Wer ein leistungsstarkes Leben führen will, muss gesund sein. Deswegen sind wir um unsere körperliche Gesundheit auch höchst besorgt, vernachlässigen aber gleichermaßen unsere mentale Gesundheit. Im ersten Teil dieser Serie – Mehr Superfood für unser Hirn – hat sich Birgitta Wallmann mit diesem Paradoxon und deren Auswirkungen beschäftigt. In Teil 2 geht sie der Frage nach, ob die Menschen, die uns im Alltag begegnen, wirklich gesund für uns sind – oder vielleicht ein mentaler Albtraum, der nachhaltig negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat.

Der „Gesundheitsmarkt“ boomt wie nie zuvor, wobei das entscheidende Fundament nicht erwähnt wird: Unseren Körper überhaupt erstmal als das zu begreifen und wahrzunehmen, was er ist. Er ist weit mehr als nur eine äußere Fassade. Er ist unser Zuhause. Es ist das einzige lebenslange und einmalige Zuhause, das wir zur Verfügung gestellt bekommen, um leben zu können. Aber Gesundheit bedeutet nicht nur, seinen Körper zu optimieren, sondern auch, sich um seine Seele und seinen Geist zu kümmern und für ein stabiles inneres Gleichgewicht zu sorgen.

 

Zur Gesundheit gehört ein ruhiger Geist

Es gibt immer noch genügend Menschen, die ihren Körper und die damit verbundenen Bedürfnisse wie Bewegung und Ernährung zum Kult gemacht haben, weil sie ihre Gesundheit nach wie vor über einen gesunden, leistungsfähigen Körper definieren. Sorgfältig und mit hohem zeitlichem Aufwand surfen sie stundenlang durchs Internet, um die neuesten Ernährungstrends zu entdecken, gehen ins Fitnessstudio, rauchen nicht, streiten um die Impfpflicht und bestücken ihr Trinkwasser mit edlen Kristallen.

Das alles wäre an sich ja eine gute Sache, würden wir mit der gleichen Intensität auch für unsere mentale Gesundheit sorgen. Wir würden dann nämlich viel akribischer darauf achten, mit welchen Personen wir uns umgeben und viel öfter fragen: Wer tut mir gut und wer nicht? Es wäre uns viel wichtiger als die Tatsache, ob wir Körner in unser Müsli rühren oder in einen Apfel beißen, der nicht aus ökologischem Anbau stammt.

 

Energievampire sind wie Blutsauger in Blockbustern

Ob im Job, in der Familie oder im Freundeskreis: Wir erleben täglich, dass es Menschen gibt, die uns inspirieren, die uns gut tun und uns bereichern. In ihrer Nähe fühlen wir uns so wohl, dass wir Bäume ausreißen könnten. Aber wir kennen auch die unangenehmen Zeitgenossen, die jede Lebensfreude im Keim ersticken können und eine große Begabung darin an den Tag legen, uns zur schlechtesten Version unserer selbst machen. In ihrer Gegenwart wird man regelmäßig ärgerlich, depressiv oder zynisch und fühlt sich oft gekränkt oder verletzt. Egal welches Symptom gerade das Rennen macht: Diese Menschen kosten viel Kraft, weil sie sich kaum von den Blutsaugern in den Blockbustern unterscheiden. Sie benutzen zwar nicht ihre messerscharfen Zähne, dafür ziehen sie durch ihr Verhalten und ihre Äußerungen anderen ihre Lebensenergie ab.

Nichts kostet mehr Kraft und Lebensenergie als schlechte emotionale Beziehungen.  (Judith Orloff)

„Dauernörgler, Pessimisten, Narzissten und Menschen, die um jeden Preis im Mittelpunkt stehen wollen, sind Energievampire“, sagt Judith Orloff, amerikanische Psychiatrie-Dozentin an der UCLA-Universität in Los Angeles, Kalifornien. „Sie sind überall, und nach jeder Begegnung mit diesen Menschen fühlt man sich unwohl, erschöpft, gereizt und niedergeschlagen. Früher oder später kommt es zu den typischen Stresssymptomen wie Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Übelkeit oder depressive Verstimmungen.“ Häufen sich also die Begegnungen mit diesen Menschen, kann es dem Körpersystem wie jede andere Stresssituation auch gesundheitlichen Schaden zufügen. „Nichts kostet mehr Kraft und Lebensenergie als schlechte emotionale Beziehungen“, so Orloff.

