Unsere Korrespondentin Julie Cotsaftis hat sich der ersten Urlaubsdemo aller Zeiten angeschlossen und im Mutterland der Krise Gedanken darüber gemacht, wie man fleißige Nordländer und faule Südländer an einen Strand zusammenbringt.

 

Letzte Woche habe ich außerhalb meines eigenen Lebens verbracht. Ich teilte Artikel über Griechenland in meinen sozialen Netzwerken, kommentierte alles, was ich in die Finger bekam, und diskutierte mit Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten: ein IWF-Mitarbeiter, ein deutscher Politikwissenschaftler, der krampfhaft versucht, Ideologien zu widerstehen, ein französischer Politiker der extremen Linken, ein Aussteiger, der weit entfernt von Europa ohne jedes Geld auf einem Boot lebt und ein linker Freund aus Finnland, der nicht mehr weiß, was er noch denken soll. Eine Sache steht schon jetzt fest: Es gibt eine Menge Standpunkte, die miteinander in Einklang zu bringen sind, und das ist eine echte Herausforderung.

Seit sich der Fokus innerhalb der letzten Monate endgültig auf Griechenland verschoben hat, erleben wir, wie sich einige Länder an die Idee eines Grexits gewöhnen, während andere Griechenland weiter in der Eurozone halten wollen. Syriza und das Referendum haben zumindest eines bewirkt: Leute unterhalten sich darüber, was sie unter Europa verstehen und was sie von ihren Miteuropäern erwarten. Was wir gerade mit verfolgen können, ist nichts weniger als Europas Coming Out. In Echtzeit sehen wir, wie es durchgezogen wird und wer dafür verantwortlich ist – denn wie wir wissen, ist die Situation weit davon entfernt, dass alle Beteiligten auf Augenhöhe über die Zukunft ihrer Union verhandeln.

Spätestens jetzt steht fest, dass die Verhandlungen keine Rücksicht nehmen werden auf das, was das Volk Griechenlands zu sagen (und am vergangenen Sonntag klar zum Ausdruck gebracht hat). Griechenland zu retten, scheint keine Priorität zu besitzen[1], vor allem nicht für Deutschland, das sich inzwischen klar als Europas oberster Stratege positioniert, eine an sich schon irritierende Situation.[2] Durch diesen Auftritt verliert Deutschland eine Menge politischer Sympathie, die es in den vergangenen Dekaden mühevoll erworben hat.

Was noch irritierender ist, ist das mögliche nahende Ende dieser heiligen europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, um den Völkern Europas Frieden, Demokratie und Wohlstand zu garantieren. Denn kann ein Land ausgeschlossen werden, dürften andere folgen. Darüber hinaus könnten Länder, die extrem linke oder rechte Regierungen wählten, in Zukunft von selbst ausscheiden wollen.

 

Köstliche Cocktails an wunderschönen Stränden

Reiche Länder wie Finnland oder Österreich wollen sich am liebsten aus allem heraushalten; Deutschland will, dass die anderen seinem eigenen Beispiel folgen, weil es vom Funktionieren seines Spardiktats überzeugt ist; ärmere Länder wie Spanien vertrauen auf Solidarität und Empathie, auch wenn sie sich längst darüber ärgern; und Frankreich schielt noch immer auf Wachstum und hofft auf einen Kompromiss, auch wenn dieser immer unwahrscheinlicher geworden ist. Und mittendrin auf diesem Schlachtfeld gehen die Griechen durch die Hölle,[3] schwimmen auf einem Ozean von Zweifeln und Ängsten, was niemals vergessen werden sollte, wenn mal wieder theoretisch über Schulden[4] und Spardiktate[5] diskutiert wird.

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma läge vielleicht in der Kommunikation über sogenannte Fakten. Denn wenn jemand glaubt, Griechen seien faule Leute, die das ganze Jahr über mit köstlichen Cocktails an ihren wunderschönen Stränden lägen, verwundert es kaum, dass sich sein Wunsch, diesen hedonistischen Totalverweigerern zu helfen, in Grenzen hält. Dieser Jemand ist im Grunde einfach neidisch, auch weil Urlaube und Feierabende insgeheim zu seinen ganz heiligen Kühen gehören.

