Die Leidenschaft des Menschen für – manche mögen sagen: sein Wissen um – natürliche Zyklen, Wiederholungen, die Rhythmik der Zeit ist mindestens so alt wie sein Blick in die Sterne. Eingebettet in ein System kosmischer Wiederholungen, vom täglichen Sonnenlauf bis zum jährlichen Wechsel der Jahreszeiten ist unser Erleben von Zeit rhythmischer Natur: Kein kosmisches Schauspiel ist besser geeignet, uns das Kommen und Gehen in geordneten Perioden so anschaulich vor Augen zu führen als Geburt, Aufstieg, Reife und Tod der allmonatlichen Mondphasen und der damit verbundenen Gezeiten. Alles in der Natur scheint sich in den berühmten wachsenden Ringen zu vollziehen, denen Rilke, gerade 24jährig, in seiner Lyrik ein sprachliches Denkmal gesetzt hat.

So verwundert es kaum, dass alle Jahre wieder eine Flut ganz anderer Natur die populären Medien überschwemmt, vom Fernsehen über Zeitungen bis hin zum Internet: In zahllosen Jahresrückblicken versuchen wir, uns des Sinns einer Zeit zu versichern, die hinter uns liegt, ihre Feste noch einmal zu feiern, ihre Wunden zu lecken und kollektiv Kraft für einen neuen, hoffentlich besseren Ring zu schöpfen. Dies ist umso erstaunlicher, als niemand von uns das gleiche Jahr im Rücken hat, nicht einmal jene, deren Beine sich Abend für Abend unter dem selben Tisch versammeln, von gemeinsamen U-Bahn-Wagen, Stadien oder gar Städten ganz zu schweigen. Die vergangene Zeit und die Erinnerung daran sind mindestens so persönlich wie das tägliche Erleben, das sich aus Hunderten von Blicken und Hoffnungen, Ereignissen und Ängsten zusammensetzt und das das, was wir objektive Ereignisse nennen, schon im Augenblick der Erfahrung in einen Teppich mikroskopisch kleiner Wirklichkeiten zerfallen lässt.

Wie also darüber sprechen, was das vergangene Jahr mit uns gemacht hat? Wie dieses “uns” definieren, das – durch willkürliche Zusammenfassung von Bewohnern eines Landes, von Lesern eines Magazins – das, was wir Geschichte nennen, ähnlich erfahren und verarbeitet hat? Und so spiegeln Jahresrückblicke nicht selten weniger die Zeit, die vergangen ist, als die Zeit, die wir im Augenblick bewohnen, wider. Welche Hoffnungen und Ängste treiben uns derzeit um und setzen jene Brille zusammen, die wir für die ordnende Rückschau benötigen? Der Zeitpunkt unserer kollektiven Selbstversicherung liegt, einem historischen Zufall geschuldet, in der dunkelsten Zeit des Jahres, die zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde seit jeher der Einkehr und der Verarbeitung gewidmet ist. Wer weiß, wie ein Silvester-Rückblick aussähe, der sich zum Beispiel am altägyptischen Kalender orientierte und mitten in der heißesten Zeit des Jahres, im Juli, seinen Sitz im Leben hätte.

 

Ein gutes Jahr, trotz allem

Das vergangene Jahr in langen Reden zu rekapitulieren, geschieht derzeit nicht nur in der Medienlandschaft; auch unter Freunden und in Familien sitzen heute viele Menschen zusammen und fragen sich, was übrig bleibt – von diesem 2015.

