Mit den guten alten Zeiten hat es wenig zu tun, was wir seit rund einem Jahr in der Presse und in unserem persönlichen Umfeld erleben. Auflösungserscheinungen, wohin das Auge blickt. Von den Flüchtlingsströmen, die an Europas Meeren – und vor Englands getunnelten Toren – stranden über eine immer unübersichtlichere Lage auf den Schlachtfeldern der östlichen Ukraine und des Nahen Ostens, von Flugzeugabschüssen über antisemitische Krawalle im Herzen der EU bis hin zur Auflösung der europäischen Solidarität: Die Welt scheint sich derzeit schneller zu drehen, als es ihre Bewohner verkraften können. Angesichts der außergewöhnlichen Dichte katastrophaler Ereignisse scheint die Klimakatastrophe fast wie ein irreales Spektakel am Ende der Zeit; wer denkt schon darüber nach, Strom zu sparen, wenn andernorts das Mittelalter aufzuerstehen scheint.

Letzten Sommer konnten wir aus den arabischen Nachrichten erfahren, dass in Mossul wieder Türen markiert werden: N für Nazarener, N für vogelfrei. Und dann die brandschatzenden und tötenden Horden der selbsternannten Gotteskrieger, die Wohnung für Wohnung, Haus für Haus dem Erdboden gleichmachen – einfach nur, weil Christen darin leben oder leb(t)en. Und nur ein Jahr später gehen in Deutschland Dutzende von Häusern in Flammen auf, weil „Araber“ und „Afrikaner“ darin Obdach finden sollen. Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs scheint Europa erneut aus den Fugen zu geraten: Wie 1914 bzw. 1918 wird es sicher nicht untergehen – aber was von der alten Ordnung den Sturm dieser Jahre überleben wird, lässt sich derzeit kaum erahnen.

 

Möchte ich selbst Teil der Lösung sein?

In Zeiten wie diesen gibt es mehrere Möglichkeiten, auf die Flut von Ereignissen zu reagieren: Rückzug ins Private, Verzweiflung an der Welt oder im Gegenteil politischer oder sozialer Aktionismus. Wie man sich mit dem Wandel an Werten und Gewissheiten, ja an Frieden und Wohlstand auseinandersetzt, ist zweifellos eine Frage der Persönlichkeit. Woran glaube ich? Was halte ich für wichtig? Wie mächtig empfinde ich mich selbst? Unabhängig von Religion oder Herkunft stellt sich in Zeiten wie diesen vor allem die Frage, welche Konsequenzen wir aus den Ereignissen aus unserer Umwelt in unserem eigenen Leben ziehen wollen. Reicht es mir, mich via Presse und Facebook über die Probleme auf dieser Welt auf dem Laufenden zu halten, oder möchte ich selbst Teil ihrer Lösung sein?

Nicht jeder mitfühlende Mensch ist zum Vorkämpfer geboren – aber Held sein können wir allemal. Held sein hat nichts mit spektakulären Ideen zu tun; zum Held sein gehört es, Widerstand zu üben, wo nötig, und helfende Hand zu sein, wo möglich. Kinder brauchen diese Helden als Vorbild – und Tiere und schwächere Personen als Verbündete gegen Ungerechtigkeit und Verzweiflung. Eine wichtige Lektion des Lebens lautet: Nicht der Lauf der Dinge ist das Problem, sondern meine eigene Untätigkeit. Wenn uns die Geschichte eines zu vermitteln hat, dann das: Kaum eine wichtige Entwicklung war die logische Folge einer bereits vorhandenen Situation. Life is what happens to you while you’re busy making other plans, sang schon John Lennon; vier Monate später starb er im Kugelhagel eines verwirrten Fans, der meinte, durch die Ermordung eines Idols selbst zum Idol zu werden.

 

Ein diffuses Gefühl der Bedrohung

Satte und selbstzufriedene Gesellschaften neigen dazu, Helden der Vergangenheit zu Menschen zu stilisieren, deren Taten etwas Heroisches anhaftet. Doch nicht die vergangene Leistung ist es, die von Interesse für uns Nachgeborene ist, sondern das Prinzip ihres mutigen Einsatzes, das zweifellos zeitlos und noch immer hoch aktuell ist. Es mag schwerer, aber auch zwingender gewesen sein, gegen die Nazidiktatur aufzubegehren, da Licht und Schatten in einer Herrschaftsform mit Konzentrationslagern und Totenkopf-Emblem recht eindeutig zu verorten sind.

