Im Nebenzimmer liegt ein Leben, das es nach dem Willen vieler Politiker so nicht mehr geben sollte. Ein junges Leben, das es dank einer phantastischen Familie geschafft hat, Meere und Länder zu überqueren auf der Suche nach einem Platz, der Weiterleben möglich macht. Ein Leben, das ich unendlich lieb gewonnen habe in den letzten 12 Monaten, die ich es zu kennen die Ehre habe.

Mohammed ist diese Woche 11 geworden und das erste Mal zum Übernachten außerhalb der Familie. Es ist sein Geburtstagsgeschenk: Ein Abend ohne Eltern und Geschwister, Männerabend mit Pastakochen, Filmgucken und viel Süßigkeiten.

Szene 1: Wir suchen Filme in der Videothek. Mohammed will Action sehen, Action und Humor. Als ich einen der Filme beiseite lege mit der Bemerkung: Der ist erst ab 16, da wird bestimmt die ganze Zeit getötet, antwortet er mir, fast beiläufig: Kein Problem, Töten habe ich schon in Syrien gesehen. Er sagt das so, wie andere Kinder seines Alters vom Urlaub in Italien erzählen oder von der neuen Xbox. Am Ende nehmen wir zwei dieser Filme, der erst ab 16 ist. Und Mister England, eine Krimi-Komödie mit Mister Bean.

Szene 2: Wir haben gekocht, Mohammeds Bauch ist kugelrund. Er kann es kaum erwarten, den ersten Film zu sehen. Als am Ende der Komödie Mister Englands morgendliches Zähneputzen zu Abba durch Westminster Abbey schallt, wirft sich Mohammed auf den Boden und hält sich vor Lachen den Bauch. Ich lache mit ihm, wir sind nicht mehr zu halten. Mohammed will mehr, jetzt kommt was Historisches: Naja, so etwas ähnliches: Game of Thrones, Teil 1.

seinsart | Du weißt, wo Du mich findestSzene 3: Nach einem epischen Beginn voller Ruhm, Ehre, Mord und Männlichkeit bahnt sich eine sinnliche Szene an. Einer der Hauptdarsteller entkleidet unwirsch eine junge Dame aus dem Nordland, Mohammed schlägt sich auf die Augen und quiekt: Aufhören, aufhören. Ich spule vor. 2 Minuten Ehre, Mord und Männlichkeit, dann der zweite BH. Wir schalten aus, Mohammed meint trocken: Was ist das für ein Film? Ab 16? Er sollte ab 21 sein!

Szene 4: Mohammeds Plan, so lange aufzubleiben, wie wir Filme haben, scheitert ungefähr in der Mitte der zweiten Episode von „The Flash“. Immer tiefer sinkt er in die Kissen, die M&M sind längst mit dem letzten Kakao in seinem Magen verschwunden. Ich hole sein Bett und überziehe es. Er fragt mich: Und wo schläfst Du? Ich deute auf den Flur. Drüben, im anderen Zimmer. Nach dem Zähneputzen frage ich nach: Macht es Dir Angst, alleine zu schlafen? Ich denke an sein Zuhause: Sechs Krankenhausbetten, alle nebeneinander in einem Raum. Hat er jemals alleine in einem Zimmer geschlafen? Ein bisschen, antwortet er schließlich. Ich lasse das Licht im Flur an und die Tür zum Zimmer sperrangelweit offen. Du weißt, wo Du mich findest.

Im Nebenzimmer liegt ein Leben, das es nach dem Willen vieler Politiker so nicht mehr geben sollte. Ich putze mir die Zähne und sehe mir im Spiegel tief in die Augen. Es fühlt sich komisch an, so komisch, plötzlich der Vater und nicht mehr der Junge zu sein. Ganz ohne durchgewachte Nächte und Babybrei und all die Mittagsschläfchen Verantwortung für ein junges Leben zu haben. Mohammeds Atem geht tief und regelmäßig, als ich aus dem Bad in mein Zimmer gehe. Ich bin unendlich dankbar für dieses Leben, das es geschafft hat bis zu uns, von Aleppo bis in mein Wohnzimmer.

Heute Nacht bete ich. Zum Dank. Und dafür, dass er wie all seine Altersgenossen ohne Krieg und Bomben im eigenen Land in ein paar Jahren von selbst herausfinden wird, dass das mit den BHs nicht erst ab 21 interessant sein wird. Und dass ich dann noch immer an seiner Seite sein kann, wenn er heimlich einen Kakao trinken will, auch wenn seine Kumpels längst auf Bier umgestiegen sind.

 

Bild: Olichel

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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