Kurz bevor sich ihre Fingerspitzen unter dem Tisch berühren, senkt die hübsche Frau mit dem wippenden, hellblonden Pferdeschwanz den Kopf, zieht ihre Hand blitzschnell wieder zurück und verzieht das Gesicht. „Sei doch nicht immer so kühl“, sagt der Junge Mann mit den tiefschwarzen Augen besonnen und lächelt.

„Wir Estinnen sind halt zurückhaltend und zeigen unsere Gefühle nicht so gerne in der Öffentlichkeit. Das wirst Du als Russe nie verstehen!“ Dann lachen sie beide.

Maarja und Igor sind seit 8 Jahren ein Paar. Es ist noch bitterkalt in jener Aprilnacht 2007, als die Regierung in Estlands Hauptstadt Tallinn ein Denkmal entfernen lässt, das an die gefallenen Soldaten der sowjetischen Armee 1947 erinnert. Die Esten jubeln. Die Russen protestieren. Es kommt zu den schlimmsten Ausschreitungen seit Gründung der Republik Estland. Spätestens jetzt steht für die Bevölkerung fest: Esten und Russen werden keine Freunde mehr. Die Nachfahren der Besatzer und die ehemals Unterdrückten? Niemals.

Wenige Wochen später lernen sich Igor und Maarja kennen. Auf einer Informationsveranstaltung der Universität Tallinn. Beide möchten studieren. Sie Germanistik, er Wirtschaft. Über Politik sprechen sie nicht. Erstes Beschnuppern bei einem Spaziergang. Igor ist im Süden Estlands aufgewachsen. Seine Eltern sind Russen, seine Großmutter lebte in der Ukraine, der Großvater ist schon lange tot. Igor spricht fließend Estnisch. „Mit starkem russischen Akzent“, kichert Maarja schüchtern. Ihre Sommersprossen tanzen auf der hellen Haut.

Igor sieht sie scharf von der Seite an und schweigt.

Er ist erst wenige Monate alt, als die russischen Straßenschilder seiner Heimatstadt demontiert und durch estnische ersetzt werden. Seine Eltern können die neuen Straßenschilder nicht lesen. Zuhause hört er nur Russisch, erst auf dem Gymnasium wird er Estnisch lernen. Seine Eltern sind dagegen. Sie warten auf die politische Veränderung, die ihnen zurückbringt, was die Esten ihnen entrissen haben. Ihre russische Identität, ihre Arbeit, ihre Würde.

Igor steht zwischen den Stühlen. Die Regierung der 1990er Jahre erkennt die Nachfolger der sowjetischen Besatzer nicht automatisch als Esten an. Nur wer einen Sprach-und Verfassungstest ablegt, erhält einen  estnischen Pass. Igor kann sich nicht entscheiden. Alternativ könnte er einen russischen Pass beantragen. Er entscheidet sich dagegen. In seinem Pass steht nun „Staatenlos“.

Igor zuckt mit den Schultern. Maarja öffnet den Mund, schließt ihn wieder.

In Maarjas Kindheit spricht man ungern über die Vergangenheit, über die Deportationen nach Sibirien, den Hass, die Wut, die Entbehrungen unter der Fremdherrschaft. „Wir müssen nach vorne schauen“. Mit diesem Satz wächst Maarja auf. Behütet. Die Familie ist glücklich über die politische Veränderung, die ihnen zurückbrachte, was ihnen die Besatzer entrissen haben. Ihre estnische Sprache, ihre Traditionen, ihre Würde.

Wenige Jahre später in einer estnischen Grundschule:„Warum gehst Du nicht zurück nach Russland?“. Beinahe unschuldig fragt Maarja ihren russischstämmigen Grundschüler, was er denn noch hier wolle. „Ich meinte das damals nicht böse. Ich hatte ein Gespräch meiner Eltern belauscht und wollte einfach wissen, warum die Russen in Estland bleiben, Es ist doch jetzt unser Land, das Land der Esten.“

Igor zuckt zusammen. Nervös fährt er durch sein nussbraunes Haar.

