Nach der 11. Woche neigen sich die 100 Happy Days langsam dem Ende zu. Ein abschließendes Fazit sollte natürlich erst zum Abschluss gezogen werden. Schon jetzt steht aber fest, dass sich das Experiment auch auf das nähere Umfeld auswirkt; abgesehen davon, dass es Diskussionen und Reflexionen zum Thema Glück anstößt, regt es scheinbar auch zu mehr oder weniger langfristiger Auseinandersetzung mit dem eigenen Glücklichsein an. Von Ideen, welche Tageshighlights man zusammen kreieren kann, bis hin zu Empfehlungen von Artikel und Büchern rund um „Happiness“.

Der auffälligste Artikel, der diese Woche in meinem Mail-Postfach eingegangen ist, mag vielleicht ein wenig effekthascherisch sein, verfolgt aber einen interessanten Ansatz: Er trägt den aufbauenden Titel „18 Wege, wie man sein Glück zerstört“ – und genau darum geht es darin ausführlich. Wie man sich selbst ständig unglücklich macht, manchmal ohne es zu merken.

Ist der Umkehrschluss also: Wenn man lernt, sich nicht selbst andauernd unglücklich zu machen, ist man glücklich? Dies ist vermutlich zuviel verlangt, da man täglich externen Faktoren ausgesetzt ist, über die man keinerlei Kontrolle hat. Gleichzeitig besitzt der Gedanke einer gezielten Selbstmanipulation durchaus seinen Reiz.

Nicht jeder der 18 Punkte ist wirklich überaus erfahrungsreich oder spezifisch. Ohne mich mit den allgemeineren Hinweisen aufhalten zu wollen, möchte ich an dieser Stelle einige Gedankenansätze zitieren, die noch nicht ganz so abgedroschen sind.

 

3. You think you’ll be happy later, when you have reached that goal.

Nicht unbedingt neu, aber immer wieder beachtenswert ist die Illusion, man wäre später glücklicher, sobald man ein bestimmtes Ziel erreicht hat. Was logisch klingt, während man im Hamsterrad gefangen ist, sollte man im Gegenteil jeden Tag aufs Neue widerlegen. Das geht auch recht schnell; in der Schule wollte man nur die nächste Klausur bestehen – danach ist aber dennoch nicht alles besser geworden. Hauptsache das Studium oder die Ausbildung gut beenden… Aber hinterher wird dieses Ziel nur von einem neuen abgelöst – der Jobsuche. Und so weiter, und so fort. Sprich: Egal, welches Ziel man gerade verfolgt, es wird nur eines von vielen zukünftigen Zielen sein. Eventuell kann man ja sogar mal eines überspringen?

Anstatt sich von dieser Relativität von Zielen deprimieren zu lassen („All das hört ja dann tatsächlich nie auf!“), sollte man sich durch den Umkehrschluss vom Genuss einer gegenwärtigen Phase überzeugen lassen. Viele Leute haben sicherlich ihr Studium mehr genossen als die Schulzeit, sicher hat dem einen oder anderen ein Jobwechsel mehr Lebensqualität beschert etc. Das Erreichen eines Ziels kann also durchaus eine Wandlung zum Guten beinhalten – wenn man sich vorher aller Konsequenzen bewusst geworden ist.

 

11. You rationalize your bad behavior.

Oftmals ist man sich seiner Macken mehr bewusst als man sich eingestehen möchte. Nun gilt es, sich darüber klar zu werden: Was sind kleine, nette Macken, die die Persönlichkeit ausmachen und die man (ja, man muss den Mut haben, es sich einzugestehen) auch ganz gerne mag. Diese sollte man dann natürlich auch nicht ändern. Dies gilt natürlich nicht für diejenigen, die den eigenen Zielen im Wege stehen und so eine unangenehme Dissonanz zwischen Zielen und Realität schaffen. Soweit, so bekannt.

Der Ansatz, nicht mehr immer und überall über seine schlechte Angewohnheiten nachzudenken, ist sicher einen Versuch wert. Doch wie sorgt man dafür, nicht einerseits ständig unvorteilhafte Muster zu wiederholen und sich andererseits auch mit kleinen Fortschritten im Sinne einer Überwindung zufrieden zu geben? Der Punkt 14 beleuchtet das Problem, alles immer sofort lösen zu wollen. Schönerweise wird hier erwähnt: Wenn man alles heute schafft, was macht man dann morgen?

