In unserer Seele wirkt eine geheimnisvolle und intelligente Kraft. Wie eine verborgene Regie scheint sie das Leben zu steuern, im Inneren wie im Äußeren. Obwohl sie sich also im Individuum aktualisiert, reicht sie gleichzeitig weit darüber hinaus. Dieser universalen Selbstorganisation, die aus einer tiefen Weisheit schöpft, können wir uns immer und in jeder Situation anvertrauen.

 

Persönliche Erfahrung

Ich hatte zwei Schlüsselerlebnisse, die mich für diese Einsicht empfänglich werden ließen. 1983 leitete ich ein psychotherapeutisches Ausbildungswochenende in Fuschl am See. Gleich in der Anfangsrunde äußerte ein Teilnehmer den Wunsch, die Abendsitzung ausfallen zu lassen, um in Salzburg, 20 km von unserem Seminarort entfernt, einen interessanten Vortrag von einem gewissen Stanislav Grof über das Holotrope Atmen besuchen zu können, einer neuen Art von Psychotherapie mit veränderten Bewusstseinszuständen. Zunächst sträubte ich mich, weil ich seine Anregung als Widerstand gegen seinen inneren Prozess oder meine Arbeit deutete. Während ich versuchte, ihm seine unbewussten Motive klarzumachen, verspürte ich auf einmal eine irritierende Enge im Brustraum. Ich hielt kurz inne. Spontan kam mir dann der Gedanke, dass dies vielleicht mit meinem eigenen Denkansatz oder der Interpretation dieser Situation zu tun haben könnte. Plötzlich wurde ich weicher und willigte in diesen Vorschlag ein.

Dort angekommen, war mir von der ersten Minute an klar, dass sich für mich etwas Bahnbrechendes ereignete. Es erfasste mich eine Energie, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat, denn auf einmal fügte sich zusammen, was bisher getrennt schien: moderne Psychologie und alte Weisheitslehren, Psychotherapie und Spiritualität. Damit begann für mich ein Weg, der sowohl privat als auch beruflich umwälzende Veränderungen mit sich brachte. Meiner Intuition weiter folgend, nahm ich dann an einer Ausbildungsgruppe bei Stanislav Grof, der früher durch seine Experimente mit LSD Aufsehen erregte, teil. Das von ihm begründete Holotrope Atmen ermöglicht eine intensive Form der Selbsterforschung, die mit Hilfe beschleunigter Atmung, anregender Musik und prozessorientierter Körperarbeit in tief verborgene Welten der Seele vorzudringen vermag. Dieser Weg rückte immer mehr ins Zentrum meiner Arbeit. Besonders faszinierten mich die vielschichtigen Prozesse und Erfahrungsdimensionen. Dabei ergänzten sich tiefgreifende seelische Heilung, ein umfassenderes Verständnis der eigenen Existenz und mystische Einsichten in wunderbarer Weise.

In hohem Maße beeindruckte mich in diesen Sitzungen, dass, im Unterschied zu meinem früheren Rollenverständnis, sich die Begleiter einfach viel mehr dem Prozess anvertrauten. Sie sorgten zwar einerseits für einen sicheren Rahmen, übernahmen eine steuernde oder schützende Funktion in der äußeren Realität, andererseits versuchten sie aber, den Erfahrungsverlauf nicht aktiv zu regulieren. Dadurch werden Freiräume für selbstregulative Prozesse geschaffen. Wenn man nämlich durch unterstützende Resonanz vorwiegend dem Geschehen seinen Lauf lässt und nicht durch eigene Prioritäten die Themen vorgibt, dann tauchen leichter jene Erfahrungen auf, die für die nächsten Schritte der Heilung oder Entwicklung relevant sind. Wir müssen unser eigenes Wollen in Bezug auf die Innere Weisheit zurückstellen. Das ist aber eine große Herausforderung für das Ego des Gruppenleiters, sich nicht mehr als Wirkursache zu begreifen, sondern in erster Linie als Assistent, der versucht, intelligent mit den Selbstheilungskräften zu kooperieren. Das, was zunächst wie ein kleiner Schritt aussieht, ist aber nicht so leicht zu verwirklichen. Es gelingt wohl nur jenen, denen die Kraft und die Gnade, die von der Inneren Weisheit ausgeht, am eigenen Leibe bewusst geworden ist. Erst wenn wir erkennen, dass alles, was wir brauchen, in uns selbst zu finden ist, kann diese hohe Kunst des Vertrauens entwickelt werden.