Diese Worte habe er oft gehört. Sogar noch vor einigen Jahren im Studium, als er einen Nebenjob suchte. Sein russischer Nachname sei schuld gewesen. Er habe nie eine Chance gegen die estnischen Bewerber gehabt. Maarja nickt. „Die Russen dürfen uns Esten nicht die Arbeitsplätze wegnehmen. Das ist nicht fair.“

Igors Gesicht verfinstert sich. Unruhig rückt er auf seinem Stuhl hin und her. Er schweigt.

Als er 9 Jahre alt ist, fahren seine Eltern das erste Mal mit ihm nach Russland. Ein kleines Dorf, nicht weit von der estnischen Grenze entfernt. Die anderen Kinder lachen ihn aus. „Du sprichst aber komisches Russisch. Du bist kein Russe, oder?“ Igor ist verwirrt, fragt seine Mutter. Diese weicht ihm aus. In seinen ersten Semesterferien macht er sich erneut auf den Weg nach Russland. Alleine. In einem kleinen Café bestellt er einen Tee. Auf Russisch. „What would you like to drink?“, fragt die irritierte Kellnerin. Sie hält ihn für einen Ausländer. Igors Akzent ist typisch für die russische Minderheit im Ausland. Ernst genommen wird er in Russland nicht. Er gehört nicht dazu. Igor will weg. Weit weg. Vielleicht nach Deutschland. Oder Australien. Lieber nach Australien.

Da sind die beiden seit 6 Monaten ein Paar.

Im Sommer 2008 dann der erste gemeinsame Urlaub, der Beschluss, dass man zusammengehört. Über Politik wird nicht gesprochen. Estlands Wirtschaft boomt, in Windeseile erobert das  Land mit seinen technischen Errungenschaften die IT-Welt. Es könnte nicht besser laufen für die 1,3 Millionen Einwohner am nördlichsten Rand Europas.

Igor und Maarja genießen ihre Liebe. Sie arbeitet neben dem Studium als Übersetzerin für deutsche IT-Texte. Er schlägt sich als Kellner in einem russischen Restaurant durch. Zukunftspläne. Doch dann der wirtschaftliche Einbruch.Tausende verlieren ihren Job. Die Menschen leiden still. Hier geht niemand auf die Straße und erhebt das Wort. Zu frisch ist die Erinnerung an die sowjetische Besatzung. Man ist froh, frei zu sein und schweigt.

Die Menschen sind enttäuscht. Enttäuscht von den Politikern, die ihnen einst so viel versprachen. Aber auch enttäuscht von der EU, zu der sie seit 2004 gehören. „Europäische Union, Sowjetunion. Wo ist da der Unterschied? Wir sind ja schon wieder fremdbestimmt“, beklagen sich Maarjas Eltern. Viele Esten stimmen mit ein in das Klagelied in diesen düsteren Zeiten. Die Jungen möchten raus aus dem Land, in dem die Winter so lang, die Gehälter so niedrig, die Perspektiven so schlecht sind. Schweden, Großbritannien und Australien heißen die neuen Ziele.

Igor erinnert sich an seinen Traum. Australien. Jetzt, in der Krise finden nicht einmal die Esten einen Job. Als Russe steht er außen vor. Maarja will bleiben, sich um ihre Eltern kümmern, wenn sie alt sind, eine Familie gründen, glücklich sein. „Wenn alle gehen, was bleibt dann noch vom Kampf meiner Eltern für ein unabhängiges Estland?“

Igor schweigt.

