Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte. (George Bernard Shaw)

Nachdem letzte Woche im Zeichen der Freundschaft stand, sollte dieser Artikel – inspiriert durch die bereits (hier) zitierte Glücksstudie unter den Deutschen – Familie und Partnerschaft behandeln. Da beide jedoch nicht immer Hand in Hand gehen (z.B. bei ungewollten Hochzeiten der Sprösslinge mit vermeintlich unwürdigen Partnern und deren daraus resultierende schwierige Beziehung zu ihren „Schwiegermonstern“), sei zuerst einmal dem ersten Teil dieser Kategorie Tribut gezollt: der sogenannten Herkunftsfamilie. Passend dazu wurde meine Woche mit einem Gespräch unter Brüdern eingeläutet.

Blut ist die vermeintlich dickste Verbindung – wirklich? George Bernard Shaw’s Zitat hinterfragt durchaus treffsicher das romantische Bild der Familie. Denn: Seine Familie kann man sich ja nicht aussuchen. Während FreundIn und PartnerIn in der Regel die eigene Persönlichkeit ergänzen und im Notfalle auch gelegentlich ausgetauscht werden könnten, so ist man familiär ausgeliefert. Auch abgesehen von eindeutig dysfunktionalen Familien mit schwerwiegenden bis hin zu kriminellen Problemen wie Misshandlung, welche glücklicherweise nicht die Regel sind, aber häufig genug vorkommen, ist die Beziehung zur Familie eine ebenso wichtige wie undurchsichtige Angelegenheit.

Familie ist den Deutschen sehr wichtig; zugleich sind sie laut einer Studie der AOK aus dem Jahre 2014 größtenteils sehr oder eher unzufrieden mit ihr. Die Studie weist auf eine höhere Wertschätzung der familiären Werte in Anbetracht der „Erosion klassischer Familienformen“ hin. Eine interessante Nebenerkenntnis der Studie ist, dass die Zufriedenheit nicht mit Hintergrund, Bildungsgrad oder der Jobsituation zusammenhängt, dem zweitwichtigsten Punkt im Glücksleben der Deutschen. Leider wurde hier jedoch eher auf die Auslastung und zeitliche Regelung hin geforscht, nicht aber auf die Auswirkung der Jobzufriedenheit auf die Zufriedenheit im Privatleben.

Was die angesprochene Erosion der Familienform angeht, so kommt natürlich die Frage auf: Was ist heute eigentlich eine Familie? Klassische Paare mit Kindern sind glücklicher mit ihren jeweiligen Situationen als Alleinerziehende, das ist in der AOK Studie erwiesen. Aber was ist mit Patchwork-Familien? Homosexuellen Partnern mit Kindern? Homosexuellen Patchwork-Familien? Ein sehr schöner Beitrag zu diesem Thema ist die Dokumentation „Vier werden Eltern“, die derzeit auf Festivaltour ist, bevor sie nächstes Jahr im Fernsehen ausgestrahlt wird.

Der Blickwinkel sollte jedoch nicht nur stark auf den engen Kreis gerichtet werden, denn Familie ist ein wesentlich weitreichender Begriff. Großeltern, Schwiegereltern, zahlreiche mehr oder weniger enge Verwandte: Dank Scheidungen und multiplen Ehen mit oder ohne Kinder wächst die traditionelle Variante von Vater-Mutter-Kind in ungeahntem Maß. Stiefeltern, Halbgeschwister – einige lassen sich noch mehr oder weniger einfach klassifizieren. Aber in welcher Beziehung steht man beispielsweise zur Tochter des zweiten Exmannes der Mutter, sollte deren Ehe in die Brüche gehen – der Definition nach ist sie nun die Ex-Stiefschwester. So viel zum Thema, Familie wäre für immer.

Der Definition nach ist sie nun die Ex-Stiefschwester.
So viel zum Thema, Familie wäre für immer.

Aber muss man sich zwangsläufig auf Grund legaler Änderungen wie Scheidungsunterlagen seiner Verwandten „entledigen“, selbst wenn man dies nicht möchte? Ist man bei all den neuen Freiheiten und Möglichkeiten immer noch formellen Definitionen wie Blutsverwandtschaft unterlegen? Oder ist die jetzige Ex-Stiefschwester nicht eigentlich einfach noch die „richtige“ Schwester, die sie gefühlt einst war?

Sollte der Begriff „Familie“ nicht mittlerweile so emanzipiert sein, dass er die Menschen definiert, die der Zugehörigkeit zu ebendieser würdig sind? Dass dies nicht immer so gesehen wird, ist auch vielleicht eine Folge der Furcht vor dem Umkehrschluss. Familienmitglieder sollen sich unterstützen, einander mit Liebe und Respekt begegnen. Wenn man Leute anhand dieser Kriterien einschließen kann – kann man auch einige verbannen?

