Weihnachten steht vor der Tür. Lange vor der Erfindung der Black Fridays (die theoretisch zu Thanksgiving stattfinden, aber de facto als Kick-off zur Geschenke-Saison Verwendung finden), Adventskalendern von Amazon oder Schnäppchen Countdowns jeder Art galt dieses Fest bereits als Synonym für Geschenke, Ferien und Fressorgien. Das Bild der weißen Weihnacht ist dank dem Klimawandel eher eine romantische Erinnerung aus vergangenen Tagen; was aber bleibt von der eigentlichen Tradition?

Während nach wie vor ein Teil der Deutschen in die Kirche geht und die Geburt von Jesus Christus feiert, ist Weihnachten doch längst zu einem Fest der Familie geworden. In Zeiten, in denen Teile von ihr berufs- oder liebesbedingt auf der ganzen Welt verstreut sind, ist der 24. Dezember der klassische Termin der Zusammenkunft. Die bereits im Artikel zur Familie erwähnte Werbung der Supermarktkette EDEKA ist nur eine der aktuellsten Referenzen zu diesem Thema. Der Gedanke der Familienvereinigung als das Normale, Wünschenswerte und vor allem das Richtige liegt wie selbstverständlich über dem Video und steht stellvertretend für die allgemeingültige Definition einer gelungenen Weihnacht.

Nächstenliebe sollte sich allerdings nicht nur auf den engen Kreis der Verwandtschaft beschränken; eine aktuelle Umfrage der GfK zeigt, dass die Deutschen mehr in Spenden an Hilfsbedürftige investieren möchten. Das Schöne daran: Sie tun es auch. In Monaten, in denen Flüchtlingsskandale besonders weite Mediendeckung erreichten, stieg die Spendenquote um bis zu 40% an. Und dies besonders bei der Altersgruppe um die 30 Jahre –  ausgerechnet in jener Generation also, der wir letzte Woche einen eigenen Artikel widmeten. Zumindest im Moment ist der Kritik an der anteilslosen und konsumorientierten Generation Y so der Wind aus den Segeln genommen.

Trotz aller Probleme, mit denen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel dank ihrer liberalen Flüchtlingspolitik derzeit konfrontiert sieht: Der weihnachtliche Gedanke der Hilfe und der guten Intention, der das ganze Jahr erhalten bleiben sollte, führt in der Bevölkerung zu einer weiteren Steigerung der Hilfsbereitschaft, allen Pegida-Versuchungen zum Trotz.

Eine Spende, mehrere Intentionen

Wie viel von alledem einzig dem medialen Rummel zugeschrieben werden kann, ist fraglich. Dass die steigende Spendenbereitschaft durch Nachrichten über Gewalttaten in Syrien und dem Irak beeinflusst worden ist, ist statistisch erwiesen. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass ein direkter Bezug zur Lage und Betroffenheit, wie er durch die Anwesenheit der Flüchtlinge in Deutschland gegeben ist, die Spendenfreudigkeit sicher erhöht hat. Immer wieder wird auch darüber berichtet, dass viele Sachspenden mit dem Wunsch verbunden sind, endlich ein neues Produkt zu kaufen. Sollte dem wirklich so sein: Sind sie darum weniger wert?

Inwiefern eigene Interessen – wie die Erleichterung des Gewissens, der Raum für neue Anschaffungen oder eventuelle politische Eigeninteressen – das Ansehen dieser Taten schmälern, bleibt der Meinung jedes Einzelnen überlassen. Der Flüchtling hat nun einen Pullover, auch wenn er aus zweiter Hand ist – und findet zumindest vorläufig Unterschlupf in einem anderen Land, welches kein Kriegsgebiet ist. Er wird sich recht wenig darum kümmern, ob hierfür ein weiteres Kleidungsstück gekauft worden ist oder neue Wähler gewonnen werden sollen.

Ein schlichtes, aber zielführendes Motto lautet: „Jeder tut, was er kann“. Ich selbst kaufe jeden Samstag zusätzliche Lebensmittel für den obdachlosen Herrn, der am Supermarkteingang sitzt: Es verschafft ihm vielleicht kein neues Zuhause, aber es ist meine Art und Weise, ihm kontinuierlich unter die Arme zu greifen. Klar, ich fühle mich dadurch etwas besser, und klar mache ich es, weil er physisch vor meinem Supermarkt sitzt und ich ihn sehe; aber jeden Samstag, wenn wir uns treffen und auf diese Art und Weise das Frühstück teilen, kann ich sehen, dass die Freude in seinen Augen aufrichtig ist und diese theoretischen Gedankenspiele alle egal sind.

Weniger Freude sehe ich bei dem Wal, den ich adoptiert habe – der Schutzorganisation, die dies symbolisch anbietet, wird meine Spende dennoch weiterhelfen. Die Unterstützung von Tierorganisationen ist gerade um Weihnachten herum nicht zu unterschätzen – wenn mal wieder schnuckelige Welpen geschenkt und dann doch nicht mit dem Berufsleben und dem Alltag vereinbar sind. Denn nicht wenige Tiere werden einfach wieder ausgesetzt.