Am Ende des vergangenen Jahres schrieb ich selbst einen Jahresrückblick. Darin heißt es: „Lassen Sie uns daran arbeiten, das zu beeinflussen, was wir wirklich in den Händen haben: den Umgang mit unseren Mitmenschen, den Verbrauch unserer natürlichen Ressourcen und die Wahl unserer Konsumgüter; sie sind es, die die Welt im kommenden Jahr mehr prägen werden als alle Nachrichten und Katastrophenmeldungen zusammen. Unsere Menschlichkeit ist es, die entscheidend dazu beitragen wird, ob 2015 ein weiteres Jahr der Bedrohung wird – oder im Gegenteil ein Jahr der Hoffnung und der Zufriedenheit.“

Umgang mit unseren Mitmenschen: An diesem Anspruch gemessen, ist 2015 ein gutes Jahr gewesen. Die international beachtete deutsche Willkommenskultur wurde angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme zu einem Beispiel für Humanismus und Nächstenliebe. Während eine beunruhigte Minderheit seit Anfang des Jahres medienwirksam auf die Straße geht, um das christliche Abendland mit einer kruden Mischung aus Angst und Ressentiments zu verteidigen, hat sich ein Großteil der Bevölkerung dazu entschieden, den Geist des Christentums still und leise in die Bahnhöfe und Flüchtlingsheime zu tragen.

Verbrauch unserer natürlichen Ressourcen: Das vergangene Jahr wird auch als ein Meilenstein im Umgang mit unserer Umwelt eingehen. Nach dem Scheitern der Kopenhagener UN-Klimakonferenz 2009 hatte niemand mehr so recht an das Gipfeltreffen in Paris Anfang Dezember geglaubt. Stattdessen gelang es der sensiblen Konferenzleitung unter Laurent Fabius, das weltweit gewachsene Bewusstsein für die Notwendigkeit einer neuen Klimapolitik in ein Abkommen zu gießen, das alle 194 Mitgliedstaaten der UN unterzeichnen konnten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verabredeten alle Erdbewohner ein Paket an Maßnahmen zur Rettung ihrer gemeinsamen Lebensgrundlage:

  1. Der Anstieg der Durchschnittstemperatur soll auf 2° C, wenn möglich 1,5° C beschränkt werden.
  2. Die Fähigkeit, sich den negativen Folgen des Klimawandels anzupassen, soll gestärkt werden, ohne die Nahrungsmittelproduktion zu gefährden.
  3. Maßnahmen und Technologien, die Punkt 1 und 2 ermöglichen, sollen finanziell gefördert werden.

Wahl unserer Konsumgüter: Auch im Bereich bewussten Konsums hat sich 2015 als ein Jahr des Fortschritts erwiesen. Nicht nur der stetige Trend zum Kauf von Bio-Produkten, auch ihre Produktion entwickelt sich weiterhin steil in die Höhe. Der bewusstere Verbrauch spiegelt sich auch in der wachsenden Tendenz zur fleischlosen Ernährung wider. Im ökologischen Sinne besorgniserregend ist eine ganz andere Tendenz: Immer mehr Deutsche reisen – im In- wie im Ausland. Die Rede ist nicht nur von Urlaubsreisen, sondern auch von Pendelbewegungen aufgrund wachsender beruflicher oder familiärer Distanzen. So nahmen nicht nur die Flugreisen ins Ausland und innerhalb Deutschlands zu, sondern auch die Anzahl der neu zugelassenen Autos. Die gute Nachricht: Auch der öffentliche Nahverkehr wächst unaufhörlich – auch wenn hier eher die Fernbusse als die umweltfreundliche Bahn von der neuen Beweglichkeit profitieren.

 

Ein Jahr in Zahlen und Fakten

Stichwort Flüchtlinge:

Ein häufiges Thema war die Herkunft der Flüchtlinge. Sind das wirklich alles Kriegsopfer? Oder sind es „bloß“ Wirtschaftsflüchtlinge? Direkt vom Terror des IS oder anderer Kriegsparteien bedroht waren 40% der Asylantragsteller:

seinsart | Herkunft der Flüchtlinge 2015

Ein weiterer Punkt ist der Vorwurf, es handle sich bei den Flüchtlingen fast ausschließlich um junge Männer. Dies sei ein Beleg dafür, dass es sich nicht um die Opfer von Repressalien, sondern um Wirtschaftsflüchtlinge handele. Ein Blick auf die Fakten verrät: Es gab in der Tat mehr Männer – aber ein Drittel der Asylanträge stellten 2015 Frauen:

