Man guckt immer nur nach Calais, wenn da gerade etwas brennt. Wieder ist einer überfahren worden. Und wieder ist einer im Frachtraum eines LKW erstickt. Alle wollen Neuigkeiten von dort. Leser und Zuschauer wollen sich an irgendetwas ergötzen. Daran, dass es sich um Menschen handelt, denkt kaum noch jemand. Jeder einzelne Flüchtling hat eine Geschichte. Eine Persönlichkeit. Alle, die ich getroffen habe, besitzen ein Herz und zwei Nieren, wirklich. Warum zeigt man nicht die Gründe, aus denen sie hier sind? Warum bindet man sie nicht in diese neue und moderne Berichterstattung ein?

Das habe ich eben eine befreundete Fernsehredakteurin gefragt, als sie mich gebeten hat, einen ihrer Kollegen nach Calais zu begleiten. Sie brauchen einen Fixer. Ein Fixer ist der Typ, der die Protagonisten und Stories ranholt. Immer häufiger wird berichtet, dass es im Dschungel von Calais zu Fällen von Prostitution, Sextourismus und Drogenhandel kommt. Das habe im letzten Jahr auch mitbekommen. Doch das Ganze bekommt jetzt eine neue Qualität. Es sollen Minderjährige dabei sein. Davon muss ich mir ein Bild machen.

Die fremde Redaktion zahlt Anfahrt und Unterkunft. Ich übersetze und knüpfe Kontakte. Damit kann ich leben. Jeder Reporter soll das berichten, was er verantworten kann. Ich mische mich in diese Sachen nicht mehr ein. Vielleicht kann ich noch ein paar Spenden mitnehmen. So mache ich bei Facebook einen Spendenaufruf, in dem ich anbiete, Smartphones, Zigaretten, Schuhe oder Geld nach Calais mitzunehmen.

Einige meiner Freunde haben sich gemeldet und etwas gegeben. Ein Sportlehrer brachte gleich 5 Säcke mit Sachen, die gebraucht werden. Manche geben Geld.

Aber einer hatte eine besondere Idee. Ein Versicherungsmakler, Matthäus Aniol aus Osnabrück, kontaktiert mich, um mir anzubieten, die Spritkosten zu bezahlen. Ich habe aber kein Auto. Also bietet er mir sein Auto gleich mit an. Er fahre eh zu der Zeit, in der ich in Calais bin, in den Urlaub. Ich willige sofort ein. Dazu muss ich nur noch irgendwie nach Osnabrück kommen, um dort das Auto abzuholen.

Der hat erst 200 Kilometer auf der Uhr. Fahr vorsichtig!
(Matthäus Aniol, Versicherungsmakler)

Vor Matthäus‘ Versicherungsbüro angekommen traue ich meinen Augen nicht. Er stellt mir seinen weißen Audi A5 zu Verfügung. Mit dem Neuwagen fahre ich gerade die letzten 30 Kilometer an der nordfranzösischen Küste hoch, als ich auf der Autobahn drei junge Afrikaner laufen sehen. Ich habe drei Plätze frei. Wir haben das gleiche Ziel, den Dschungel. Es wäre eine Sünde, wenn ich an ihnen vorbeifahren würde.

Die verlorene Unschuld des Dschungels | seinsart

Im Auto lerne ich Youssef, Ali und Mahmoud kennen. Alle drei aus dem Sudan. Zusammen über Italien nach Frankreich gekommen. Zusammen werden sie ihr Schicksal vor oder hinter dem Tunnel suchen.

Vor dem Dschungel angekommen, treffe ich auf fünf Volontäre von Clean Jungle. Die kenne ich noch vom letzten Mal. Eigentlich ist alles gleich. Nur während wir uns dort unter der Brücke vor dem Dschungel austauschen, stelle ich fest, dass dieses weiße Auto hier nicht hinpasst. Abgesehen davon, dass unmittelbar vor meiner Ankunft vor dem Dschungel ein silberner Kleinwagen aufgebrochen wurde und seine Alarmanlage noch immer hinaus aufs Meer heult.

Die Zäune haben sich verdoppelt. Die Autobahn ist nun ganz dicht. Sie haben alles umzäunt. Alles! Man muss nun weiter in Richtung Belgien gehen. Ungefähr ein Kilometer ist die Autobahn zur Fähre komplett in weißen Eisenzaun gehüllt. Und dieser mit Natodraht und Kleiderfetzen.

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Die Engländer haben zudem noch eine 1km lange Mauer in Auftrag gegeben. Das ist so ziemlich das Sinnfreieste, das ich mitbekommen habe, seit ich hierher reise.