Es würde vermutlich helfen zu wissen, dass Griechen nicht weniger arbeiten und nicht früher in Rente gehen als jener schlecht informierte Wutbürger. Oder dass alle ärmeren Länder einen gewissen Schwarzmarkt haben, der einem dabei hilft, sein Geld am Fiskus vorbei in Essen und Lebensunterhalt der Familie zu investieren. Ein solches Verhalten hat in der Regel nichts damit zu tun, dass man innerlich verderbt oder böse ist. In Griechenland „vergessen“ selbst Lehrer und Anwälte ihre Steuern zu zahlen[6] – Berufe, die in der Regel nicht bekannt dafür sind, auf Verantwortung zu spucken. Ein großer Schwarzmarkt reflektiert vielmehr eine unsichere ökonomische Lebenssituation. Sich dieses Zusammenhangs zu vergewissern, würde sicherlich dabei helfen, Gefühle wie Empathie oder gar Solidarität zu wecken – zweifellos nicht die schlechtesten aller menschlichen Regungen.

 

Wir Europäer stehen an einem Wendepunkt

Nachdem zum jetzigen Zeitpunkt politisch nur noch zwei Optionen auf dem Tisch zu liegen scheinen, ein Grexit oder ein Spardiktat für Griechenland – beides deutsche Wünsche, die die Lunte an den europäischen Traum legen – ist es an uns, uns zu fragen, was wir Positives zur europäischen Einigung beitragen können. Zunächst einmal, indem wir in den nächsten Monaten alle nach Griechenland reisen – auf eine lange und überaus erfreuliche Urlaubsdemo. Und dann, indem wir uns Gedanken darüber machen, was für eine Zukunft wir eigentlich wollen.

Die Frage, was aus uns Europäern werden soll, ist zweifellos ein großes Thema – und da wir nicht in die Zukunft sehen können, ist sie die entscheidende Komponente, um eine solche aktiv mitzugestalten. (Das ist im Übrigen einer der Gründe für das visionäre Defizit der gegenwärtigen griechischen Politik; sie sieht derzeit die Sonne vor lauter Wolken nicht.) Ist die Art und Weise, in der wir unsere eigenen Gesellschaften organisieren, nicht mehr zuverlässig, verlieren wir die notwendige Sicherheit, um uns mit Empathie, Vertrauen und Solidarität um die für alle  entscheidenden Fragen Klimawandel und Explosion der Weltbevölkerung zu kümmern.

Was genau aus Syriza, Griechenland, der Eurozone und Europa werden wird, ist derzeit schwer abzusehen – aber eines steht fest: Wir sind Zeugen eines historischen Moments europäischer Destabilität. Ein Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Einigung – und ein denkbar guter Zeitpunkt um zu diskutieren, ob wir dieses Europa mit diesen Gesetzen eigentlich wollen.

 

Zeit für einen Gerxit!

Europa könnte eine wundervolle Idee sein. Das ist der Knackpunkt, an dem sich linke von extrem rechten Stimmen scheiden, die sich noch gemeinsam über das deutliche „Nein“ der Griechen zu den Vorschlägen der umbenannten Troika freuten. Ich liebe die Idee unterschiedlicher Länder, die sich zusammentun – aber nicht unter diesen Voraussetzungen. Wir haben schon heute nicht mehr viel Macht innerhalb unserer nationalen Demokratien. Wenn aber nun eine riesige Organisation den nationalen Regierungen vorschreiben kann, was sie zu tun hat, und wenn einige reichere Länder mehr Einfluss auf diesen Prozess haben als andere, dann fühlen wir uns als Bevölkerung im Ergebnis noch machtloser als zuvor. Das ist ebenso gefährlich wie sich von großen Unternehmen diktieren zu lassen, was wir zu essen haben – oder große Unternehmen mit zu vielen digitalen Informationen über uns zu speisen. Wir wollen die Macht nicht verlieren, die wir bereits nicht mehr haben.

