Die Presse schreit es heraus, sie überschlägt sich geradezu vor Wollust über solch wunderbare Neuigkeiten: Donald Trump gibt sich in einem Video frauenverachtend, er macht Witze mit Anspielungen, die sexuelle Nötigung enthalten.

Viele Politiker aus Trumps eigener Partei stellen sich nun gegen ihn. Der gemeinsame Auftritt mit dem Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses Paul Ryan ist geplatzt.

Ich lese und staune. Allerdings nicht über das, was Donald Trump da an Frauenfeindlichkeit zum Besten gibt, sondern über die gottgerechte Empörung aus seiner eigenen Partei, die nun über den eigenen Präsidentschaftskandidaten hereinbricht. Die Frage, die über all dem deutlich in der Luft hängt, lautet eben nicht: Wie konnte der Mann nur so etwas sagen? Sondern: Wo war diese Art der Empörung in seiner Partei, als Trump seine vielen anderen frauenfeindlichen Sprüche losließ?

Sicherlich, es gab aufgebrachte Stimmen unter den Republikanern, als Trump der TV-Moderatorin Megyn Kelly unterstellte, sie habe wohl Menstruationsprobleme und ihn deshalb so kritisch befragt. Oder als Trump die Schauspielerin Rosie O’Donnell als fett und hässlich bezeichnete.

Bei jedem frauenverachtenden Ausrutscher der Vergangenheit rauschte es gewaltig im Bätterwald. Die Presse  prognostizierte Trump genüsslich, er wäre zu weit gegangen, die eigene Partei echauffierte sich ein bisschen, die andere Partei echauffierte sich dafür umso mehr. Und dann geschah… – nichts!

Donald Trump zog weiterhin schimpfend durch die Lande, gab den Macho, Rüpel, Frauenfeind und Rassisten. Seit Jahren ist bekannt, dass Trump ein Frauenbild mit sich herumträgt, das in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts steckengeblieben ist. Es ist kein Geheimnis, dass er Frauen als Objekte sieht, dass er sich gerne mit „Trophy Wives“ schmückt, dass beim Thema Frauen in Trumps Gehirn offensichtlich immer eine Leuchtreklame mit den großen, blinkenden Buchstaben „S E X“ anspringt, nach der er die Frauen bewertet und einteilt – eben in sexy oder unsexy, anziehend oder abschreckend. Dass er herablassende, verachtende Kommentare über den Körper, die Gefühle und die Gedanken von Frauen macht. Immer wieder.

Warum also distanzieren sich die Republikaner erst jetzt auf eine Weise von ihm, dass man sich fragen könnte: Bricht ihm der Schritt, in den er greifen will, jetzt endlich das Genick?

Bricht ihm der Schritt, in den er greifen will, jetzt endlich das Genick?

Die Antwort auf diese Frage gefällt mir nicht. Sie lautet: Es geht nicht darum, dass Donald Trump frauenfeindlich ist. Er war schon wohlbekannt und offen frauenfeindlich, lange bevor er bei den Republikanern Karriere machte und schließlich Präsidentschaftskandidat werden durfte. Und das alleine sagt mehr über die Republikaner aus als über Trump selbst.

Was mit diesem neuen Video ans Tageslicht kam, ist frauenfeindlich, es klingt aber auch so wie das, was jeder Kneipenwirt kennt: Männer, die gemeinsam einen über den Durst trinken und dabei feixend mit Sprüchen angeben, wie viele Frauen sie auf welche Weise herumgekriegt haben. Es wäre nicht erstaunlich, wenn das Gros von Trumps männlichen Parteikollegen während eines Stammtisches irgendwann in ihrem Leben solche oder ähnliche Bemerkungen schon selbst von sich gegeben hätten.

Die Frauenfeindlichkeit ist es nicht, was die Republikaner so gegen ihren Präsidentschaftskandidaten aufbringt. Worum es eigentlich geht: Erwischen lassen darf man sich dabei nicht – jedenfalls nicht dann, wenn man als verheirateter Mann darüber tratscht, mit einer anderweitig verheirateten Frau Sex haben zu wollen und auch noch ein deutlicher Hauch sexueller Gewalt mitschwingt. So etwas sollte doch bitte im kleinen Kreis unter Männern bleiben, man lacht oder ist anderer Meinung, aber man hängt es nicht an die große Glocke.

Auf keinen Fall gehören solche Sprüche in ein Gespräch mit einem Moderator, während man in einem Recording Truck sitzt und ein Mikrofon anhat! Und das war die eigentliche Verfehlung Trumps, der Grund, warum die Empörung der Republikaner diesmal besonders groß ist: Nicht dass er frauenfeindlich ist, sondern dass er so dumm war, sich bei ein paar besonders derben Sprüchen aufnehmen zu lassen.

Was eine andere, wichtige Frage aufwirft: Wo war dieses brisante Video-Material von 2005 denn die ganzen 11 Jahre lang? Und warum taucht es auf wundersame Weise erst ein paar Wochen vor der Wahl zum Präsidenten wieder auf?

Die Moral von der Geschicht: Wenn eine konservative Partei mit langer, seriöser Tradition plötzlich einem pöbelnden, dummen, Frauen und Minderheiten beleidigendem Mann die Präsidentschaftskandidatur ermöglicht, weil er damit Erfolg bei der breiten Masse hat – worum geht es dann? Geht es da noch um parteiinterne Werte? Geht es darum, seinem Land dienen und es bestmöglich führen zu wollen? Oder geht es darum, an die Macht zu kommen, egal unter welchen Umständen?

Geht es darum, an die Macht zu kommen, egal unter welchen Umständen?

Wenn die Medien brisantes Material über einen Präsidentschaftskandidaten  jahrelang unter Verschluss halten und es erst kurz vor der Wahl publik machen – geht es dann darum, den Wahlkampf aufklärend zu begleiten oder darum, Gott zu spielen bei der Erschaffung und Vernichtung von US-Präsidenten?

Donald Trump ist groß geworden, weil seine polarisierenden Bemerkungen eine massive Berichterstattung zur Folge hatten – so konnte er mehr Amerikaner erreichen als alle Präsidentschaftskandidaten zuvor. Vor allem die, die die klassische Politik nicht verstehen oder interessant genug finden, um sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Wird er jetzt untergehen oder hat das Präsidentschafts-Drama noch einen weiteren Akt? Wir werden es weiter verfolgen und es irgendwie gruselig und ungeheuerlich, aber auch spannend und vielleicht sogar amüsant finden.

Und das bringt mich zu meiner letzten Frage: Was hat das alles eigentlich mit Politik zu tun?

 

Bild: Gage Skidmore

Written by Michelle Schopen

Michelle Schopen ist seit 25 Jahren in den Medien tätig, zuerst als TV-Aufnahmeleiterin und Autorin, seit 2003 als freie Journalistin zu den Themen Psychologie, Gesellschaft, Kultur und Spiritualität.

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