Was soll diese alberne Mauer bringen? Wir steigen dann halt einen Kilometer weiter in die LKW.  (Salomon, Eritreer)

Als ich mit meinem weißen Auto durch die Absperrungen fahren möchte, kommen Beamte der Gendarmerie direkt an meinen Wagen. Mit Hand an der Waffe. Ernste Miene. Kein Spaß mehr. Mit erhobenen Händen steige ich aus dem Auto und weise mich aus. Was ne Begrüßung.

Die Redaktion, mit der ich hier ab morgen arbeiten werde, hat mir ein Zimmer gebucht. Da fahre ich jetzt erstmal hin und erhole mich ein wenig von der Fahrt. Das Auto hat gar keinen Nutzen mehr in Calais. Ich kann es nicht mit zum Dschungel nehmen. Es wäre nicht fair, wenn ich damit in eine Steinewerferei oder Demo geraten würde. Also mache ich den „Taxiservice“.

Vom Calaiser LIDL-Markt bis zum Dschungel sind es ca. 5 Kilometer. Diese Strecke fahre ich nun Flüchtlinge hin und her zum Dschungel. Die Jungs nehmen dankend an. Es ist aber nicht mehr so wie im Vorjahr. Kaum Frauen auf der Straße. Viele Minderjährige bewegen sich auf den Straßen. Bevor wir uns trennen, machen wir noch ein Selfie.

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Im Dschungel treffe ich Jack, der die Schule gebaut hat. Es gibt inzwischen 5 oder 6 Schulen. Und Jack wird international eingeladen, wenn es einen Kongress oder eine Konferenz irgendwo in Europa gibt. Dafür hat er eine Aufenthaltserlaubnis für 6 Monate bekommen, erzählt er stolz und leicht befreit.

Ein Lehrer aus dem Camp erklärt sich bereit, vor der Kamera über Prostitution in und um das Camp herum zu sprechen. Das sind schon zwei Protagonisten für morgen.

Die verlorene Unschuld des Dschungels | seinsartAm nächsten Morgen treffe ich Rick und Martin vor dem Hotel. Rick kenne ich aus dem Fernsehen. Den wollte ich schon immer mal kennenlernen. Ein lustiger Mann – aber auch sehr professionell. Die beiden wirken recht misstrauisch. Immerhin wissen sie nicht, ob ich Erfolg mit den Protagonisten hatte. Vor Ort stelle ich ihnen ein paar der Einwohner und Jack vor. Wir fangen gleich an zu drehen. Einer der Jungs besorgt uns sogar für einen Fünfer Haschisch.

Heute sind die Fernsehreporter sehr wichtig. Es kommen europäische Frauen hierher, um mit den Flüchtlingen zu trinken und sich dann hinterher in einem der Zelte oder Hütten von mindestens einem der jungen Männer ficken zu lassen. Damit kann ich umgehen. Aber was ist mit denen, die hierher kommen, um sich das für Geld zu nehmen? Damit könnte ich nicht leben. Deswegen bin ich den Jungs vom Fernsehen dankbar, dass sie es aufdecken.

Rick lässt nicht locker. Er will unbedingt eine gute Story finden. Ich begleite ihn. Als wir einen Protagonisten für die Kamera haben, bemerkt Rick, dass sein Handy weg ist. Die Jungs haben es ihm geklaut. Es muss ein sehr geschickter Taschendieb gewesen sein. Ich habe die ganze Zeit ein Auge auf Rick und seinen Begleiter gehabt.

Rick bietet im Camp an, das Handy für 200 Euro wieder zu kaufen. Die Jungs versprechen, sich umzuhören und sich zu melden. Nachts um 1:00 Uhr meldet sich jemand auf meinem Handy. Er habe das Telefon gefunden. Ein ägyptischer Taschendieb hat es. Will die 200 Euro vorab. Gutes Geschäft. Aber nicht für Rick. Er muss nun sein eigenes Handy wieder kaufen.

Am nächsten Morgen fahre ich wieder zum Dschungel. Es ist kalt. Mein Freund Amin aus dem Sudan hat mir erzählt, dass er es fast unter einem LKW durch den Tunnel geschafft hat. Ein Schäferhund hat ihn nach 17 Stunden Wartezeit in der Kälte rausgeholt. Er will es nun mit Menschenschmugglern probieren. Das gehe ab 2.000 Euro los. Sicher sei man aber erst, wenn man 10.000 zahlen könne. Dann bekomme man von den Schleusern eine Garantie. Andere Flüchtlinge würden dafür mit Drogen handeln oder sich prostituieren, aber Amin will keine Probleme bekommen. Er will einfach nur ein lebenswertes Leben. Er hat zum Beispiel ein Jahr lang keine Pizza gegessen. Neulich wollte er sich eine gönnen. Da hat man ihn nichts ins Restaurant gelassen. Eigentlich ist das ja nicht neu. Aber der Angestellte der Pizzeria war farbig. Das war selbst für Amin, der nun seit 15 Monaten im Dschungel lebt, neu.

