Dieser Herbst wird als ein stürmischer in die Geschichtsbücher eingehen. Kurz vor Jahresende überschlagen sich nicht nur in Deutschland die Ereignisse. Doch während der jamaikanische Ärger eher ein hausgemachtes Problem darstellt – und mit etwas Glück nicht unbedingt zu Neuwahlen führen muss –, sind die Baustellen im Nahen Osten größtenteils das Ergebnis einer vereinten internationalen Anstrengung. Und das in einem doppelten Sinne.

Die Handlung: ein blutiger Stellvertreterkrieg, der längst nicht mehr entlang der vertrauten Fronten „West“ gegen „Ost“ verläuft, ohne die alten Kontrahenten deshalb zu Verbündeten werden zu lassen. Der Syrienkrieg ist vielmehr zum Schauplatz des epochalen Kampfes zweier muslimischer Machtblöcke geworden, angeführt von der Islamischen Republik Iran und dem Königreich Saudi-Arabien. Was gemeinhin mit dem Kampf von „Schiiten“ gegen „Sunniten“ tituliert wird, ist beileibe keine religiöse Auseinandersetzung, sondern ein realpolitischer Kampf um Einflusssphären im Nahen Osten.

Der Sturz des libanesischen Regierungschefs Saad Hariri durch den saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman vor knapp drei Wochen scheint ebenso wie die Bombardierung des Jemen ein letzter verzweifelter Versuch des sunnitischen Königreichs gewesen zu sein, noch einmal das Heft der Geschichte in die Hand zu nehmen. Die Unsinnigkeit dieser Handlung lässt sich nur vor dem Hintergrund des iranisch-saudischen Konflikts verstehen: Statt die Sunniten im Libanon zu stärken, waren es erneut die Schiiten, die aus dieser Krise ihren Nutzen ziehen konnten, indem sie sich als staatstragende und überparteiliche Instanz in Szene setzten konnen – vom Ansehensverlust Hariris einmal ganz abgesehen.

Kurz erklärt: Der Iran hat infolge einer Reihe von Kriegen erheblich an Einfluss in der Region gewonnen. Der Atom-Deal 2015/2016 vollendete auf dem diplomatischen Parkett, was militärisch längst geschehen war: den Iran aus der politischen Schmuddelecke zu befreien und in den Reigen der Staaten zurückzuholen, den er – zumindest der westlichen Lesart zufolge – 1979 im Rahmen seiner Revolution verlassen hatte. Die für diesen unvergleichlichen Aufstieg verantwortlichen Kriege fanden im Libanon (1975–1990, 2006, hier blau), im Irak (2003, hier oliv) und in Syrien (seit 2011, hier grün) statt.

Ein Blick auf die Landkarte verrät: Verbindet man diese Länder, reicht der Einfluss des Iran von der Nordgrenze Saudi-Arabiens (hier rot) bis an die Nordgrenze Israels (und den Süden der Türkei), vom Persischen Golf bis ans Mittelmeer. Auch wenn der Vergleich zur NATO-Osterweiterung und Russland etwas hinken mag: Saudi-Arabien fühlt sich nicht nur umkreist, es ist offenkundig bereits hermetisch abgeriegelt – erst recht, wenn man das gerade frisch in die Hände Irans getriebene Katar (hier grün) sowie die von den Huthi-Rebellen gehaltenen Gebiete im Jemen (hier lila) mit dazu zählt.

Warum aber hat der Iran von all diesen militärischen Krisen derart profitiert? 1982 griff die damals noch junge Islamische Republik erstmals aktiv ins Geschehen ihrer arabischen Nachbarn ein. Damals finanzierte und unterstützte sie Selbstmordattentäter und Milizen, die im libanesischen Bürgerkrieg zunehmend an Einfluss gewannen. Im Gegensatz zu allen anderen Milizen (den christlichen ebenso wie den sunnitischen) wurde die Hisbollah nach dem Endes dieses Stellvertreterkrieges nicht entwaffnet. Ein Umstand, der ihnen bei vielen Libanesen, spätestens nach dem Krieg gegen Israel 2006, den Nimbus des Landesverteidigers eingebracht hat – im Gegensatz zur als ineffektiv geltenden regulären Armee des Libanon.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak und den Sturz Saddam Husseins wuchs rasch der Einfluss der Schiiten im ganzen Land, die seither auch die Regierung stellten. Der Iran nutzte diese Entwicklung für eine ausgiebige Einflussnahme auf das ehemals befeindete Nachbarland. Erst der Syrienkrieg aber brachte den entscheidenden Durchbruch für die schiitische Landbrücke vom Iran bis ans Mittelmeer: Nicht nur der Kampf gegen die Rebellen, auch der Kampf gegen den IS wäre ohne die Eliteeinheiten des Iran und die verbündeten Hisbollah wohl kaum so erfolgreich verlaufen. Machthaber Assad blieb im Amt – nun aber von Teherans Gnaden.

