Wenn Ella und John sich abends auf ständig wechselnden Campingplätzen die Bilder ihrer Ehe als Diashow ansehen, dann gesellen sich nicht selten Gäste dazu. Manchmal gerührt, manchmal lachend tauchen sie in das Leben des entzückenden Ehepaares ein. Oft sind diese Momente herzerwärmend – und dann, wenn sich John nicht mehr an diese erinnert, können sie einem das Herz brechen.

Helen Mirren und Donald Sutherland spielen dieses Paar, welches die besten Jahre schon hinter sich hat. Wo früher Abenteuer, Urlaube und Freunde waren, sind heute Ärzte, übervorsorgliche Kinder und körperliche Gebrechen, die den Alltag bestimmen. Bis jetzt. Statt sich langsam entmündigen zu lassen („in diesem Zustand“ wäre man schließlich im Heim besser aufgehoben), entschließen sie sich, auf eine Reise zu einem Traumziel des Literaturliebhabers John zu gehen: Dem Hemingway-Haus in Key West. In ihrem alten Wohnmobil „The Leisure Seeker“ schleichen sie sich sehr zum Missmut ihres biederen Sohnes und der gestressten Tochter davon und machen sich auf den Weg. Während sie sich ohne Eile aber konsequent ihrem Ziel entgegenbewegen, wird der Kurztrip zu einer Odyssee durch die Stationen ihrer Ehe, voller alter Erinnerungen und neuer Einsichten.

Wie die nächtliche Diashow ist ihre Rute gepflastert mit einer ganzen Bandbreite an Erfahrungen und Emotionen. Sutherland und Mirren, die für ihre Darstellung für den diesjährigen Golden Globe nominiert wurde, verleihen ihren Figuren eine herzerwärmende Vertrautheit. Ganz nach dem Motto, dass alte Liebe nicht rostet, sind die beiden ein eingespieltes Team, das nach vielen Jahren gemeinsam ein symbiotisches, aber immer noch liebevolles Verhältnis pflegt. Ein Großteil von Paolo Virzìs Roadmovie bestreiten sie gemeinsam auf der Leinwand, und es sind Szenen, die man als Zuschauer genießt.

Wenn sowohl Ella als auch John die Gelegenheiten für kurze Konversationen mit Dritten ohne ihren jeweiligen Partner bekommen, bei welchen sich die gealterten Helden dieses Filmes alleine mit der Außenwelt agieren müssen, unterstreicht dies nur noch mehr die enge Bindung. Sie ist schon fast eine Isolation, die das Ehepaar in Laufe der Jahre gepflegt hat, und nun gegenseitig auf sich angewiesen ist – einer scheinbar mehr als der andere. Dass es dennoch noch Raum für Überraschungen gibt, ist einer der Wendepunkte des Films.

„Oft fiel es mir tatsächlich schwer, am Ende einer Szene „cut!“ zu rufen, so sehr genoss ich es, mit zwei Schauspielern zu arbeiten, die mich begeistern und bewegen“, sagt der Regisseur. Dass der Italiener nur mit dieser Besetzung seinen ersten fremdsprachigen Film drehen wollte, ist für „The Leisure Seeker“ ein Glücksgriff. Basierend auf Michael Zadoorians Erzählungen wurde das Drehbuch in enger italienisch-amerikanischer Zusammenarbeit – wie später die kompletten Dreharbeiten mit gemischtem Team – entwickelt, welches trotz der geografischen Ansiedlung in den USA auch hierzulande funktionieren würde.

Trotz der vielen angerissenen ernsthaften Themen gelingt es dem Film, die knappen zwei Stunden Laufzeit hindurch stets auf einem schmalen Grad zwischen Komik und Tragik zu wandern. Oft folgen auf emotionale Szenen irrwitzige Momente, welche sich organisch in den Erzählverlauf eingliedern. Sie werden kurz genug gehalten, um trotz ihrer Absurdität nie fehl am Platze wirken. Den Zuschauern werden vor allem ein Motorrad, eine Autopanne und die Reaktion auf eine Verwechslung im Gedächtnis bleiben. Man sollte unbedingt vermeiden, vor dem Kinobesuch den Trailer zu sehen.

Wer Freude an reduziertem Schauspielkino hat (bis auf die beiden Protagonisten sind alle anderen Figuren nur grob angerissen), wird an den starken Leistungen der beiden Hauptdarsteller seine Freude haben. Während hier weder inhaltlich noch stilistisch das Genre neu erfinden wird, so funktioniert „Das Leuchten der Erinnerung“ durch Charme und seine unaufgeregte Inszenierung, die dem hervorragenden Schauspielduo Helen Mirren und Donald Sutherland alle Möglichkeiten gibt, groß aufzuspielen: Sie präsentieren dem Zuschauer eines der sympathischsten und realistischsten Traumpaares im fortgeschrittenen Alter, welches im Kino seit langem zu sahen war. Komödiantisch und bewegend – sollten sie auch die Story vergessen, Ella und John werden ihnen sicher in Erinnerung bleiben.

 

Das Leuchten der Erinnerung / The Leisure Seeker
Italien/USA 2017
Concorde Filmverleih
113 Minuten
Deutscher Kinostart: Donnerstag, 4. Januar 2018

 

Bild: Concorde Filmverleih

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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