Helfen kann man bei PETA auch mit eigennützigem Hintergedanken: Jede verkaufte Geschenkkarte hilft. Und putzige Babykatzen auf einer Karte sind manchmal besser als das lebendige Original, dem man nicht gerecht werden kann. Ein Tier wird es Ihnen im Stillen danken.

„Make someone happy“ zierte 2014 der Weihnachtsslogan von Coca Cola deren Werbespots. Gerade die Marke, die aus Kommerzgründen das Fest der Liebe so stark geprägt hat wie keine andere, hat hiermit einen erstaunlich selbstlosen und schönen Ansatz für ihre Winterwerbung gefunden. Während die Diskussionen, inwiefern das heutige Bild des Weihnachtsmannes (der dicke Mann in Rot mit weißem Bart) tatsächlich auf die Imageprägung des Konzerns durch Zeichnungen von Haddon Sundblom zurückgeht, noch lebhaft im Internet behandelt wird, sollte vielleicht mehr Fokus auf die Botschaft gelegt werden. So kitschig, klischeehaft und gesteigertem Absatz zuliebe sie auch formuliert sein mag: Coca Cola illustriert liebevoll diese an sich unschuldigen, positiven Werte und vermag es, Leute dafür zu begeistern und selbst zu teilen. Die Kennzeichnung #MakeSomeoneHappy ist in gewissem Sinne der der #100HappyDays sehr ähnlich.

Halbzeit Happyness

Um somit zurück zu den 100 Tagen zu kommen – die Leiter der Aktion waren nicht untätig; sie haben gerade eben per Mail den Aufruf gesendet, sich als Botschafter zu melden. Was man da machen muss – dies gilt es selber zu bestimmen. Statt Vorlagen zu liefern, gibt es Fragen. Was ist so ein Botschafter für Dich persönlich, was ist für Dich Glück, was möchtest Du vertreten und wie wäre das perfekte Programm dazu?

Eine kluge Idee: Statt Leute mit etwas Großem zu überfallen und binden zu wollen, wird die Reflektion zur Sache verlangt, bis man (im Idealfalle) selbst den Drang und die Motivation zur Teilnahme spürt. Unter eben jenen individuellen Bedingungen, die man erfüllen kann und will. Würde ich mich beispielsweise schriftlich verpflichten, jeden Samstag Essen zu spenden? Was ist im Falle von Urlaub… oder generell bei Abwesenheit? Oder Umzug: Ich würde wohl auch den Supermarkt wechseln…  Müsste ich dann zurückkommen, um meine Pflicht zu erfüllen? Würde ich dann nicht lieber eine einmalige Spende bevorzugen, statt mich längerfristig zu binden? Heutzutage weiß man häufig nicht, was morgen sein kann.

Ich habe die Herausforderung als Botschafter bereits unwissentlich angenommen – vor 50 Tagen. Ich habe mich verpflichtet, 100 Tage lang an Glück zu denken und in diesem Sinne die Plattform des seinsart Magazins zu nutzen, um auch andere Leute daran zu erinnern, dass sie das gelegentlich auch tun sollten. Wenn ich also täglich Fotos mache, die vielleicht aufgrund ihrer bescheidenen künstlerischen Qualität und der teils unspektakulären Ereignisse mehr oder weniger wahrgenommen werden, so gibt es jeden Montag in schriftlicher Form einen Gentle Reminder für alle, die gerne die Zusammenfassung der letzten Aktionswoche lesen; das Resümee all dessen, was in den vergangenen sieben Tagen angefallen ist und Themen freigelegt hat, die meiner Meinung nach angesprochen werden sollten. Streng subjektiv und meist ohne Antworten.

Was zufriedenstellend beantwortet werden kann, kann auch leichter zur Seite gelegt werden.

An dieser Stelle möchte ich auf einen Mitarbeiter wider Willen hinweisen. Eine kleine Anekdote zum Schluss: Meine Mutter ist eine sparsame Person. Sie spart, damit sie ihrer Familie das beste Essen kaufen oder kleine Freuden machen kann. Sie trägt seit mindestens fünf Jahren dieselben Turnschuhe. Der Tag, an welchem sie sich endlich ein neues Paar gönnen wollte, sah sie einen Mann in Sandalen auf der Straße – im November. Sie ist dann Sportschuhe kaufen gegangen; für Herren. Und Socken dazu.

Das war für mich ein sehr bewegender und bewundernswerter Moment, der mich daran erinnert hat, wie man miteinander umgehen sollte. Eigentlich sollte ich sie als Botschafterin nominieren; nicht nur für die Happy Days, sondern auf höherer Ebene. Als Vorbild für alle, die etwas beitragen wollen. Ich weiß nur nicht, wo genau ich das tun kann – daher schenke ich erst einmal ein Paar Turnschuhe. Merry Christmas.

 

Bild: gwendoline63

 

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Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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