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation 962), 125 Jahre (Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871), 97 Jahre (Gründung der Weimarer Republik 1919) oder 67 Jahre (Gründung der bis heute bestehenden Bundesrepublik Deutschland 1949). Die verfassungsgemäße Antwort ist klar: Deutschland, dieses „vierte“ Deutschland, wird 2019 seinen 70. Geburtstag begehen. Was aber ist mit all den anderen Deutschländern?


1789

 

 

 

 

 

Viermal „Deutschland“: Das Alte Reich (Stand 1789) und das Kaiserreich (1871–1919),
die Weimarer Republik (1919–1937) und die wiedervereinigte Bundesrepublik (ab 1990)

 

 

 

 

 

 

 


Ohne den Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit erheben zu wollen, ist das, was wir heute als Deutschland bezeichnen und empfinden, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Berlin als Zentrum Deutschlands ist historisch betrachtet genau 125 Jahre alt. Seine Erhebung zur nationalen Hauptstadt hängt eng mit der Entscheidung zusammen, Österreich nicht länger als Teil dieses deutschen Gesamtstaats zu sehen. Denn bis 1806 lag die deutsche Hauptstadt dort, wo bis heute „unsere“ Reichsinsignien aufbewahrt werden: in Wien.

 

Good-bye, Austria!

Dem Ausschluss Österreichs aus Deutschland war ein Selbstausschluss vorangegangen: Kaiser Franz II., der auf Druck von Napoleon die alte deutsche Kaiserkrone gegen eine österreichische tauschte, beendete die jahrhundertealte Dominanz der deutschen Politik durch das Haus Habsburg. 60 Jahre später verlor es mit dem Krieg gegen Preußen auch die letzte Einflussnahme auf die Zukunft eines wie auch immer gearteten deutschen Staates. Als fünf Jahre später die ehemals mit Wien verbündeten süddeutschen Staaten dem preußischen König die Kaiserkrone anboten, waren Wiener Gesandte nicht einmal mehr eingeladen. Diese „kleindeutsche Lösung“, das Ergebnis des Konflikts zwischen Preußen und Österreich, kann daher mit Fug und Recht als Geburtsstunde dessen gelten, was wir heute – zahlreichen Gebietsveränderungen und neuen Verfassungen zum Trotz – unter „Deutschland“ verstehen.

Warum uns dieses Datum – 1871 – im feierlichen Rückblick so vergällt ist, hat mehr mit 1914-1918 zu tun – und dem, was wir nach 1945 mit dem untergegangenen Kaiserreich verbinden. Die Gründung des neuen Deutschlands durch einen Sieg über Frankreich, die Dominanz des Militärs und letztlich die Mitschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs haben die positiven Errungenschaften des „zweiten Deutschlands“ deutlich in den Hintergrund treten lassen. Dabei gehen viele politische wie sozialpolitische Traditionen wie das Bürgerliche Gesetzbuch, die Führung der deutschen Regierung durch einen Kanzler, der Reichstag als Parlament sowie die deutsche Parteienlandschaft und zahlreiche wissenschaftliche Institutionen auf diese nicht umsonst Gründerzeit genannte Epoche zurück.

Ein weiterer Grund für die Ablehnung des Kaiserreichs als deutsche Traditionslinie ist deutlich subtilerer Natur. Während dieser im Zeitalter europaweiter Nationalismen geborene Staat von Anfang an in Konkurrenz mit seinen Nachbarn stand, gilt die Bundesrepublik als ein Kind von alliierten Gnaden. Ohne die Zustimmung des ehemaligen Erbfeinds Frankreichs, aber auch der zweimaligen Kriegsgegner Großbritannien und USA, wäre 1949 kein deutscher Staat aus der Taufe gehoben worden. Das vierte Deutschland also, jenes, das wir bis heute als unseren Staat empfinden, ist von Anfang an ein europäisches gewesen. Und hier kommt erstaunlicherweise wieder Björn Höcke ins Spiel, wenn auch in gänzlich anderem Zusammenhang.

 

Deutschland den Deutschen?

Das auch „Altes Reich“ genannte Gebilde, das von 962 bis 1806 unter wechselnden Namen in der Mitte Europas als Nachfolger des Römischen Reichs agierte, ist gewissermaßen very old fashioned und zeitgemäßes role model zugleich. Als supra-nationale, stark föderalistisch geprägte politische Einheit glich es eher der heutigen Europäischen Union als dem, was Kaiser oder Nationalsozialisten unter einem „Reich“ verstanden. Die von Anfang an konstituierende relative Schwäche der Zentralgewalt war zugleich die Stärke dieses fast tausendjährigen Reichs. Der Kaiser als Repräsentant des Abendlands entspricht mehr dem Präsident der Europäischen Kommission mit seinen auf Absprachen und Kompromissen basierenden Entscheidungen und Befugnissen denn der zentralen Regierungsmacht einer deutschen Bundeskanzlerin.

Dialog, Ausgleich, Verhandlungsgeschick und Konkurrenz waren die wichtigsten Grundlagen für die instabile Stabilität des Heiligen Römische Reichs und prägten dessen Politik auf Jahrhunderte. Vielleicht sollten wir den Tag der Deutschen Einheit dazu nutzen, historische Wissenslücken zu füllen und das Pathos, das derzeit den Patrioten von AfD über FPÖ bis hin zu Le Pen oder Kaczynski so in die Hände spielt, um ein europäisches Narrativ ergänzen. Ohne das „Reich Deutscher Nation“ wäre das Abendland nicht das Abendland; dieses jedoch zur Grundlage eines „Deutschland den Deutschen“ zu machen, ist geschichtsvergessen und dumm. Mit 125 Jahren Erfahrung in Nationalismus sollten wir diese Lektion eigentlich gelernt haben.

 

Bild: wak10

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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