Genau eine Woche bis zur Wahl in Frankreich. Der Wahl zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Unsere Haltung – als Land, als Presse – ist relativ klar: Hier kämpft der Drachentöter gegen den Drachen. Der smarte, intelligente junge Quereinsteiger gegen die verbitterte Tochter eines französischen Nationalsozialisten. Der Pro-Europäer gegen die Rassistin. Die Zukunft gegen 19. Jahrhundert reloaded. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Bei der ersten Wahl am vergangenen Wochenende stimmten gerade mal 2,7 % mehr Wähler für den Drachentöter als für den Drachen. So attraktiv, wie er nun verkauft und gemacht wird, ist Emmanuel Macron nie gewesen. Drei Viertel der Wähler haben sich am 23. April nicht für ihn als Präsidenten entschieden. Ziehen wir davon Le Pens Stimmenanteil (und jene ihres designierten Ministerpräsidenten) ab, sind es immerhin 46 % der Wähler, die einen anderen Drachentöter bevorzugten – und das vielleicht bis heute.

Für den Ausgang der Wahl in Frankreich gibt es im vergangenen Jahr genau zwei Vorbilder: die Präsidentenwahlen in Österreich und in den USA. Das Spiel „Drachentöter gegen Drachen“ wiederholt sich damit schon zum dritten Mal. Im ersten Fall setzte sich am Ende der Kandidat der Drachentöterfraktion durch: Mit 53,79 % gewann Alexander Van der Bellen knapp vor seinem Kontrahenten Norbert Hofer von den rechtspopulistischen Freiheitlichen. Die Begründung war klar: Alle Demokraten hatten sich hinter dem ehemaligen Grünen versammelt, um einen Rechtsruck an der Spitze des Staates zu verhindern.

Das Spiel „Drachentöter gegen Drachen“ wiederholt sich nach Österreich und den USA nun schon zum dritten Mal.

In den USA ging das Duell bekanntermaßen andersherum aus. Gut, auch Donald Trump unterlag seiner Herausforderin theoretisch mit einem Stimmenanteil von 46,09 % zu 48,18 %. Doch das Wahlsystem der USA sorgte dafür, dass er mit einem deutlichen Vorsprung an Wahlmännern (304 zu 227) ins Wahlkollegium startete und dementsprechend die entscheidende „zweite Wahlrunde“ gewann. Die Drachentöterin erwies sich in der Wahlnacht als ebenso überrascht wie der Rest der Weltöffentlichkeit: Was war da passiert?

Wir sehen: Die Zuspitzung von Wahlen auf die Pole „Gut“ gegen „Böse“ kann, muss aber nicht funktionieren. Dies liegt unter anderem daran, was derzeit in großen Teilen der Bevölkerung gedacht und immer häufiger auch in Wahlen artikuliert wird: Das alte System ist korrupt, Demokratie ist nur eine Farce. In Wirklichkeit, so die Gegenerzählung zum Drachentötermythos, regieren knallharte wirtschaftliche Interessen die Welt – und das auf Kosten ihrer Bürger.

Mit Verlaub: Hillary Clinton verlor nicht gegen Donald Trump, weil die Hälfte der Amerikaner rassistische Arschlöcher sind, die möchten, dass andere Menschen leiden. (Dieser Wählerblock existiert, und das weltweit, aber er war noch nie mehrheitsfähig.) Der entscheidende Stimmenanteil kam vielmehr aus den Reihen von Menschen, die es satthaben, alle 4 bis 5 Jahre ein System zu bestätigen, das sie eigentlich ablehnen. Die Rede ist nicht von der Demokratie. Die Rede ist vom Neoliberalismus.

In Wirklichkeit, so die Gegenerzählung zum Drachentötermythos, regieren knallharte wirtschaftliche Interessen die Welt – auf Kosten ihrer Bürger.

Die Kritik an der internationalen Finanzelite ist nicht neu. Aber sie hat – beginnend mit der von ihnen ausgelösten Finanzkrise 2008 – staatsgefährdende Ausmaße angenommen. Warum staatsgefährdend? Weil sich in den Köpfen von immer mehr Wählern festgesetzt hat, dass unser System für Reformen quasi unempfänglich ist. Das Ergebnis ist eine Grundhaltung, die sich mit „immer weiter so – oder radikaler Bruch” umschreiben ließe. Was völlig unter die Räder zu kommen scheint, ist das „konstruktive Verändern im Rahmen des Bestehenden“. Dies war aber, bis vor Kurzem, die Basis der Demokratie.

Und hier kommen wir zurück zu unserem Ausgangspunkt – den Wahlen in Frankreich. Marine Le Pen, so ihre Anhänger, ist die Drachentöterin. Sie ist es, die gegen einen völlig hemmungslosen Turbokapitalismus zu Felde zieht. Sie ist die Einzige, die Kraft genug hat und Mut, die Eliten in ihre Schranken zu weisen. Sie ist es, die ihre Wähler davor schützt, bei einem internationalen Ausverkauf ihres Landes unter die Räder zu geraten – von der Aufnahme von Flüchtlingen bis hin zur Abwanderung von Betrieben.

Sie sehen: Der Drachentötermythos ist uns längst entglitten. Und hier liegt die Gefahr für Paris: Man braucht kein Studium der Politikwissenschaften, um zu recherchieren, dass der Weg von Emmanuel Macron an die Spitze des französischen Staates exakt über jene Kanäle führte, die eine Mehrheit der Wähler zutiefst verunsichern: Vor seinem Wechsel in die Politik war er Investmentbanker. Bevor ihn der glücklose Francois Hollande zum Wirtschaftsberater machte, beriet er Kunden der Pariser Finanzholding Rothschild & Co.

Marine Le Pen, so ihre Anhänger, ist die Drachentöterin. Sie ist es, die gegen einen völlig hemmungslosen Turbokapitalismus zu Felde zieht.

Mehr Elite geht nicht. Und damit stellt sich das eigentliche Dilemma des kommenden zweiten Wahlgangs dar: Zur Wahl steht nicht nur ein smarter, intelligenter junger Quereinsteiger gegen die verbitterte Tochter eines französischen Nationalsozialisten. Zur Wahl steht – und dies könnte für eine nicht geringe Anzahl von Wählern entscheidend sein – ein Repräsentant der globalen Finanzelite gegen die selbsternannte Jeanne d’Arc des französischen kleinen Mannes.

Am Ende entscheidet diese Wahl weniger, ob es mehr „gute“ oder „böse” Franzosen gibt, sondern welcher Drachentötermythos in der gegenwärtigen Situation überzeugender ist. Die USA und Österreich haben gezeigt: Der Ausgang dieser Abwägung steht alles andere als vorher fest.

 

Bild: Blandine Le Cain; Video: Golden State Times

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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