Auf legaler Ebene ist dies selbstverständlich nicht möglich, auf praktischer, personeller Ebene allerdings schon. Dies beginnt bei vermeintlich kleinen Schritten: Dem Ausschluss jenes Teiles der Familie an Weihnachten, welche den Ehegatten nicht akzeptieren möchte. Der Abbruch des Kontaktes zu Vater und/oder Mutter, sollte er/sie das eigene Leben negativ beeinflussen. Dies soll keine Befürwortung solcher Entschlüsse darstellen. Aber rein objektiv betrachtet muss darauf hingewiesen werden, dass unter manchen Umständen Blut zwar dicker als Wasser ist, aber nicht unbedingt der Grund für eine gute Beziehung oder die Einbindung ins Leben des neuen Angehörigen.

Der aktuelle Werbespot der Supermarktkette Edeka zeigt in seiner diesjährigen Weihnachtswerbung „Heimkommen“ rührend und treffsicher zugleich, dass Blutsbande nicht immer zwangsläufig den adäquaten Umgang miteinander garantieren: Ein älterer Herr wird wiederholt von seinen Kindern zum Fest der Liebe versetzt, bis er seinen eigenen Tod vortäuscht. Erst die traurige Zusammenkunft im Schatten des vermeintlich tragischen Ereignisses führt zu einem Wiedersehen. Trotz des versöhnlichen Endes durch ein glückliches Weihnachtsessen bleibt ein schaler Beigeschmack. Führt uns hier tatsächlich ein Supermarkt vor Augen, was in vielen Familien schiefläuft, und erinnert uns daran, dass wir unseren angeblich Nächsten mehr Aufmerksamkeit schulden?

Während rechtlich betrachtet das Familienbild weiterhin eine schwierige Angelegenheit ist – der Kampf um die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen ist ein gutes Beispiel hierfür – ist gesellschaftlich eine positive Tendenz Richtung Toleranz zu sehen. Sie mag einerseits das Bedürfnis zur Rückkehr der klassischen Struktur stärken, was völlig legitim ist. Die Philosophie lautet schließlich: jedem sein eigenes Glück nach den eigenen Vorstellungen und Werten zu gönnen, solle er die anderen damit nicht verletzen. Auf der anderen Seite ist vor allem in großen Städten immer mehr Akzeptanz zu vernehmen.

Wenn „klassische“ Werte hier nicht zutreffen, welche Werte sind dann universell auf eine allgemeingültige Definition von „Familie“ zu beziehen, die glücklich macht? Diese Frage verliert bei genauer Betrachtung ihre Existenzberechtigung: Bis auf die Option der natürlichen Fortpflanzung und die damit verbundene Blutsverwandtschaft sind alle weiteren Merkmale bereits universell. Die Familie – mit all ihren zugehörigen Mitgliedern – ist langsam aber sicher dabei, sich als Zusammenschluss von einander in Liebe und Respekt verbundenen Menschen zu etablieren.

Die Familie etabliert sich langsam als Zusammenschluss von einander in Liebe und Respekt verbundenen Menschen.

Das Bewusstsein der Verpflichtung zur Fürsorge dem anderen gegenüber ist bereits vorhanden, auch wenn die legislativen Grundlagen noch angepasst werden müssen. Sie müssen angepasst werden, um neuen Strukturen offiziell den Respekt zu zollen, den sie verdienen – nicht, weil ohne rechtliche Bindung das Gefüge nicht funktionieren würde.
Dies soll und darf natürlich keinen Angriff gegen die Familien im kirchlichen Sinn der Definition darstellen. Es soll vielmehr als Denkanstoß dienen, was Familie eigentlich ausmacht.

Abgesehen von anderen positiven Events war mein Highlight der Woche der Kontakt zur Familie, teilweise in Fotos dokumentiert, teilweise nicht. Keine Familie im klassischen Sinn, ein wenig neben allen gängigen Definitionen – doch trotz geografischer Distanzen und vielfältigeren Blutsträngen als gewöhnlich vereinter denn je. Im Laufe der Jahre, durch den Prozess des Erwachsenwerdens der jüngeren und des Reifens der älteren Mitglieder, haben sich diejenigen stärker verbunden, die die Qualitätsmerkmale der Famile erfüllen… Nicht weil sie durch eine starre Definition zu mehr Zusammenhalt gezwungen worden wären. Denn Liebe, Respekt und Verbundenheit ist das stärkste Band – auch stärker als Blut…

 

Bild: dahmenj

 

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Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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