Wir sind die Generation Internet, die Generation flexible Arbeit und viel Freizeit. Wir wollen glücklich mit dem sein, was wir machen, und nicht einfach nur für den schnöden Mammon arbeiten. 60% von uns schließen ein Studium ab oder gleich mehrere. Wir interessieren uns nicht für Politik, weil wir ihr nicht vertrauen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb üben wir uns in stiller Revolution. Die Generation Y soll so einiges können und noch mehr wollen sollen. Dass wir uns trotzdem nicht so sehr von den anderen unterscheiden, wird oftmals übersehen. Ein kleiner Appell für meine Generation.

In den letzten Jahren, in denen die Mündigkeit der zwischen den späten 1980ern und 1990ern Geborenen weiter vorangeschritten ist, kam in den Medien der westlichen Welt immer wieder ein Thema auf, zu dem (scheinbar) jeder etwas zu sagen hatte: Die Generation Y. Da hieß es von  Vorgesetzten, sie könnten nicht mit der Arroganz und der Selbstsicherheit umgehen, die die Millenials an den Tag legten. Senioren aller Länder schrien ob der Unhöflichkeit und der Faulheit dieser Jungspunde auf. Gierig und unersättlich schienen sie vielen Eltern und denen, die es vielleicht einmal werden woll(t)en. Sogar in den eigenen Kreisen wurde zusagend genickt und beschämt der Kopf geschüttelt. „Karriere? Ja, aber…!“ schrieb die FAZ, „‘Generation Y‘ bleibt lieber daheim“ titelte das ZDF, und das Times Magazin sprach gar von der „The ME ME ME Generation“. Doch warum wirkt sie so anders und so fremd?

Ein Blick zurück

Der an die Vergangenheit zurückdenkende Mensch tendiert dazu, sich zuerst an all das Gute zu erinnern und es dann sogleich mit dem Schlechten des Hier und Jetzt zu vergleichen. So „hatte die DDR ja viel Gutes“, man hatte einen sicheren Arbeitsplatz und die Einschränkungen hat man gar nicht so sehr wahrgenommen. Auch die Hippies, die mit ihrem Ruf nach Frieden und Einklang die 60er und 70er Jahre prägten, lassen noch heute warme Ströme der Nostalgie durch viele von uns fließen; Drogen und Exzesse, die bei vielen auf mahnende Blicke stoßen, mal beiseite gelassen. Die Musik war es schließlich, die die Zeit ausgemacht hat. Sie repräsentierte den Drang nach Veränderung, nach Neuanfängen und einer Welt, in der es ein kleines bisschen mehr Liebe und sehr viel weniger Hass gibt. Man war Blumenkind der Zeit oder wünscht es sich zumindest. Es wäre ja so schön gewesen, wenn… Dass es eben nicht „so schön“ war, erfährt man, wenn man etwas weiter nachbohrt; und das ist nicht nur bei den durch die Massenmedien geprägten Ideen über Sex, Drugs and Rock’n’Roll der Fall.

Doch hilft die rosarote Brille beim Vergessen oder verdrängt. So wundert es nicht, dass das Heute schäbig, unbarmherzig und vor allem ungehobelt erscheint. Man eschauffiert sich über Arroganz, Frechheit, Faulheit und drückt seinen Kindern und Kindeskindern einen Stempel auf. Eine Belastung der unter 30jährigen vonseiten der „Alten“ wird dabei kaum wahrgenommen. “Die sollen ruhig hören, was ich zu sagen habe.” Man zeigt, dass Erwartungen nicht erfüllt und Wünsche, die man für die Kinder hatte, nicht gelebt werden. Bäumen sich die Jungen dann aber auf, so sagt man schnell, sie seien rebellisch, naiv, wüssten nicht, was sie täten.

