Endlich Feierabend! Ab auf die Couch, Fernsehen an und nicht mehr bewegen. Was gibt es Schöneres als sich nach getaner Arbeit gemütlich vor den Fernseher zu lümmeln und die Lieblingsserie anzusehen? Nach der alltäglichen Raserei durch Land und Luft ist es Zeit, einfach mal loszulassen. Schließlich ist der Weg durchs Leben nicht immer mit Blumen bestreut und der Blick in die Glotze macht uns die Reise ein wenig leichter: Spannende Verfolgungsjagden in einem Muscle Car oder einfach nur der Sonntagskrimi lassen uns tief entspannen.

 

Die Deutschen eint die Flimmerleidenschaft

Wer regelmäßig so seine Freizeit verbringt, tut seinem Gehirn nichts Gutes und schadet langfristig Körper und Geist. Dennoch guckt der Deutsche in seiner Freizeit am liebsten in die Röhre. Die Flimmerleidenschaft eint uns und hat im vergangenen Jahr sogar ein Rekordhoch erreicht. Fast vier Stunden täglich verbringen 98 Prozent der Bundesbürger vor dem Bildschirm. Dies geht aus einer veröffentlichten Studie der Stiftung für Zukunftsfragen hervor.

Diese unangefochtene Dominanz von Fernsehen bei der Freizeitgestaltung besteht nach Angaben der Studienautoren bereits seit den 1980er Jahren. „Nach wie vor wollen die meisten Bundesbürger sich am Abend von den Programmen der Sendeanstalten unterhalten, informieren und berieseln lassen. Dabei ist das Fernsehen jedoch zunehmend zu einem Nebenmedium geworden. Während des Zuschauens wird gegessen, telefoniert, die Wäsche gebügelt oder auch gelesen,“ sagt Prof. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung. Die Folge ist, dass viele täglich stundenlang vor dem Fernseher sitzen und glauben sich zu entspannen.

Ein folgenschwerer Irrtum wie sich nun herausstellt, denn Kommunikationswissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz haben herausgefunden, dass übermäßiges Fernsehen genau das Gegenteil bewirkt. Wir fühlen uns nicht entspannt sondern schuldig, weil wir es uns lieber mit der Fernbedienung auf der Couch gemütlich machen, anstatt wichtige Aufgaben zu erledigen. Erschwerend hinzu kommt sicher noch das schlechte Gewissen wegen leerer Chipstüten oder Bierflaschen, die wir nach einem ausgiebigen Fernsehabend zu entsorgen haben. Wir sind also höchst gestresst – und es kommt noch schlimmer.

 

Fernsehen ist wie eine Droge

Laut einer Studie im medizinischen Fachblatt JAMA Psychiatry hat das Fernsehen chemisch gesehen zwar keine invasive Wirkung, macht aber genauso abhängig und wirkt physiologisch genauso schädigend wie Drogen. Bei übermäßigem Konsum schrumpft das Gehirn sogar wegen mangelnder Auslastung. Der Stress zerstört Nervenzellen, schlimmstenfalls kann es zu einer Art digitaler Demenz kommen, die sich im Wesentlichen durch die zunehmende Unfähigkeit auszeichnet, geistige Fähigkeiten in vollem Umfang zu nutzen.

Natürlich ist der Einfluss des Fernsehens auf eine einzelne Person nicht ausreichend um zu schlussfolgern, dass dieselben Wirkungen bei jedem eintreten. Maßgeblich ist die tatsächliche Menge und Intensität des Fernsehkonsums. Das gilt im Übrigen auch für Computerspiele. Fest steht allerdings, dass wir vorübergehend von unserem eigenen Denkmechanismus erlöst werden. Mit der Folge, dass wir die reale Welt ausblenden können und in einen angenehmen Trancezustand gleiten.

Selbst wenn es sich anders anfühlt; in diesem Zustand ist unser Verstand inaktiv und schluckt unverdaut die von der Mattscheibe vermittelten Informationen. Er produziert also keine Eigenleistung. Deswegen hat das Fernsehen auch die Kraft einer Massenhypnose. Dies hat schon in den 1970er Jahren Prof. Herbert Krugman in einer umfangreichen Studie beobachtet. Also beste Voraussetzungen für Manipulation und Gehirnwäsche. Was auch gleichzeitig die Frage beantwortet, wieso immer noch Millionenetats in Werbung investiert werden. Weil unser Verstand ausgeschaltet ist, werden wir willenlos und gefügig. Aber nicht entspannt.

 

Der moderne Mensch langweilt sich nicht

Erinnern wir uns an die unschuldigen Zeiten vor der Erfindung der Glotze. Die Menschen hörten Radio und lauschten nur Stimmen. Heute konsumieren wir Medien, und das Gehirn ist über Jahre hinweg süchtig nach Bildern geworden.

So kommt einem auch angesichts einiger Fernsehsendungen sofort in den Sinn, was George Bernard Shaw sagte, als er zum ersten Mal die flimmernden Neonlichter auf dem abendlichen Broadway in New York sah. „Es muss wundervoll sein, wenn man nicht lesen kann“. So wäre es für die meisten Menschen sicher von Vorteil, die Zeit des Fernsehkonsums zu verringern anstatt sich ständig berieseln zu lassen. Wenn da nur nicht die Sache mit der Langeweile wäre. „Der moderne Mensch von heute langweilt sich nicht“, schreibt Maria Schorpp in ihrem Buch „Die Lust normal zu sein“.

Lieber überanstrengt er sich, als auch nur eine Viertelstunde Langweile zuzulassen. „Er fürchtet die Langeweile wie der Teufel das Weihwasser und versucht sie am besten ganz aus seinem Leben zu verscheuchen. Die Aussicht auf leeres Sehnen, einen unruhigen Zustand der Seele, das ziellose Streben und die ruhelose Apathie ruft in den Menschen schlimmstes Entsetzen hervorruft,“ so Schorpp. Und um Langeweile zu vermeiden, hat er sich einiges ausgedacht oder nimmt lieber gleich die Fernbedienung in die Hand. „Eine Verweigerung jeglicher Aktivität passt nicht in das Raster unserer gesellschaftlichen Wertvorstellung, die auf Erlebnismaximierung ausgerichtet ist“, schreibt Neil Postman in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“.

Und dennoch sind digitale Medien und nicht zuletzt auch das Fernsehen ein Teil unserer Kultur. Sie erhöhen unsere Produktivität, erleichtern das Leben und sind ein großer Unterhaltungsfaktor. Wenn man also die Satelliten für ein paar Wochen ausschalten könnte und die Bildschirme schwarz würden, dann wäre sicher einiges los. Darum sollte es aber grundsätzlich nicht gehen.

Erinnern wir uns an die alte Mahnung, unsere Freizeit nicht stundenlang passiv vor dem Fernsehgerät zu verbringen. Wenn das Gehirn aber über Jahre hinweg nach Bildern süchtig geworden ist, fällt es schwer, nur Stimmen zu lauschen. Öfter mal den Ausschalter finden und sich hin und wieder jeglicher medialer Berieselung zu enthalten, schafft ein ganz neues Bewusstsein. Nicht nur für unseren Körper sondern auch für unseren ewig überreizten Geist.

 

Bild: Leonid Mamchenkov

 

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Written by Birgitta Wallmann

Birgitta Wallmann ist selbstständige Rechtsanwältin und Journalistin. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirschaftslehre in Mainz rief sie das Schreiben, weshalb sie sich bis 2014 an der Freien Journalistenschule Berlin ausbilden ließ.

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