Marokko – abseits des Massentourismus in Agadir oder Marrakesch verbringen viele Marokkaner und auch Europäer ihre freien Tage bei herrlichem Sonnenwetter in Essaouira am Atlantik. Jedes Jahr kurz vor Beginn des Sommers erwacht dieser Ort – ca. 175 km nördlich von Agadir – für vier Tage aus seiner Beschaulichkeit und wird Schauplatz eines spirituellen Events besonderer Art. Das internationale Gnaoua-Festival mit Musikern aus unterschiedlichen Ländern des afrikanischen Kontinents und auch international bekannten Künstlern zieht hunderttausende Musikliebhaber aus aller Welt in seinen Bann. Der ins Blut gehende Rhythmus der Musik überträgt sich auf jeden Zuhörer und verwandelt Essaouira in dieser Zeit in einen magischen Ort voller Energie.

Es ist Mitte Mai 2015. Die Sonne brennt vom Himmel und scheint in die hintersten Winkel der kleinen Medina mit ihren engen Gassen, verwitterten Häusern mit blauen Türen und vielen Torbögen. Zahlreiche Läden, Restaurants, Cafés und Straßenhändler locken ihre Gäste. Die jedoch sind nicht nur gekommen, um die Schönheit des Ortes zu genießen, sich treiben zu lassen oder einzukaufen, sondern um Teil eines besonderen musikalischen Erlebnisses zu werden.

Es ist das internationale Gnaoua-Musikfestival, bei dem sich afrikanische und internationale Musiker einmal im Jahr in Essaouira treffen, um hier an vier Tagen gemeinsam Musik zu spielen, denn die Gnaoua-Musik hat in Marokko lange Tradition. Aus den Gebieten südlich der Sahara wurden im 16. Jahrhundert unzählige Menschen verschleppt und als Sklaven verkauft. Essaouira, damals noch Mogador genannt, war zu diesem Zeitpunkt ein Ort des Sklavenhandels. Wo die heutigen Nachfahren der aus Mali, Niger oder aus Ghana stammenden Sklaven genau herkommen, lässt sich nicht mehr feststellen. Sie alle sind zum Islam konvertiert, haben Teile ihrer ursprünglichen Religionen mit den mystischen Aspekten des Islam vermischt und die Gnaoua-Bruderschaft gegründet, welche Züge des Sufismus trägt, dessen oberstes Ziel es ist, Gott so nahe wie möglich zu kommen und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen. Mit ihrer Musik, die heute untrennbar mit der marokkanischen Kultur verbunden ist, huldigen sie ihrer Kultur und gedenken an diesem Ort ihrer gemeinsamen Vergangenheit.

Das Festival jährt sich 2016 zum 19. Mal und lockt jedes Jahr mehr Menschen aus aller Welt an. Sie alle sind gekommen, um generations- und religionsübergreifend jene magischen Momente mitzuerleben, die entstehen können, wenn leidenschaftliche Musiker Kreativität, Können und unterschiedliche musikalische Einfüsse miteinander verbinden. Junge und alte Marokkaner, verschleierte und westlich gekleidete Frauen, Kinder und unzählige Gäste aus vielen Ländern verbringen gemeinsam vier erlebnisreiche Tage an diesem Ort, der schon viele Menschen in seinen Bann gezogen und Musiker wie Jimi Hendrix, Bob Marley und die Rolling Stones inspiriert hat. Alle zusammen scheinen die Botschaft in die Welt hinauszutragen, dass beides möglich ist: den Islam im Alltag zu leben und durch kulturellen Austausch ein Tor zur Welt zu sein.

