Wien 2016, Zwischenwahlzeit. Die Stadt wirkt satt, herbstsonnenfreundlich. An den Straßenbahnstationen wird gelacht und telefoniert, Senioren mischen sich unter Studenten und Nachhauseeiler. Die Schlange an der Trafik verrät: Der Anschein trügt, es herrscht Hunger. Man isst Käsekrainer, die einen pur, die anderen wie eh und je mit Kren und Kaisersemmel.

Im Minutentakt fahren Straßenbahnen ein, einmal Hauptbahnhof, einmal Zentralfriedhof. Die Treppen des D-Wagens klappern unter dem Ansturm einer Reisegruppe. Das Gold der Athene leuchtet im Nachmittaglicht. Kaum jemand wirft einen Blick auf das prächtigste Parlament des Kontinents; klassisch und einsam liegt es da, zu Füßen einer Stadt, die Besseres zu tun hat.

Parlament Wien | seinsart

Ein Junge, etwa vierzehn oder fünfzehn, lässt sich auf den Boden fallen, den Rücken an eine gusseiserne Stütze gelehnt. Er sieht auf sein Handy, das dem Zustand und dem Alter nach schon so manchen Secondhandshop von innen gesehen hat, und tippt ein paar Worte. Auf seinen Knien steht ein Pappbecher, leer und betriebsbereit. Plötzlich senken sich seine Augen, sein Blick wird fahrig, er steckt das Handy zurück in seine Jeans. Ein älterer Mann mit Pappbecher stürmt auf ihn zu und schreit. „Was willst Du hier? Bist Du deppert?“ Die Haut des Mannes, kaum heller als die des Jungen, spannt sich vor Wut. Der Junge bleibt stumm, blickt zu Boden, bis sein Konkurrent das Weite sucht.

Das Wien dieser Tage ist schön wie eh und je. Das ewige Duell um die Hofburg hat sich in den Advent getrollt und gönnt Kandidaten wie Wählern freie Sicht auf freie Laternen. Ein paar Sissi-Plakate erinnern an eine Zeit, da man weniger Wahl, aber deutlich mehr Selbstbewusstsein hatte. Die Tage, da die Kaiserzeit nur bei Touristen Sehnsucht weckten, scheinen nicht nur am Wiener Ring gezählt.

Votivkirche Wien | seinsart

Mit Politik hat das emsige Treiben am Boden der Tatsachen ohnehin wenig zu tun. Was jeder denkt: Dasselbe gilt andersherum genauso. Ein Bekannter erzählt, dass seine Stelle gestrichen worden ist, nicht von der internationalen Finanzoligarchie, sondern vom Ministerium des Inneren. Das Projekt, das er betreut hat, ist zu 90% vollendet. Die Prioritäten hätten sich verschoben, man komme auf ihn zurück. Mein Freund hat sich einen Job in der Pflege gesucht. Seine neuen Projekte kennt er beim Vornamen. Sie brauchen 100% Aufmerksamkeit und wissen, was sie an seiner Zuverlässigkeit haben.

Die Säulen des Theseustempel ragen stolz und viel zu weiß in den Himmel. Seit der Renovierung hat er nicht nur seine Wunden, sondern auch seine Patina verloren. Der Kärcher als Zeitmaschine – das ruft Erinnerungen wach. 2005 war es, als der damalige Innenminister Frankreichs verkündete: „Dès demain, on va nettoyer la cité des 4000 au Kärcher“ („Ab morgen werden wir die cité des 4000 mit dem Kärcher reinigen“). Für Nicolas Sarkozy ging es damals weniger um Schmutz denn um „Gesindel“, das es zu beseitigen galt.

Theseustempel Wien | seinsart

Und wieder steht Europa am Abgrund, für die Rechten ebenso wie für die Linken. Nur in der Analyse will man sich so gar nicht einigen: Für die einen sind es die Migranten, für die anderen die Migrantenhasser, die das Ende des Abendlands in der Alpenrepublik markieren. Vor genau 15 Jahren trafen wir uns schon einmal hier, zehn oder zwölf Studienfreunde, eng gedrängt auf eine kleine Decke. „Kuscheln gegen Rechts“, nannten wir unseren zärtlichen Widerstand gegen die Regierungsbeteiligung von Haiders „Faschisten“ unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP).

Fünfzehn Jahre später hülfe wohl nur noch „Ficken auf dem Heldenplatz“, um den Einzug derselben Partei in das höchste Amt des Staates zu verhindern. Auf diesem Platz, der tatsächlich schon einmal den Anfang eines europäischen Exitus markierte, gehen die Wiener wieder Gassi mit ihrer Angst.

 

Bild: Nicolas Flessa

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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