Die zyklisch wiederkehrende Generation „Nörgel“ bleibt ein Leben lang auf den Schultern ihrer Nachfahren sitzen und beschwert sich. Ja sie lädt vielleicht sogar noch den alten Ballast ihrer eigenen Eltern ab. Dass sie dabei genau das tun, was sie selbst in jungen Jahren verabscheut haben, wird komplett vergessen. So ist nun mal unsere Rolle im Zeitgeschehen des Generationswandels; und so sehr wir uns bemühen, es nicht zu tun, irgendwann werden wir alle wie unsere Väter und Mütter, Groß- und Urgroßeltern. Wir werden das Beschweren nicht los und manchmal entdecken wir schon in frühen Jahren den alten Mann oder die alte Frau in uns, die mit Veränderung nicht mehr zurechtkommt. Plötzlich finden wir den Konsens, nach dem wir schon so lange gesucht haben. Eint die Menschheit sonst kaum etwas, so eint sie doch die Kunst, immer etwas zu finden, an dem man etwas aussetzen kann. Am liebsten natürlich am Unbekannten.

Ein Blick ins Jetzt

Wir, der Du bereits seit 20, 30, 40 Jahren arbeitest, und ich, der sich gerade noch die Rückenschmerzen vom Bücherschleppen wegwünscht, ähneln uns aber mehr als wir denken. Oder sagen wir: einer früheren Version von dir. Die Jugend wird immer aus Rebellen bestehen. Die Normen umwerfend, die Welt auf den Kopf drehend und die Moral in Frage stellend. Doch trotz dieses roten Fadens kann man nicht verleugnen, dass “Mensch” sich verändert. Natürlich haben heutige 20jährige andere Erwartungen an das Leben als Jugendliche 1980. Das ist der Lauf der Dinge und wahrscheinlich einer unserer größten (sozio-)evolutionären Vorteile: Anpassungsfähigkeit.

Waren unsere Großeltern – sprich die Großeltern der heute ca. 18- bis 30-jährigen – vom Kanon der Sparsamkeit und des Mangel der Nachkriegszeit geprägt, ernteten unsere Eltern die Früchte des Wirtschaftsaufschwungs. Nun treten wir auf die Bildfläche und scheinen weder sparsam noch verschwenderisch. Was hat das zu bedeuten? Wir können uns wohl nicht entscheiden. Fast bildgewaltig erscheint einem da das sich aufgabelnde Ypsilon, das nicht nur die Frage nach dem „Warum?“ (vom englisch ausgesprochenen Y – „why“) stellt, sondern auch die Ungewissheit der Antwort mit ihrer Gabelung symbolträchtig in Szene setzt. Sind wir die „Don’t know, don’t care“-Generation?

Aus diesem Grund gibt es für uns angeblich nur eine einzige Lösung:
Nicht nur eine Lösung parat zu haben.

In ihrem Buch „Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ sprechen Soziologe Klaus Hurrelmann und Journalist Erik Albrecht davon, dass wir, die Generation Y, große Krisen miterlebt haben und deshalb das Vermögen, sich widrigen Situationen und schlechten Bedingungen anzupassen, Teil unserer Kinderstube war. Aus diesem Grund gibt es für uns angeblich nur eine einzige Lösung: Nicht nur eine Lösung parat zu haben. Halte dir möglichst viele Optionen frei, so kann dir nichts passieren, und du hast für jeden Moment eine Antwort parat.

Nur ist es eben nicht ganz so einfach mit den Optionen. Niedrige Löhne, Zeitverträge und Ungewissheit zwingen den (nicht ausschließlich) jungen Menschen von heute dazu, sich sowohl in Beruf wie auch Privatleben anzupassen, nicht umgekehrt. Kein Wunder also, dass es rebellisch wirkt, erhebt man dagegen seine Stimme; dass es viel zu selbstsicher erscheint, will man sich nicht alles gefallen lassen. Auswirkungen auf Liebe, Freundschaft und Familie hängen wie ein Rattenschwanz hinten dran. Ein Sechser im Lotto wird auf einmal wahrscheinlicher als den Partner, Freunde, Beruf und, um Gottes Willen, auch noch den eigenen Freiraum unter einen Hut zu bringen. Auf einmal können wir uns nicht nicht mehr entscheiden, sondern wollen gleich alles auf einmal. Welch infame Forderungen wir doch haben!