Hat man einmal seine Schwächen ausfindig gemacht, sollte man eventuell nur ein „Gegenprogramm“ zur selben Zeit entwickeln. Wer seine Zeit mit neuen, guten Angewohnheiten füllt, hat schlichtweg weniger Zeit für die alten. Wer immer nur essend auf dem Sofa vor dem Fernseher liegt (weil es draußen kalt ist und weil man sparen muss, beispielsweise) und dies nicht einfach von heute auf morgen lassen kann, muss sein Verhalten ja nicht gleich mit täglichem Extremsport ausmerzen –  ein Sprachkurs (kann es günstig in der Nähe geben), ein Indoorfahrrad (man muss nicht raus und kann zumindest die Fernsehroutine aufrechterhalten, die man gar vielleicht gar nicht ändern will) oder ein Kochkurs (damit wäre das leckere Essen gesichert) können auf verschiedenste Arten verschiedenste Fortschritte schaffen.

Sein Leben Stück für Stück zu korrigieren ist besser als nichts zu tun oder immer wieder zu große Schritte zu unternehmen und daran zu scheitern. Man sollte dem Gewissen Erleichterung schaffen – man arbeitet ja schließlich daran, sich zu verbessern.

 

15. You don’t practice gratitude.

Das Gegenprogramm zu diesem Gedanken entspricht ziemlich genau dem, was an dieser Stelle seit November 2015 geschieht. Sich jeden Tag die Mühe zu machen, etwas Positives zu finden, ist nicht einfach. Doch irgendetwas gibt es immer. Natürlich sollte man die Gabe besitzen, sich an den Dingen im näheren Umfeld zu erfreuen und dafür dankbar zu sein – aber denken Sie auch daran, einen Schritt weiterzugehen. Gerade an stressigen Tagen sollte man sich eventuell mal den Luxus gönnen, nach der Arbeit nicht direkt nach Hause zu fahren, sondern zu entdecken. Überlegen Sie, welchen Ort oder was Sie am liebsten mögen – und gehen Sie dorthin, um sich an dessen Schönheit zu erfreuen.

Sie lieben die Natur? Dann ab in den Park. Theater macht Sie glücklich? Warum nicht ausnutzen, wenn ein neues Stück aufgeführt wird in Ihrer Stadt? Das Ergebnis meines Selbstversuches sind diese Woche Kaffeetrinken in der Sonne (man kann Vorlieben für Kaffee + Sonne + Freizeit – auch wenn es in diesem Fall nur eine Stunde in der Mittagspause ist – nutzen, um all dies bewusst zu schätzen), Aperol am Donnerstagabend (warum vernünftig sein und immer aufs Wochenende warten? Man liebt die Vielzahl der Lokale der Stadt? Dann sollte man sie täglich erkunden!) oder StreetArt in Form von Dosenbotschaften.

 

„Choose to be optimistic. It feels better.“ (Dalai Lama)

Beim wiederholten Lesen vieler Artikel zum Thema „Glücklichsein“ bekommt man am Ende so viele Tipps und Gedankenansätze, die mal vollständig und manchmal so gar nicht auf einen zutreffen, dass man vor Einhalten und Beachten schon gar nicht mehr glücklich sein kann. Die Message all dieser Ratgeber lautet: Es ist harte Arbeit, glücklich so sein.

Oder auch nicht: Der Dalai Lama hat es mit oben genanntem Zitat ganz gut auf den Punkt gebracht. Glücklichsein als stressiges Pflichtprogramm entfällt schon dann, wenn man sich einfach entschlossen zeigt, das eigene Leben ein wenig leichter zu sehen und eine positive Stimmung zu kreieren. Das hilft im Zweifelsfall mehr als viel zu schlafen, sich von seinen Problemen abzulenken oder seine destruktiven Gedanken zu verdrängen; alles Elemente der oben zitierten 18 Punkte.

Heute beginnt eine neue Woche, in der ich vermutlich wenig von diesen Listen anwenden werde, weil ich eigentlich bereits weiß, was für mich funktioniert. Weniger analysieren, mehr leben und das Beste draus machen. Es wird sicher nicht alles angenehm, was in den nächsten sieben Tagen passiert. Aber man kann ja auch einfach damit aufhören, im Kampf gegen das Leben eine Opferrolle einzunehmen – das wäre ein Punkt auf einer Liste, die ich gerne befolgen würde…

 

Bild: Unsplash

 

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Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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