In diesem Zusammenhang wurde ich mit einer Situation konfrontiert, die für meine spätere Arbeit wegweisend war. Während einer Atemsitzung fiel eine Teilnehmerin in einen extremen Zustand. Sie zitterte über Stunden hinweg am ganzen Leib, stieß immer wieder furchtbare Schreie aus und wurde wie von Energiewellen geschüttelt. Gegen ein Uhr nachts, als die anderen Gruppenmitglieder längst den Gruppenraum verlassen hatten und ich alleine mit Stan Grof noch neben ihr saß, verebbten allmählich die Bewegungen, es entspannte sich ihr Körper mehr und mehr und plötzlich kehrte tiefer Frieden ein. Stan brachte ihr eine Tasse Tee. Sie trank, lächelte und sagte: »Danke, dass ihr bei mir geblieben seid. Ich bin glücklich und voller Liebe!«

Als wir am nächsten Tag über Heilmechanismen diskutierten, zog er auf dem Hintergrund dieser Wandlungserfahrung folgenden Schluss: »Beim holotropen Atmen geht es darum, dass wir dem inneren Prozess – der Inneren Weisheit – vertrauen und nicht mit unseren Konzepten behindern.« Welche Herausforderung für einen gründlich ausgebildeten Psychotherapeuten. Nach dem nächtlichen Erlebnis verstand ich, was er damit meinte. Für mich war nun endgültig der Weg geebnet.

So kündigte ich auch meine Stelle als Krankenhausleiter, um die außergewöhnlichen Erfahrungen, die mir im Holotropen Atmen zuteilwurden, in die traditionelle Psychotherapie und akademische Psychologie hineinzutragen. In den letzten 25 Jahren durfte ich viele Menschen in veränderte Bewusstseinszustände begleiten und einige Hundert TherapeutInnen in dieser Methode ausbilden. In meinem Buch »Dimensionen der menschlichen Seele« habe ich die Konzepte, praktische Durchführung und Erfahrungsdimensionen des Holotropen Atmens ausführlich dargelegt.

 

Gott sei Dank habe ich damals Ja gesagt!

Nun zu meiner zweiten Erfahrung: Durch Stan Grofs Anregung kam ich auch zu Gurumayi, einer geistigen Lehrmeisterin des Siddha Yoga, und entschied mich für diesen spirituellen Weg, der meine innere Entwicklung noch weiter vertiefte. 1990 besuchte ich einen Intensivkurs in einem Ashram in Indien. Plötzlich, während einer tiefen Meditationssitzung, tauchte in meinem Inneren ein Buch auf, auf dessen Umschlag eine blau eingefärbte Landschaft zu sehen war. Sechs Jahre später begann ich meine Arbeiten an »Dimensionen der menschlichen Seele«, die ich im Sommer 2001 abschloss. Da ich mit diesem Werk eine umfassende Darstellung der Transpersonalen Psychologie und des Holotropen Atmens vorlegen wollte, der auch in traditionellen Psychotherapeutenkreisen akzeptiert werden konnte, wurde das Buch immer umfangreicher.

Danach war ich geistig und körperlich so erschöpft, dass ich das Manuskript abgab und alles andere dem Verlag überließ. Als ich dann das frisch gedruckte Buch zum ersten Mal in Händen hielt, durchfuhr mich ein innerer Schauer und ich war plötzlich ganz aufgeregt, denn der Einband war mit dem Bild in der Meditation identisch. Mittlerweile ist mir klar, dass ich mich für etwas entschieden habe, was schon lange vorbereitet schien.

Das heißt aber nicht, dass ich an einen blinden Determinismus glaube. Es braucht zur Manifestation von Visionen und Möglichkeiten unsere Einwilligung, unseren Willen und unsere Hingabe. Gurumayi (1996, S. 45) bringt es auf den Punkt: »Immer wieder zeigt sich ganz klar, dass Gnade im Bemühen liegt. Wenn du dich nicht bemühst, hast du nicht einmal die Kraft, Gnade anzunehmen. Wenn du möchtest, dass dir ohne deine Mitwirkung Gutes geschieht, dann sei auch bereit, dich wieder davon zu trennen, denn es wird nicht von Dauer sein.«

Die innere Weisheit kreiert immer wieder innovative Situationen, fördert Wachstumsprozesse und gibt uns hilfreiche Hinweise für die nächsten Schritte unserer Entwicklung. Um für die Botschaften, die dem All-Einen entspringen, empfänglicher zu werden, müssen wir erst innere Räume schaffen. Deshalb sind sich die nach Kulturtraditionen unterschiedlichen spirituellen Wege in folgendem Punkt einig: Wenn wir dem Größeren in uns auf die Spur kommen wollen, um zu erkennen, wer wir wirklich sind, ist es erforderlich, mehr und mehr die Innenwelt zu beruhigen. Für diesen Zweck ist die stille Meditation eine einfache und segensreiche Übung, die Millionen von Menschen praktizieren.

 

Meditation

Das Entscheidende in der Meditation ist, dass diese Zwischenräume mit der Zeit größer werden. Das ist aber nur möglich, wenn wir das, was sich in uns zeigt, nicht ergreifen oder dem weiter nachgehen, sondern einfach nur geschehen lassen. Wenn jemand zu meditieren beginnt, wird er in der Anfangszeit auf größere Schwierigkeiten stoßen. Das freischwebende Hineinhören in die Stille kann durch die erlebte Unstrukturiertheit zunächst zu erhöhten körperlichen Spannungen wie zu einem verstärkten Gedankenfluss führen. Gerade dann, wenn wir ruhig werden wollen, wird es zunächst lauter. Das ist normal, denn wenn wir innehalten, beginnen wir erst zu hören, wie viele Geräusche in uns sind. Es ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass die Sinne wach werden. Meditation führt generell zu mehr Sensibilität und Klarheit der Wahrnehmung.