seinsart | Geschlecht der Flüchtlinge 2015

Auch die Altersstruktur ist komplexer als behauptet. Ein Drittel der Flüchtlinge ist noch minderjährig; die Gruppe der 18-30-Jährigen steht an zweiter Stelle, beträgt aber nur 40%:

seinsart | Alter der Flüchtlinge 2015

Im Gegensatz zu den Zehntausenden freiwilligen Helfern, von denen oben die Rede war und die bislang in keiner Statistik auftauchen, ist die Zahl der PEGIDA-Demonstranten inzwischen gut belegt. Nach einem Tief im Sommer wächst die Zahl der Mitläufer wieder rapide an – die Zahlen fassen alle Demonstrationen des jeweiligen Monats zusammen:

seinsart | PEGIDA-Demonstranten 2015

Zum Abschluss der Flüchtlings-Thematik noch ein Blick auf die absoluten Zahlen. Die Statistik der Erstanträge von Asylsuchenden zeigt, dass sich die Anträge seit Mai so gut wie verdoppelt haben. Von „Fluten“ oder „Lawinen“ zu sprechen, verbietet nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch ein Blick auf die Zahlen. In Ländern wie Baden-Württemberg zum Bespiel machen Flüchtlinge derzeit etwa 1% der Bevölkerung aus; 1950 waren es als Folge der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg ganze 13,5 %:

seinsart | Anzahl Asylanträge 2015

Stichwort Nachhaltigkeit:

Ebenfalls verdoppelt haben dürfte sich das grüne Gewissen der Deutschen. Rund 8,5 Millionen Verbraucher sind inzwischen auf ökologische Stromgewinnung umgestiegen:

seinsart | Ökostrom-Kunden

Kein Wunder also, dass auch der prozentuale Anteil der erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren stetig angestiegen ist:

seinsart | Erneuerbare Energien

Nicht nur die Stromerzeuger, auch die Supermärkte gehen auf diesen Trend zum nachhaltigen Konsumverhalten ein. So steigt auch die Anzahl der verfügbaren Produkte mit dem geschützten BIO-Siegel kontinuierlich an:

seinsart | Produkte mit BIO-Siegel

Stichwort Leben und Kultur:

Ein Blick auf die aktuelle Buchproduktion im Land verrät: Trotz der vielfach zitierten Schwemme an Sachbüchern und Ratgebern bleibt doch die fiktionale Erzählform der Liebling Nummer 1 – ganze 40% der Bücher, die dieses Jahr auf den Markt kamen, sind Literatur bzw. Belletristik:

seinsart | Buchproduktion nach Themen

Welche Regierung hat das meiste Geld für die Förderung von Kultur ausgegeben? Berlin mit drei Opernhäusern als Spitzenreiter wird kaum überraschen – interessanter ist vielleicht die Feststellung, dass sich unter den Top 7 alle drei Stadtstaaten befinden – und nur ein westdeutsches Flächenland:

seinsart | Ausgaben für Kultur in Deutschland

Ein Blick auf die Theaterbesucherstatistik verrät: Im Gegensatz zur Förderung ist die alte BRD nach wie vor Spitzenreiter, was den Besuch kultureller Veranstaltungen angeht:

seinsart | Theaterbesuche in Deutschland

„Nicht alles, was zählt, ist zählbar, und nicht alles, was zählbar ist, zählt.“ (Albert Einstein)

Nach diesem Feuerwerk der Zahlen bleibt mir nur, Ihnen von Herzen einen guten Start ins Neue Jahr zu wünschen – auf dass uns 2016 Anlass zu noch mehr Optimismus bieten möge, allen Kriegen und Krisen zum Trotz. Bleiben Sie gesund – und lassen Sie sich auch weiterhin von seinsart inspirieren!

Ihr
nicolasflessa2

 

Bild: geralt, Statistiken: seinsart

[affilinet_performance_ad size=728×90]

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>