Die beste Lösung – die aber kaum Wirklichkeit werden wird, wenn man sieht, welches Verhandlungsergebnis Alexis Tsipras Anfang dieser Woche in Brüssel erreicht hat[7] – wäre ein anderes Europa, das auf anderen Werten basiert. Lassen wir uns annehmen, dass wir für diesen Schritt einfach noch ein wenig Geduld haben müssen, weil große Veränderungen in Gesellschaften nun mal ihre Zeit brauchen. Die zweitbeste Lösung wäre es, das Monster, das sie anstelle unseres geliebten Europas erschaffen haben, zu zertrümmern und wieder getrennter Wege zu gehen. Aber das scheint ebenfalls nicht zu geschehen, weil zu viele Leute, die derzeit Verantwortung tragen, Angst vor großen Veränderungen haben. Eine dritte Lösung wäre sicherlich der Gerxit; warum sollte nicht Deutschland den Euro verlassen anstelle Griechenlands – und all die anderen reichen Länder mitnehmen, die ihre nationalen Interessen derzeit so stark durch den Euro gefährdet sehen.

Ja, ich schlage vor: Lasst uns Europa spalten – und sei es auch nur zum Zwecke des Experiments, mehr Menschen zufrieden zu stellen und weniger Menschen außen vor zu lassen. Wir könnten herausfinden, wie sich Länder machen, die sich komplett dem Diktat von Sparen und Wachstum unterwerfen (zwei miteinander verbundene Sackgassen), und ihnen gegenüber ein Verbund von Ländern, die einen ganz anderen Ansatz verfolgen, solidarischer und ökologischer – und vielleicht weniger egoistisch. Teams würden sich auf der Basis von Freiwilligkeit bilden. Zuerst müssten wir sicherstellen, dass wir dieser neuen Form des Kolonialismus in Europa ein Ende bereiten, in der reichere Länder ärmeren Länder ihre Erwartungshaltung diktieren; danach müssten wir jedes Land seinem eigenen Rhythmus – und Wahlverhalten – folgen lassen. Schon nach wenigen Jahren wüssten wir, in welchem Land wir gerne wohnen würden – und wo das Leben zunehmend ein Alptraum wird.

In der Zwischenzeit widme ich mich der ersten Urlaubsdemo aller Zeiten – Urlaub als Demonstration. Ich denke, ich werde jetzt noch mal runter an den Strand gehen. Zu all den faulen Griechen mit ihren köstlichen Drinks.

 

[1] http://www.alterecoplus.fr/europe/a-t-on-vraiment-aide-les-grecs-201502041700-00000742.html

[2] http://www.levif.be/actualite/international/cher-guy-verhofstadt-40-familles-grecques-peuvent-vivre-avec-votre-salaire-mensuel/article-opinion-404965.html

[3] http://www.bastamag.net/Strategie-du-choc-comment-le-FMI

[4] source : http://www.levif.be/actualite/international/cher-guy-verhofstadt-40-familles-grecques-peuvent-vivre-avec-votre-salaire-mensuel/article-opinion-404965.html

[5] http://geopolis.francetvinfo.fr/les-10-questions-que-vous-vous-posez-ou-pas-sur-la-dette-grecque-68629

[6] http://www.politico.eu/article/third-world-greece-debt-poverty-crisis-unemployment-euro-grexit/

[7] Letztlich hat Tsipras wohl doch ein paar entscheidende Details durchsetzen können: http://www.latribune.fr/economie/union-europeenne/grece-ou-alexis-tsipras-veut-il-en-venir-491234.html

 

Foto: Unsplash

Written by Julie Cotsaftis

Julie Cotsaftis studierte Sprachwissenschaft und Film. Nach der Tätigkeit als Dozentin für Filmgeschichte und Französisch widmet sie sich heute der Organisation von Projekten im Bereich Politik, Soziales und Ökologie.

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