Wie in jeder Subkultur wollen wir darüber hinaus auch unseren geschützten Raum, in dem wir das Gefühl haben, uns frei und unbeobachtet zu bewegen. „Dumm gelaufen“, wenn dieser “geschützte Raum” die größte öffentliche Zurschaustellung der Menschheitsgeschichte ist: Das Internet. Wir, die Digital Natives, verkriechen uns dabei hinter den Mauern der eigenen vier Wände, zeigen jedoch zugleich der ganzen Welt unser Gesicht. Immer und immer wieder. Kein Wunder also, dass wir befremdlich selbstbewusst wirken.

Nicht der Wunsch, sich auszudrücken, findet Beachtung, nicht einmal der Wunsch, überhaupt erst Beachtung zu finden, findet Beachtung, sondern nur die geschönte Darlegung unserer eigenen Unsicherheit. Es wird gezeigt, was man nicht hat, um zu zeigen, was man kann. Etwas, dass seine Wirkung nicht verfehlt und Zeichen unserer Zeit ist. Zeichen einer vielzitierten Ellbogengesellschaft, in der man niemals Schwäche zeigen darf, sondern nur das, was man hat und kann.

So zieht sich der rote Faden aus Missverständnissen, Fehleinschätzungen und Abschottung durch die Kommunikation zwischen Jung und Alt. Wahrlich kein neuartiges Phänomen, aber immer wieder eines in anderen Farben – egal ob mit Kord-Blumen oder Pailletten-Totenköpfe bestickt. Doch langsam, aber stetig bewegt sich die Generation Y aus den Gefilden der Beachtung heraus und droht wie jede andere Generation vor ihr, sich der Nostalgie der eigenen Vergessenheit hinzugeben. Noch wecken die metallenen Bässe der 90er Jahre-Technohöhlen und leiernder Schmachtgesang der 2000er Boy Band Lawinen grausige Erinnerung an Plateau-Buffalos und Plüsch-Oberteile. Das taten Karottenjeans, Schulterpolster und Hornbrillen allerdings einst auch. Irgendwann ist alles einmal „Damals war vieles besser“ – und so ebnen wir uns selbst den Weg, etwas zu finden, an dem wir etwas aussetzen können.

Ein Blick nach vorn

Die neuen “Jungen” und neuen “Alten” stehen bereits in den Startlöchern: Generation Z wartet auf. Es wird sich bereits über die schreiende Kamilla-Marie und den Laissez-Faire Oskar-Theordor beschwert. Eine kürzlich durch die Stiftung für Zukunftsfragen europaweit durchgeführte Studie zeigt: Die Deutschen haben nichts gegen Kinder per se, finden aber doch, dass das Land, in dem wir leben, nicht so richtig kinderfreundlich ist. Deswegen darf Eltern mal eben die Erziehung abgenommen werden, wenn Torben-Hendrik / Emma-Dorothea laut spielend durch den Hausflur auf und ab rennt. “Das wird man ja noch sagen dürfen.” Und plötzlich sind wir da angekommen, wo wir eigentlich nie hin wollten: Alte Fehler wiederholend, das Neue nicht verstehend. Warum lassen wir uns nicht einfach auf die Kleinen ein und lernen auf ihre Art die Welt zu betrachten; gemeinsam von Anfang an den Weg zusammen gehend? Auf diese Weise schaffen wir vielleicht endlich den Sprung in eine Welt, die offener mit sich selbst umgeht, eine Welt, in der nicht weg-, sondern zugehört wird, eine Welt, die ein kleines bisschen lebenswerter ist.

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ – Sokrates

 

Bild: Foundry

Written by André Hoghe

André Hoghe ist gelernter Kulturwissenschafter und hat neben seinem Studium sechs Jahre fürs Fernsehen gearbeitet, davon 3 Jahre als Producer. Seit 2015 ist er für eine Berliner Marketing-Agentur tätig.

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