Estland erholt sich schneller als gedacht. 2011 soll der Euro kommen. Die Menschen sind skeptisch, aber so seien sie halt, die Esten. Die Erfahrung sei immer noch ihr bester Lehrmeister, so Maarjas Eltern. Maarja findet einen festen Job. Igor arbeitet für eine Bank. Er ist zufrieden, aber nicht glücklich. Maarja möchte eine Familie gründen. Bald. Sehr bald. In Estland heiratet man jung, bekommt die Kinder früh. Das wird erwartet.

Doch dann passiert, was jeder befürchtet und insgeheim doch niemand für möglich gehalten hätte. Putin erobert die Krim, droht den baltischen Staaten. Die Menschen haben Angst. Große Angst. Die Esten, das sonst so zurückhaltende Volk, rückt näher zusammen. Über Politik spricht man nicht. Nicht öffentlich. Aber zu Hause, im geschützten Raum,  manifestieren sich die Ängste. „Was tun, wenn die Russen kommen?“, murmelt Maarja.

Igor schweigt, kippelt mit dem Stuhl, atmet schneller.

Beschwichtigend legt Maarja ihr Hand auf seine Schulter. Igor schüttelt sie ab. Minuten vergehen. Minuten des Schweigens. Minuten der Unsicherheit. Dann bricht es aus ihm, dem sonst so sanften jungen Russen, heraus. Schon immer habe er weggewollt, aber sie habe ja nicht zugestimmt. Ob sie denn die Zeichen der Zeit nicht akzeptieren könne, was denn noch alles passieren müsse, bis sie verstehe, was los sei. Igors Worte überschlagen sich, seine Hände gestikulieren in alle Richtungen. Maarja bestellt noch einen Kaffee.

Igor redet. Über seine ukrainische Großmutter, den Krieg, die Hungersnot, die auch seine Eltern durchleiden mussten.

Maarja wirft zwei weitere Zuckerwürfel in ihren Kaffee.

Igor redet. Über die Zukunft Estlands, über seine Zukunft, über die Zukunft der Welt, Terrorismus, Armut, Hunger, den IS.

Maarja trinkt ihren viel zu süßen Kaffee in kleinen, fast unmerklichen Schlücken.

Igor redet. Von seiner Schulzeit, als die estnischen Kinder der Nachbarschaft ihn beschimpft haben. An die Schimpfwörter erinnere er sich nicht mehr. Anfangs habe er sie gar nicht verstanden. Doch der Tonfall habe alles erklärt.

Maarja fährt langsam mit den Händen durch ihr gewelltes Haar, öffnet ihren Pferdeschwanz, lässt die Haar einmal kopfüber fallen, hebt dann den Kopf und zieht die Haare mit einer ruckartigen, geübten Bewegung wieder mit einem Gummiband zusammen.

Igor redet. Über seinen Hass auf die Russen, die ihn nicht akzeptieren, über seinen Stolz, über seine Liebe zur estnischen Sprache.

Igor hört auf zu reden. „Du hast nie mit mir darüber gesprochen“, murmelt sie beinahe unhörbar.

Igor redet. Ob sie es es denn habe hören wollen, oder ob es ihr nicht eigentlich total egal sei, was aus ihnen werde. Ob sie denn nicht alle im gleichen Boot säßen, wenn Putin seine Drohungen wahrmache und die NATO scheitere. „Über Politik wolltest Du ja nie reden, Maarja“ , sagt Igor schließlich erschöpft. Seine Stimme ist nun wieder ganz sanft.

„Wir Esten sind halt ein zurückhaltendes Volk. Das wirst Du als Russe nie verstehen.“ Beide lachen. Unter dem Tisch berühren sich ihre Hände.

 

Bild: Unsplash

Written by Christina Grübel

Christina Grübel studierte Germanistik und Sozialwissenschaften in Hamburg und Paris. Sie arbeitete als Dozentin in Shanghai und als Lektorin des DAAD in Estland. Seit 2013 leitet sie ein Weiterbildungsinstitut, das junge Studenten auf Ihren Studienaufenthalt in Deutschland vorbereitet.

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