Die französischen Nachbarn haben sich zu den Zäunen jetzt noch mehr einfallen lassen. Der eine deutet seinen Nachbarn über ein Schild an, dass er Fallen versteckt habe und man besser nicht reinkommen soll. Ein anderer hat sich ein Schild besorgt, auf dem ein Mensch vor einem bissigen Hund flieht. Nur das mit der richtigen Hautfarbe hat er nicht ganz hinbekommen. Wer weiß, wie man dies verstehen soll.

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Vorne an der der Moschee treffe ich Rahim aus dem Sudan. Er hat es über die Golanhöhen zu Fuß nach Israel geschafft. Krasser Typ. Ich glaube, ihm ist nicht bewusst, dass es lebensgefährlich war, was er tat. Er habe auch einen Pass bekommen. Dies sei aber nicht der Pass, den er sich erhofft hatte (s. Bild). Nun will er nach England. Da bekomme er Asyl. Angst habe er keine, sagt er, als ich ihn frage, ob er denn wisse, dass in der letzten Woche schon wieder ein Mensch bei den LKWs umgekommen sei. Ein 14-jähriger Afghane hat es nicht geschafft und damit mit dem Leben bezahlt.

In Gedanken an die Toten fahre ich zum Friedhof, um ein Gebet für die dort liegenden Seelen zu sprechen. Die hölzernen Tafeln vom letzten Jahr sind verkommen. Die letztes Jahr vorsorglich angelegten Gräber in den hinteren Reihen sind nun alle belegt. Und hinter ihnen sind wieder neue numerierte Gruben bereit, um frische Körper in sich aufzunehmen. 2016 haben hier bereits 18 Menschen ihr Leben gelassen. Unter ihnen war auch ein siebzehnjähriges Mädchen. Sie fiel von einem LKW und wurde vom nächsten überrollt.

Die verlorene Unschuld des Dschungels | seinsart

Das erzählen mir die anderen Flüchtlinge so, als wäre es normal. Im Dschungel ist es normal, dass man auf diesem Weg sein Leben verliert. Hollande war heute in Calais. Er hat nicht viel geredet. Und schon gar nicht von den Toten. Er hat nur schnell versprochen, dass der Dschungel in diesem Jahr noch geräumt wird. Mein Freund Cedric hat mir gesteckt, dass man das Areal, worauf der Dschungel entstanden ist, zu einem Luxushafen umbauen lassen wolle. Dies sei schon beschlossene Sache, obwohl es sich um ein Naturschutzgebiet handelt.

Der Dschungel hat sich geändert. Seine Seele hat ihn verlassen. Die gute Seele zumindest, die ist nun weg. Die Menschen bewegen sich zwischen den Zelten wie Gespenster. Niemand lacht einen anderen an. Autos dürfen nur noch mit Genehmigung der städtischen Kommune hier hineinfahren. Wo früher zehn Zelte standen, stehen jetzt 30 bis 40 Zelte dicht aneinander gereiht. Eingepfercht kann man die Menschen viel einfacher unter Kontrolle halten.

Manchmal siegt die Ungeduld der Flüchtlinge gegenüber ihrer Vernunft. Dann gibt es Streit mit den Gendarmen, die mittlerweile von der umzäunten Autobahn bis zum komplett geräumten Eingang zum Dschungel ihren Dienst versehen. Die reden auch nicht mehr. Mit niemandem. Wenn es so weit ist, dann schießen sie handballgroße Gaskartuschen ins Camp. Egal, wen sie treffen. Immerhin treffen sie. Mann, Frau, Kind. Egal.

Die Flammen kennen kein Gut oder Böse. Sie fragen auch nicht, ob jemand in dem Zelt ist, welches sie gleich niederfressen werden.

Wenn man an einem Ort zusammen gelacht hat, dann sollte man dort nicht fern bleiben, wenn dort geweint wird.

Nach dem 15. Oktober rollen die Bulldozer an. Der Dschungel soll ausgelöscht werden. Ich werde dabei sein. Das bin ich den Menschen hier schuldig.

Die verlorene Unschuld des Dschungels | seinsart

 

Bilder: Hammed Khamis

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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