Es kommt also darauf an, das, was uns 24 Stunden am Tage beschäftigt, weder zu kommentieren noch zu bewerten, sondern einfach sein zu lassen. Das ist gar nicht so einfach, denn wer bin ich dann eigentlich noch, wenn ich vieles, dem ich sonst Bedeutung beimesse, loslasse. Durch das Zurücktreten des identifizierenden Bewusstseins von der Position des Mitspielers auf die Position des Beobachters legt sich aber allmählich die Unruhe. Da unser Fokus dann nicht mehr auf etwas Bestimmtes gerichtet ist, kann unser Bewusstsein beweglicher, weiter und offener werden, für neue Horizonte der Wahrnehmung.

Der islamische Mystiker Rumi sagt: Hinter den Gedanken liegt ein Feld. Möchtest Du mich dort treffen? Er verweist auf das vom Vorstellen und Denken unberührte Sein, das sich durch Gewährenlassen entbirgt. Toshihiko Izutsu (1984, S. 32), ein Philosoph und Kenner des Zen Buddhismus, beschreibt dies als eine von begrenzenden Wahrnehmungsrastern befreite Realitätserfahrung, in der »…alle Dinge… vollständig frei sind. Sie sind füreinander offen, unendlich durchscheinend…« In diesem Zustand erleben wir vielleicht auch, dass sich die Mannigfaltigkeit des Existierens zu einem Rhythmus, zu einer Schwingung und zu einem Gleichklang fügt. Alles darf so sein, wie es ist, alles ist in Ordnung und wir fühlen uns am richtigen Platz, eingebettet in das Ganze, tief verbunden mit dem Leben und der Mitwelt.

Jeder von uns kennt solche Augenblicke des Glücks, in denen das Leben wie von selbst fließt. Wenn im unmittelbaren Gewahrsein alles so erscheinen kann, wie es ist, wird sich das Sein seiner Wesensnatur bewusst. Es ist nämlich das größere Ganze, eine Quelle von Inspiration, Heilung und Kraft, dem man zwischen den Gedanken, Empfindungen, Atemzügen und Herzschlägen begegnen kann. Sie ist immer da, immer nah, jederzeit zugänglich, aber nie aufdringlich, nur durch einen dünnen Schleier von uns getrennt.

Der Mensch ist also mehr als nur Persönlichkeit, Lebensgeschichte oder ein Ensemble von Rollen. Er ist getragen und durchdrungen von dem grenzenlosen Einen. Diese universale Dimension des Seins kann erfahrbar werden, wenn man innehält, etwas tiefer atmet, alles in die Stille hinein loslässt und einfach der Öffnung folgt. Sie offenbart sich wie ein klares, die Tiefen der Existenz durchdringendes Licht.

Halte inne und höre, was aus der Stille Deines Wesens kommt, das ist die Botschaft vieler spiritueller Lehrer, denn der Mensch kann trotz der fundamentalen Erfahrung seines »Geworfenseins«, trotz der unberechenbaren Wirren des Schicksals stets auf etwas vertrauen, das ihn trägt: sein Innerstes!

 

Zum Abschluss eine kleine praktische Übung:

Ich bitte Sie, eine aufrechte und entspannte Haltung einzunehmen, die Augen zufallen zu lassen und die Hände auf den Bauch zu legen. Jetzt richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nur auf Ihren Atem. Ich atme ein und ich atme aus. Jedem Einatmen folgt ein Ausatmen und jedem Ausatmen ein Einatmen. Dann spüren Sie ganz bewusst den Übergang oder vielleicht diesen winzigen Raum, der zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen liegt. In einem zweiten Schritt beobachten wir die Gedanken. Zunächst einfach nur registrieren, wie jeder Gedanke aufsteigt und wieder absteigt, kommt und geht. Und vielleicht können Sie auch wieder feststellen, wie zwischen Aufsteigen und Absteigen der Gedanken sich ein Übergang bildet, vielleicht sogar eine kleine Lücke oder ein Zwischenraum entsteht. Erlauben Sie sich, ein wenig in diesem Zwischenraum zu verweilen.

 

In meinem nächsten Beitrag möchte ich mich dem entscheidenden Unterschied zwischen zwei ungleichen Brüdern widmen: dem Ego und dem Selbst. Aktuelle Veranstaltungen von mir finden Sie übrigens hier auf meiner Webseite. Ich freue mich auf Sie!

 

Bild: Unsplash

Written by Sylvester Walch

Dr. Sylvester Walch ist Ausbilder für Transpersonale Psychotherapie. Er entwickelte einen kulturübergreifenden spirituellen Weg, in dem seelische Heilung und geistige Praxis verbunden werden.

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