Diese Energie steht uns selbst nicht mehr zur Verfügung und es passiert immer häufiger, dass wir unser Leben von morgens bis abends in einer Art körperlichen Generalmobilmachung verbringen, die unsere Vorfahren nur aus den Schlachten kannten.

 

Der Humanoptimierer ist nicht die Krönung der Schöpfung

Nun sollte man meinen, dass jeder Mensch, der im vollen Besitz seiner geistigen und seelischen Kräfte ist, eigentlich weiß, was und vor allem wer für ihn gut ist – und was er eigentlich tun müsste, um ein gesundes Leben zu führen. Dann wäre alles sehr einfach und er müsste nur mit seinen schlechten Gewohnheiten brechen. Aber genau das fällt ihm außerordentlich schwer.

Der Mensch ist rational beschränkt und nicht in der Lage, optimale Entscheidungen zu treffen. Stattdessen verlegt er sich auf die für ihn angemessene Alternative. Zum Glück! – mag manch einer denken, denn das Bild eines humanoptimierten Ungeheuers ist nicht gerade die Krönung der Schöpfung.

 

„Die Hölle, das sind die anderen“

Zugeben: Es ist auch nicht leicht, den unangenehmen Zeitgenossen zu entkommen. Ob am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis oder in der Familie: Wir sind oftmals gezwungen, unangenehme Personen zu ertragen und müssen sogar mit ihnen auskommen. Sei es die Freundin, die rücksichtslos die Aufmerksamkeit oder Hilfsbereitschaft anderer als gegeben hinnimmt, ohne Gleichwertiges zurückzugeben, der ewig jammernde Nachbar oder die Kollegin, die sich rücksichtslos über alles und jeden beklagt, ohne jedoch an Lösungen interessiert zu sein.

„Die Hölle, das sind die anderen“, sagte schon der kluge Philosoph Jean-Paul Sartre, und wir sind angesichts der vielen zwischenmenschlichen Zumutungen schnell geneigt, ihm zuzustimmen. Doch liegt es auch an uns selbst, ob wir anderen das Recht einräumen uns zu kränken, zu beleidigen, zu nerven oder einfach aus der Ruhe zu bringen.

Es ist wie beim göttlichen Ruhmeshandel. Zur profanen Version des emotionalen Vampir-Zirkus gehören immer zwei; jene, die in unsere Lebensarena treten und uns ständig aussaugen, und jene, die es zulassen und schlimmstenfalls noch beklatschen. Ob wir Menschen mit schädlichem Einfluss in unser Leben lassen oder lieber auf Distanz halten, ist letzten Endes unsere Entscheidung.

 

Emotionale Freiheit ist das neue Superfood

Diese emotionale Freiheit erreicht man natürlich nicht allein durch Erkenntnis und quasi per Fingerschnipp, sondern nur durch Bewusstheit, Übung und Erfahrung. Diese Qualität entsteht aus der Ruhe und Stille, aus Augenblicken, in denen sich der Mensch  besinnen und konzentrieren darf. Warum also nicht einfach mal die vertrauten Pfade verlassen, um sich ganz bewusst und so oft wie möglich mit positiven lebensfrohen Menschen zu umgeben? Menschen, in deren Gesellschaft wir uns wohl fühlen und die uns achten und wertschätzen. Durch den Austausch finden wir Kraft, Motivation und Freude am Leben. Das ist die beste „Superfood-Ernährung“, die wir für unseren Körper und Geist bekommen können!

 

Bild: darksouls1

 

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Written by Birgitta Wallmann

Birgitta Wallmann ist selbstständige Rechtsanwältin und Journalistin. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirschaftslehre in Mainz rief sie das Schreiben, weshalb sie sich bis 2014 an der Freien Journalistenschule Berlin ausbilden ließ.

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