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Orientalische Gelassenheit und Möwengeschrei

Essaouira, sein Hafen und seine Altstadt verzaubern die Menschen sofort. Nicht grundlos wurde die Medina 2001 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Sie hat neben der historischen Bedeutung einen Charme, der unbedingt erhalten werden muss. Das Städtchen ist gelassen, leicht und voll orientalischer Lebensfreude. Die Altstadt zieht jeden in einen Sog aus Händlern, Bettlern, verhüllten Frauen und Touristen, um alsbald hier von einem der vielen Händler auf charmante und sehr erfindungsreiche Weise in ein kleines Gespräch über die Schönheit des Ortes und dann mit viel Geschick in ein Verkaufsgespräch verwickelt zu werden.

Ich flaniere durch die engen, oft verwinkelten Gassen, komme an jeder Ecke mit Menschen aus den verschiedensten Ländern ins Gespräch und entdecke immer wieder andere kunstvoll hergestellte Souvenirs. Es gibt originell gearbeitete Taschen, Schuhe, filigrane Schnitzarbeiten, wunderschöne Stoffe, ein Meer von Gewürzen und viele unterschiedliche Öle. Später gönne ich mir eine Pause am breiten, hellen Sandstrand, auf dem man neben Sonnenbaden, Schwimmen und Surfen auch mit Pferden und Dromedaren direkt am Atlantik entlangreiten kann. Es gibt so viel zu sehen, dass ich mich in einem der vielen Straßencafés bei einem Cafe nas nas (mit Milchschaum) oder dem inoffiziellen Nationalgetränk der Marokkaner, dem Atay benanaa (grüner Tee mit viel Zucker und frischer Minze) niederlasse und beobachte, wie die Festivalgäste und Einheimischen an mir vorbeiziehen und Straßenmusiker und Akrobaten sich und ihren Zuschauern die Zeit bis zum Abend vertreiben.

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Das Opening des Festivals

Das Festival beginnt am Nachmittag mit einem lautstarken, farbenfrohen Umzug der auftretenden Künstler und lokalen Gnaouagruppen in unterschiedlichen Trachten und Intrumenten durch die Altstadt. Unzählige Zuschauer säumen ihren Weg und tauchen bereits hier in die erwartungsvolle Stimmung des Eröffnungskonzertes am Abend ein. Wenn dann die Hitze des Tages nachlässt, die Sonne im Atlantik zu versinken scheint und die Stadt in goldenes Licht taucht, versammeln sich die Menschen auf dem großen Hauptplatz der Stadt, in mehreren kleineren Clubs und einer großen Open-air-Bühne direkt am Strand, und es beginnt ein musikalisches Feuerwerk vor einer gigantischen Kulisse: Der Atlantik liegt direkt vor ihnen, und die Kaianlagen des im 18. Jahrhundert errichteten Militärhafens geben der Stadt ein wehrhaftes Ambiente.

Während ich in Geräuschfetzen die Brandung des Atlantiks rauschen und die Möwen schreien höre, beginnt der Zauber dieses farbenfrohen, spannenden World Music Festivals. Die ganze Stadt ist ein quirliges Festivalgelände und Tausende bewegen sich zu den Rhythmen der afrikanischen Musik. Der treibende Rhythmus überträgt sich auch auf mich und jeden anderen Zuhörer und verwandelt den gelassenen Fischerort und seine Menschen in eine rauschende, musikalische Orgie. Essaouira hat etwas Magisches und wurde in nur wenigen Jahren zur marokkanischen Antwort auf Woodstock.

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Die Musik

Die rhythmusbetonte, traditionelle Musik der Gnaoua, einer ethnischen Minderheit der Subsahara Afrikas, hat außerhalb des Festivals eine therapeutische Funktion in nächtlichen, heilenden Tanzritualen (Lilas), mit denen durch die Musik böse Geister – sogannte Dschins – vertrieben oder andere herbeigerufen werden können. Durch die sich über lange Zeit immer wiederholenden Klänge der stilprägenden Instrumente dieser spirituellen Musik – Laute (Goumbri), Trommel (Tbal), metallene Kastagnetten (Karkabou) – sowie den Gesang, der die Größe Allahs preist und sehnsuchtsvolle Verse der verlorengegangenen Heimat birgt, kann sich der Zuhörer den Klängen nur schwer entziehen. Sie prägen den Sound der Gnaouamusik und sollen seine Zuhörer in Trance versetzen, so dass die Geisteswesen aus den Körpern entweichen können.