Werfen wir einen Blick auf denselben Raum aus einer ethnografischen Perspektive heraus, so stellen wir fest: Die beschriebene Landbrücke des Iran hat weite Überschneidungen mit jenem Gebiet, den man mit „Groß-Kurdistan“ beschreiben könnte. Die Kurden, dieses größte Volk der Welt ohne eigenes Land, waren anfänglich die zweiten Nutznießer des Syrienkonflikts. Als Bodentruppen der Amerikaner befreiten sie in Syrien wie im Irak weite Gebiete aus der Hand des IS, Gebiete, die sie fortan selbst verwalteten. Ihre Hoffnung: Nach dem Ende des Kriegs endlich einen zusammenhängenden und unabhängigen Staat zu bekommen, als Dank für die Beteiligung im Krieg.

Die schlechte Nachricht aber lautet: Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg ist die in Aussicht gestellte Beute schneller wieder abgewickelt als die Siegerparaden durch die befreiten Städte ziehen können. Der Grund: falsche Verbündete. Wenn sich am heutigen Tag auf Einladung von Wladimir Putin die Herrscher der Türkei, Syriens und des Iran im russischen Sotschi treffen, so geht es dabei nicht nur um stabilen Frieden in Syrien, sondern auch – und vor allem – um die Kurdenfrage. Die Verhinderung eines eigenen kurdischen Staats (auf dem Gebiet dieser drei Staaten plus Irak) ist quasi der Kitt, der die drei Präsidenten an einen Tisch holen ließ.

Zur Erinnerung: Erdoğan und Assad engagierten sich in den letzten Jahren in unterschiedlichen Schützengräben. Während Erdoğan und saudi-arabische Financiers oppositionelle Rebellen und mehr oder weniger heimlich sogar den IS unterstützten, half Putin Assad dabei, jene Kräfte in Syrien zunehmend zu marginalisieren – mit starker Unterstützung des Iran. Eine Einigung über Nachkriegssyrien, die sich mit dem Erreichen von Kriegszielen beschäftigen würde, wäre also von vornherein unmöglich. Wenn nicht, ja wenn nicht jener gemeinsame Feind am Horizont auszumachen wäre: der Wunsch der Kurden nach einem eigenen Staat.

Dieser Herbst wird als ein stürmischer in die Geschichtsbücher eingehen. Nicht wegen Jamaika. Sondern weil im Nahen Osten hinter unserem Rücken Weltgeschichte geschrieben wird. Es ist nicht nur die Geschichte des großen Betrugs an den Kurden, des Wiedererstarkens der russischen Geopolitik  und des endgültigen Aufstiegs des Iran zur regionalen Supermacht. Es ist auch das Ende des Westens als Global Player in einer Region, die ohne ihn in jeder Hinsicht besser dran gewesen wäre.

Israel, der letzte Vorposten des Abendlands im Morgenland, hat die Zeichen der Zeit längst erkannt. Ob seine verzweifelten Versuche, die Hamas durch einen Friedensschluss mit der Fatah zu neutralisieren, eine Einigung mit Saudi-Arabien zu erzielen oder die Hisbollah international zu isolieren, am Ende die erwünschten Früchte tragen wird, ist mehr als fraglich. Nachhaltiger wäre es, einen ersten Schritt in Richtung Iran zu tun. Unmöglich? Im Gegensatz zu provinziellen Regierungsbildungen, die nur dem Namen nach eine gewisse Weltläufigkeit versprühen, ist globale Politik kein Ort für rote Linien.

 

Bilder: kremlin.ru (Titel); Cacahuate (Karte); Kurdish-inhabited area by CIA 1992 (Kurdistan); Julien Harneis aus Conakry/Guinea, zur Verfügung gestellt von FunkMonk (Hisbollah-Banner).

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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