Doch wer braucht Hakenkreuze, um zu erkennen, dass wir eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten erdulden, weil wir – wie jene Mitläufer der dreißiger Jahre – nicht wahrhaben wollen, dass nichts – aber auch gar nichts – alternativlos ist an der Zeit, in der wir leben. Vor jeder Handlung, und sei sie noch so gut gemeint, ist eine scharfe Analyse der gegenwärtigen Situation vonnöten, die sich weit über die Ränder der gegenwärtigen medialen Informationsschnipsel wagt. Mit einer Flut an Katastrophen und Hiobsbotschaften wird seit einiger Zeit ein diffuses Gefühl der Bedrohung und der Hilflosigkeit erzeugt, das keine noch so unterhaltsame Talkshow und kein noch so aktueller Brennpunkt in den Griff zu bekommen scheint.

 

Das Unverständliche ist hausgemacht

Die letzten Mohikaner am Horizont der Einordnung und des Gesamtzusammenhangs scheinen derzeit weniger die Journalisten denn die Kabarettisten zu sein, die in Sendungen wie „Die Anstalt“  oder in Bühnenshows (wie die von Hagen Rether) im jeweiligen Publikum für wohlige Erkenntnis sorgen. Denn was mit großem Ernst und Eifer im Tosen der Ereignisse unterzugehen droht, zeigt sich derzeit umso deutlicher in der Gestalt der Satire: Das Unverständliche ist – abgesehen von Naturkatastrophen – in aller Regel hausgemacht; doch statt den Köchen den Brei zu verderben, glucksen wir, wenn ihnen beim Rühren mal eine Spur Machenschaft danebengeht.

In seinem Song „Working Class Hero“ schrieb sich der bereits zitierte John Lennon eine unnachahmlich verknappte und klare Analyse seiner Zeit von der Seele: „They hate you if you’re clever and they despise a fool.“ Etwas später führt er fort: „Keep you doped with religion and sex and TV / And you think you’re so clever and classless and free / But you’re still fucking peasants as far as I can see.“ 45 Jahre später haben diese Worte angesichts von Dschungelcamp und IS scheinbar nichts an Aktualität verloren. Und doch gibt es einen ganz zentralen Unterschied: Die massenhafte Verbreitung des Internets.

 

Wir sind Helden

Im Unterschied zu 1970 sind wir nicht länger auf die Informationen angewiesen, die uns Vertreter der Religionen oder der großen Medien zur Verfügung stellen. Ohne ein Loblied auf die Digitalisierung unserer Lebenswelt singen zu wollen: Die wirklichen Auswirkungen der globalen Vernetzung sind derzeit noch kaum abzusehen. Eine Ahnung aber besitzen wir bereits: Rief Lennon noch nach einem „Working Class Hero“, um das geknechtete Volk von einem diffusen „they“ zu befreien, verfügen wir über eine weitaus wertvollere Waffe im Kampf gegen die Ungerechtigkeiten unserer Welt: den Held in jedem von uns.

Was klingt wie ein Ammenmärchen oder der Beginn eines spirituellen Romans, ist das wohl größte offene Geheimnis unserer Gegenwart: Solange das Wissen der Welt so dezentral für jeden von uns verfügbar ist, liegt die wahre Macht über die Zukunft unseres Planeten weder in den Händen von Politikern noch in denen von Klerikern oder Finanzaristokraten. Scheiterten alle bisherigen Revolutionen der Geschichte an dem Machtmissbrauch ihrer Anführer und der Unwissenheit ihrer Anhänger, so haben wir uns für den Kampf unserer Gegenwart eine unvergleichbar vorteilhaftere Ausgangsposition verschafft.

 

Der Abgeordnete der Zukunft

Plattformen wie campact.de oder kiva.org lassen erahnen, wie die Demokratie von morgen aussieht: Unabhängig von Landes- oder Sprachgrenzen werden Entscheidungsprozesse in immer größer werdenden Interessenverbänden eingeleitet, die weder Lobbyismus noch Fraktionszwang auf Dauer unter Kontrolle bekommen können. Das Internet ist dabei, den Abgeordneten der Zukunft zu formen: den nach bestem Wissen und Gewissen auf seine Repräsentanten Druck ausübenden Bürger, der nur seinem Gewissen verpflichtet ist.

Drei ernstzunehmende Damoklesschwerter bedrohen derzeit die Entstehung dieser globalen „Schwarmintelligenz“: Armut, mangelnde Bildung und Bequemlichkeit. Jeder von uns ist aufgerufen, diese drei Todsünden der Moderne mit seinem persönlichen Einsatz zu bekämpfen. Bis jeder Mensch auf dieser Welt satt und gebildet und beherzt genug ist, die Zukunft unseres Planeten durch sein eigenes Verhalten positiv zu gestalten, bleibt uns wohl nichts anderes übrig als voranzugehen. A digital hero is something to be.

 

Bild: unsplash

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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