„Jungs, hier nehmt Geld und geht in das Asylheim oben an der Straße. Frag nach, was die Menschen dort brauchen, und besorgt es ihnen“, sagte mein Vater zu meinem großen Bruder Karl, während er ihm einige Banknoten reichte. Ich war damals gerade ein Teenager und verstand all die Berichterstattung aus dem Fernsehen nicht. Alles, was ich mitbekommen hatte, waren fremde Menschen aus Jugoslawien, die vermehrt auf den Straßen zu sehen waren. Ihre Gesichter waren müde und leer. Sie sahen traurig aus.

Karl ist 4 Jahre älter als ich. Er erklärte mir die Sache mit den Jugoslawen anhand unserer Nachbarn. Jovi und Zatzi sind aus einem Land, das man Mazedonien nennt. Das gehöre eigentlich zu Jugoslawien. Aber jetzt irgendwie doch nicht mehr. Es gebe auch Bosnier und Serben und Kroaten. Die würde ich gleich in dem Heim kennenlernen. Dieses Heim im Osnabrücker Norden mochte ich nicht. Es war wie ein Schulgebäude, nur ganz ohne Kinder. Oder fast ohne Kinder. Wenn doch mal ein Kind vorbeigehuscht kam, sah ich wieder diese Leere in seinen oder ihren Augen. Vielleicht war es gut, dass ich damals noch nicht wusste, was das bedeuten kann, wenn ein Kind nicht mehr lacht.

Davon bin ich glücklicherweise nicht verschont geblieben. Denn ich lernte Saado und seine Schwester Alma kennen. Sie waren aus Bosnien. Manchmal erzählten sie mir Unbeschreibliches aus ihren Erinnerungen. Meistens verstummten mich diese Erzählungen. Doch manchmal konnte ich meine neuen Freunde auch ablenken. Meinem kosovarischem Freund Bekim schenkte ich eine Rap-Kassette. Alma, der Bosnierin, gab ich ein Poster aus der aktuellen BRAVO meiner Schwester.

Dann wurden wir langsam erwachsen. Die meisten Bosnier mussten nach dem Krieg wieder heim. So kam es, dass die meisten Bosnier in die USA auswanderten. Die Albaner/Kosovaren blieben in Deutschland. Man sah sich nicht mehr. Man dachte auch nicht mehr viel aneinander. Jeder hatte sein eigenes Leben in Angriff genommen.

 

Schicksal und Schoko-Brötchen

Das bleib so, bis ich neulich in eine Berliner Buchhandlung ging, um ein Buch zu bestellen. Dort sah ich ein rosafarbenes Buch mit dem Aufdruck „Die Reise zum ersten Kuss”  auf einem der Tische ausgestellt. Ich dachte mir nur: „Was n Scheiß Titel. Das kann nur wieder so ‚ne Schnulze sein, die es irgendwie an einen Buchvertrag geschafft hat.”

Beim Vorbeigehen las ich jedoch irgendwas mit Kosovo. Ich blieb stehen. Öffnete das Buch und speicherte den Namen der Autorin, Arta Ramadani, in mein Handy. Mein Bauchgefühl täuscht mich selten. Das Buch ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, das aus dem Krieg geflohen ist. Ein kleines Mädchen, das normaler nicht sein kann, nimmt einen Kampf nach dem anderen gegen einen schier unbesiegbaren Gegner auf. Keinen dieser Kämpfe soll sie gewinnen, denn ihr Gegner ist jemand, gegen den keiner gewinnt. Ihr Gegner ist das Schicksal.

Das Schicksal macht keine Termine. Es schlägt zu, wann immer es will. Und dann muss man sich stellen. Das berührt die Protagonistin, die kleine Era, jedoch nicht. Einmal kam es und nahm ihr ihre Wohnung, in der sie mit ihren Eltern wohnte. Ein anderes Mal nahm es ihren geliebten Onkel mit. Wohin auch immer. Und noch einmal, da kam es und nahm ihr ihre Heimat, um diese danach in Schutt und Asche zu versetzen.

Doch Era sieht all dies nicht. Denn in ihrem Herzen wohnt eine wundervoll Seele, die dies nicht zulässt. Immer wenn das Schicksal naht, macht sich ihre unbescholtene Seele in ihr breit und nimmt sie mit in eine andere Welt. In dieser Welt gibt es gefüllte Teigtaschen, Schoko-Brötchen und Musik der US-amerikanischen Künstlerin Madonna. In diese Welt hat das Schicksal keinen Zutritt.

 

Vom Kosovo nach Kreuzberg

Era ist dreizehn Jahre alt. Die kosovarische Hauptstadt Pristina ist ihr Geburtsort. In der Vorkriegszeit des Jugoslawienkriegs wird Eras Familie von serbischen Beamten bedrängt. Ihr Vater, ein oppositioneller Aktivist, der von einem demokratischem und unabhängigem Kosovo träumt, beschließt nach einer langen Haft, nach Berlin zu gehen. Um frei zu sein. Für immer.

Für Era beginnt eine Reise in die weite Welt. Bis sie in einem Asylbewerberheim untergekommen ist, hat sie mehrere Landesgrenzen im Auto einer Schlepperbande passiert. Gelandet ist sie dann irgendwo in Kreuzberg, wo sie das erste mal eine U-Bahn sieht. Ihr Interesse an dieser neuen Welt erwacht…

Ich sitze auf meiner Wohnzimmercouch und schließe das Buch. Mehrfach hat es mich berührt. Mehrfach ziehe ich meinen Hut vor ihr und dem, was ihr zu erklären gelingt. Ganz ohne Hass und ohne Wut zeigt sie uns das Innere von Geschichten, die wir, obwohl so nah, nicht mitbekommen haben. Sie erzählt von Dingen, die geschehen sind, lang bevor unsere Freunde aus dem Kosovo, Bosnien oder Kroatien zu uns gekommen sind.

Einmal mehr verstehe ich, wie es ist, wenn man gegen seinen Willen seine Heimat verlassen muss. Eine wertvollere Lektion ist in diesen Tagen wohl kaum denkbar. Ich danke Dir, Arta Ramadani.

 

Arta Ramadani
Die Reise zum ersten Kuss
Eine Kosovarin in Kreuzberg
Drava Verlag (27. Februar 2018)
ISBN: 978-3854358657
160 Seiten / € 18,80

 

Bild: Bess-Hamiti

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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