An einer Stelle seiner Dokumentation „Süchtig nach Jihad“ (siehe unten) schreit der Filmemacher Hubertus Koch, als er sich vor ein Flüchtlingskind stellt: „Haltet mir ‘ne Knarre an den Kopf und streicht die Wände mit meinem Gehirn, wenn sie die Nächste ist!“ – Ich kenne dieses Gefühl, das einen dazu bringt, so etwas zu sagen, ich kenne es genau.

Lieber Hubertus.

Ich habe deine Doku eben das zweite Mal angesehen. Mein Name ist Hammed Khamis, und ich bin Araber. Von der syrisch-türkischen Grenze. Du warst also bei meinen Leuten.

Letzte Woche hast du für ›Süchtig nach Jihad‹ den Deutschen Fernsehpreis bekommen. Das haben viele Menschen mitbekommen, es hat aber nicht allen gefallen. Bei Facebook habe ich eine Menge Kommentare über dich gelesen. Auch von meinen Leuten, es leben ja viele von ihnen in Deutschland. Die meisten ihrer Kommentare haben einfach nur Neid, Missgunst und Hass gezeigt. Du wärest doch nur in einem sicheren Flüchtlingslager gewesen. Bla bla bla.

Warum fragen sie sich nicht, wo du gegessen hast, wo dein Klo war, wo du geduscht hast? Warum stellen sie sich nicht vor, wie krass es dort für dich gewesen sein muss, wo du doch aus einem Land mit privilegierten Lebensumständen kommst, kleiner deutscher Junge? Sie wissen es genau. Es ist schließlich ihr Land, in dem du warst. Warum gehen sie nicht selbst dorthin, wie du es getan hast? Es sind schließlich ihre Leute.

Du sprichst die Wahrheit aus: »ISIS ist Rufmord an einer ganzen Religion.« Und durch deine Dokumentation hast du einen Weg gefunden, die Menschen auf die vermutlich einzige Sache aufmerksam zu machen, die uns aus dem Horror herausführen kann: Menschlichkeit.

ISIS ist Rufmord an einer ganzen Religion.
(Hubertus Koch)

Als du damals in Syrien ankamst, warst du nur ein weiterer Fremder in der Hölle. Aber wer deine Doku sieht, kann miterleben, wie du jedes Mal, wenn eines dieser syrischen Kinder deinen Namen rief, mehr einer von ihnen geworden bist. »Hub, Hubi«, haben sie gerufen. Du hast im Camp deine Menschlichkeit bewiesen. Du hast den Menschen im Camp gezeigt, dass sie uns hier im 3.000 Kilometer entfernten sicheren Deutschland nicht egal sind. Dafür möchte ich dir danken. Aber das Beste an deiner Arbeit ist, dass nun jeder, ganz gleich ob gebildet oder nicht, sehen kann, wie es in der Hölle ist. Du zeigst allen: meinen, deinen, unseren Leuten, wie unglaublich Scheiße dieser Krieg ist.

Die Auszeichnung dafür hast du verdient. Irgendwie hast du es aber geschafft, diesen Deutschen Fernsehpreis, er ist aus Glas, gleich in der Nacht nach der Verleihung zu zerbrechen. Darin liegt etwas sehr Poetisches, und ich finde ihn so, wie er jetzt ist, noch schöner, denn nun passt er zu deiner Geschichte.

Ich wünschte, ich wäre in Syrien bei dir gewesen und hätte deine Albträume mit dir teilen können. Deine Tränen waren aber nicht umsonst, denn es gibt jetzt sicherlich viele Menschen, die es dir nachmachen und anderen helfen werden. Gott schütze dich, Hubertus.

Hammed Khamis

Bild: Facebook

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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