Es steht ein Bauarbeiter mit zwanzig Grenzsoldaten vor der hölzernen Kirche im Dschungel von Calais. Er weist den Pastor an, das zehn Meter hohe Kreuz von der Kirche abzumontieren, damit man das Gebäude, auf dem es steht, abreißen kann, ohne ein Sakrileg zu begehen. Der Pastor antwortet benommen: 
„Ist es denn keine Kirche mehr, wenn ich das Kreuz da abnehme?“ Der Bauarbeiter senkt den Kopf. Der Pastor und die anderen Flüchtlinge auch.
 Niemand traut sich, das Kreuz auch nur anzusehen.

Alle stehen wortlos in dieser beschämenden Szenerie umher. 
Flüchtlinge, Punker, Volontäre, Bauarbeiter und Beamte der Gendarmerie schauen sich gegenseitig ratlos in die Augen. Und im Hintergrund, in keinen zwanzig Metern Entfernung, fahren weiter die Autos auf die Autobahn Richtung Eurotunnel. Zwanzig Meter sind zu nah an der Autobahn für eine Kirche, meint das zuständige Amt. Die Flüchtlinge, die hier beten, werden immer wieder die Autobahn stürmen. Und immer wieder wird es Ärger mit dem Hafen geben, weil die nächsten Schiffe nicht anlegen können.

Also muss die Kirche weg.

 Der Führer der Gendarmerie gibt dem Baggerfahrer ein Zeichen. Der beginnt, das Gebilde aus Holz und Plastik langsam und ehrfürchtig niederzureißen. 
Sein Bagger lässt das Skelett immer tiefer in die Knie gehen. Ganz vorsichtig, um das Kreuz herum. 
Ein eritreischer Flüchtling traut seinen Augen nicht. Entsetzt hält er den Kopf in seinen Händen, als wolle er schreien. Kurze Zeit später sinkt er auf den feuchten Lehm. Sein Heiligtum wird vor seinen Augen zerstört. Und er kann rein gar nichts tun, um es zu verhindern.

 Der Ort, an dem er Kraft und Hoffnung geschöpft hat, verschwindet. Einfach so, unter den düsteren Blicken der Polizei.

Ein eritreischer Flüchtling traut seinen Augen nicht. Sein Heiligtum wird vor seinen Augen zerstört.

Eine französische Studentin fragt unter Tränen, ob die Beteiligten keine Ehre haben. 

Gilt ein Gebet in dieser Kirche denn nicht? Hört Gott nicht hin, wenn Menschen in dieser Kirche zu ihm beten? 

Wenn irgendwo auf der Welt eine Kirche abgerissen würde, es gäbe ein Donnerwetter in der westlichen Welt. Nur hier nicht. 
Ist der Hass schon so weit gewachsen? 
Sie wird lauter: Mit welchem Recht tut ihr das?

 Und sagt uns bitte, wer das unterzeichnet hat. Wir wollen ihn besuchen. Wir wollen mit ihm reden. Wir wollen wissen, was ihm heilig ist. Dann werden wir es ihm nehmen. Sein Gesicht muss in die Öffentlichkeit. Seine Ehre gehört an einer Wäscheleine der Öffentlichkeit präsentiert.

Gleich nach der Kirche ist die Moschee des Flüchtlingslagers dran. Da hätten sich die Verantwortlichen noch auf die Anschläge von Paris berufen können. Muslime sind in Frankreich daran gewöhnt, Menschen zweiter Klasse zu sein. 

Aber die Kirche, das können nicht mal die rechten Hetzer erklären. Sie ahnen: Gott sieht uns. Gott sieht, was wir tun. In diesem Haus haben Menschen zu ihm gebetet. Und wir haben es unterbunden.

seinsart | Eine Kirche geht in die KnieWoran glaubt ihr, frage ich euch?

 Heute habt ihr bewiesen, dass ihr nichts von eurem jüdisch-christlichen Abendland verstanden habt. Ihr seid keine Christen, ja nicht mal Europäer. Das letzte Mal, dass eine Kirche zu Boden gehen musste, weil sie zu nah an einer Mauer lag, war in Ostberlin. Keine vier Jahre später waren es die Verantwortlichen selbst, die in die Knie gezwungen wurden – von einem Volk, das Willkür nicht mehr länger dulden wollte.

Wenn ich Aladins Wunderlampe finden sollte, so werde ich mir wünschen, dass die Verantwortlichen aus ihrem Traum erwachen. 
Sie sollten zu den Flüchtlingen aus Calais gehören. Sie sollten nur geträumt haben, dass sie Franzosen sind. Aber die Pein, dass sie so kultur- und gewissenlos sind, die soll ihnen erhalten bleiben.

 

Bilder: Facebook; Versöhnungskirche: Rob Koster 

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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