Wie ich einmal ein langarmiges Monster erschuf, das irgendwann das Universum erobern wird.

 

Ich bin nicht mit dem grünen Däumchen im Mund geboren worden, aber es kam dem schon sehr nahe. Als Mitglied der Babyboomer-Generation waren Kindergartenplätze rar gesät, und die Frage nach dem Für und Wider der Berufstätigkeit von Müttern stellte sich gar nicht erst. Wenn man eine Familie ernähren wollte, mussten beide Elternteile ran.

 

Diggin‘ Sixties

Also verbrachte ich die Zeit bis zur Einschulung vorwiegend bei meinen Großeltern, zu deren Wohnung ein Mietergarten in einer Berliner 40er-Jahre-Siedlung gehörte. Zahllose Sonnenbrände sind mir in Erinnerung geblieben, Ostereiersuche zwischen vereinzelten Tulpen, zweiübervolle Kirschbäume, sowie ein schattiger Sitzplatz unter Flieder. Und ein langer, schmaler Gartenweg aus festgestampfter Erde, den ich in unbeobachteten Stunden liebevoll umgegraben hatte. Schließlich hatte mein Vater das auf der Fläche zwischen den Kirschbäumen auch gemacht, und – hey! – ich war vier Jahre alt.

 

Die Katastrophen-Saat ist ausgebracht

Die Begeisterung meiner Omi hielt sich in Grenzen, aber geschimpt hat sie nicht. Stattdessen schenkte sie mir ein dickes, bebildertes Hobbybuch für kleine Leute, in dem ein großer Abschnitt auch dem Gärtnern gewidmet war. Jetzt hielt mich nichts mehr! Fortan zog ich Tulpenzwiebeln auf dem Fensterbrett, ließ mir von Mitschülern Zimmerpflanzen schenken und brachte sogar einen Lycheekern zum keimen. Ich streute Blumensamen auf Baumscheiben, als der Begriff Guerrillagardening noch nicht erfunden war, zog biologisch gedüngte Paprikaschoten in einer Holzkiste auf dem Balkon, sowie Tomaten und monströse Zucchini im Hinterhof auf dem Dach einer Tiefgarage. Auch als Kinder, die den gleichen Hof nutzten, viele der Tomaten einfach abrissen und zermatschten, hielt mich das nicht auf.

 

Grüne Wände

Während meines Stadtplanungsstudiums kam ich mit der Idee »grüner« Häuser in Kontakt: Büros in Gewächshäusern mit riesigen Bananenstauden und immer wieder Häuser mit grünen Fassaden. Eingewachsene Gebäude waren für mich der Inbegriff des Glücks. Ich hatte mich so intensiv in das Thema Kletterpflanzen eingearbeitet, dass ich sogar eine Studienarbeit dazu schrieb. Allein – mir fehlte das geeignete Objekt. Ich hatte immer zur Miete gewohnt und konnte keinen der Vermieter von den Vorteilen der Fassadenbegrünung (Wetterschutz, gesundes Klima) überzeugen.

 

Grüne Gardinen

Als wir in unser eigenes Haus zogen, pflanzte ich als erste Amtshandlung rundherum Parthenocissus quinquefolia, auch bekannt als fünfblättrigen Wilden Wein. Die grünen Ranken klommen zügig die Mauern empor und verliehen dem Haus einen kuschlig-grünen Pelz, in dem Vögel nisteten. Und obwohl ich andere Pflanzen in unserem Garten mühsam päppeln musste, weil sie unseren Boden nicht mochten, kam ich bald kaum noch damit hinterher, die Fenster vom Wein freizuhalten. Die Satellitenschüssel wuchs zu, dann der Vorgarten. Denn wann immer ich beruflich zu sehr eingespannt war, um mich intensiv um den Garten zu kümmern, war nicht das Unkraut mein Hauptproblem, sondern der Wein. Er eroberte den Fliederbusch und ließ lange, grüne Girlanden von der Terrassenüberdachung hängen, kaum, dass ich drei Tage nicht hinsah.

 

Wildgewordener Wein

Kürzlich hat er die große Box verschluckt, in der wir die Liegestuhlauflagen aufbewahren. Die Ranken wachsen so schnell, dass sie demnächst heimlich nachts die Straße erobern und die Siedlung auf der anderen Seite schlucken werden. Dann ist es auch nicht mehr weit bis zur Stadtautobahn und in die Innenstadt. Der Funkturm wird die Besucher Berlins von weitem in Grün begrüßen, ohne dass gerade das Festival of Lights stattfindet. Falls die Besucher überhaupt noch in die Stadt hineinkommen, denn der Wildgewordene Wein (Parthenocissus furiosus), wird immer schneller immer dickere Ranken mit stärkeren Saugfüßchen ausbilden. The Day After Tomorrow ist nichts gegen das grüne Inferno, das die Astronauten auf der ISS zu sehen bekommen werden. Und all das nur, weil ich als Vierjährige den Gartenweg meiner Omi umgegraben habe. Tut mir wirklich leid.

 

Bild: Efraimstochter

Written by Petra A. Bauer

Petra A. Bauer ist Schriftstellerin, Journalistin und bloggt zu den Themen Schreiben, Garten und berufstätige Mütter. 2010 schrieb sie eine Kolumne in der Berliner Zeitung.

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