Mann und Frau

Gemeinsame musikalische Sessions verschiedener Künstler

Gnaouamusiker aus unterschiedlichen Teilen des Landes zu einem Festival an diesem geschichtsträchtigen Ort zusammenzuführen – das war ein großes Anliegen, erzählt mir seine Gründerin Neila Tazi. Obwohl die Gnaoua-Kultur auch heute in Marokko weit verbreitet ist, bedurfte es viel Überzeugungsarbeit, die Musiker zum gemeinsamen Spielen im Rahmen eines Festivals zu bewegen. Mit dem ersten großen Erfolg des Festivals vor 18 Jahren legten jedoch viele nationale Gnaouakünstler ihre Zweifel ab. Schnell interessierten sich auch Musiker aus anderen afrikanischen Ländern und internationale Musiker wie beispielsweise der Sänger Robert Plant von Led Zeppelin oder die Jazzlegende Tony Allen für dieses World Music Festival, so dass es in den folgenden Jahren zu einem Crossover unterschiedlicher Musikrichtungen kam. Gemeinsam spielen heute jedes Jahr andere international bekannte Künstler mit den Größen der Gnaouamusik und vermischen die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse des Jazz, des Reggaes, der brasilianischen Musik, des Blues, Folks oder Chansons in gemeinsamen Auftritten zu einem fulminaten Konzerterlebnis.

Die Organisatoren des Festivals planen jedes Jahr mit viel Fingerspitzengefühl, welche Künstler mit welchen unterschiedlichen musikalischen Wurzeln zusammenspielen könnten, um jene einzigartige Stimmung entstehen zu lassen. Auf dem Festival geben die eingeladenen Musiker zuerst eigene Konzerte – wie beispielsweise der algerische Schlagzeuger und Komponist Karim Ziad, der große, kürzlich verstorbene Gnaouakünstler Maâlem Mahmoud Guineas und andere Stars der Gnaouaszene, die französisch-marokkanische Sängerin Hindi Zahra (bekannt in Deutschland durch die Rolle der Rakel in dem Fatith-Akin-Film The Cut – Der stumme Schrei von 2014) oder der wundervoll Gitarre spielende Aziz Sahmaoui – die dann in mitreißenden, gemeinsam gespielten Sessions enden. Sie alle geben dem Festival eine nur schwer in Worte zu fassende Vielfalt.

Als das letzte Konzert des Festivals vorbei ist, stehen wir noch lange danach wie gebannt auf unseren Plätzen oder liegen uns nach dem gemeinsamen Tanzen mit zuvor fremden Menschen in den Armen. Alle fühlen die integrative Wirkung der Musik und können sich nicht von dieser magischen Stimmung trennen, die uns während des Festivals einte. Dann werden Adressen ausgetauscht und Pläne für das nächste Jahr geschmiedet. Ich weiß, auch 2016 bin ich wieder dabei. Zögern Sie nicht und kommen Sie mit. Vielleicht treffen wir uns ja?

Musiker mit LOGO

Festival Gnaoua et des musiques du Monde Essaouira
12.-15. Mai 2016
Weitere Informationen unter:
www.festival-gnaoua.net

 

Bilder: Astrid Winterfeld, FlorianJung (Ansicht Essaouira)

Written by Astrid Winterfeld

Astrid Winterfeld studierte Film- und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Ihr besonderes Interesse gilt Menschen, die sich in sozialen Projekten engagieren. Ihr Themenspektrum reicht von Künstlerporträts bis hin zu ganzheitlichen Lebensansätzen.

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