Eine Zeit zu verstehen, in der man sich befindet, mag eine Mammutaufgabe sein. Es mag sein, dass man sich irrt, dass man aus mangelnder Distanz die großen Fäden nicht erkennt, die das zusammenhalten, was wir die Gegenwart nennen. Es mag sein, dass man vor der Wucht dieser Aufgabe zurückschreckt, um sie Historikern zu überlassen, irgendwann einmal, in einer fernen Zukunft.

Diese Sichtweise aber ist keine politische, ja nicht einmal eine menschliche, mag sie auch noch so verständlich erscheinen. Wie sollen, wie können wir akzeptieren, dass wir das, was noch zu beinflussen ist, nicht verstehen? Immer weniger Menschen reagieren auf die Informationsflut, die unsere Gewissheiten mit sich reißt, mit dem Rückzug ins Private. Längst hat sich der alte Spruch der Kommunarden, das Private sei das Politsche, bis an die digitalen Stammtische unserer Zeit gemausert.

Dieses Private ist, wie zu vermuten war, keineswegs ein einheitliches. Wer dem Volk aufs Maul schaut, muss viele Münder stopfen. Die hungrigen, die nimmersatten, die vorlauten, die hinterfotzigen – wer immer nach des Volkes Stimme giert, wird einen Chor vorfinden, den es zu befriedigen gilt. Wir sprechen unentwegt von Populisten, ohne darauf hinzuweisen, dass es geradezu ein Merkmal der Moderne ist, nicht mehr zwischen Volk und Herren zu unterscheiden.

Wer dem Volk aufs Maul schaut, muss viele Münder stopfen.

Ob NATO-Geheimarmeen, Putins willige Vollstrecker, geisteskranke Islamisten oder notgeile Lehrpläne – überall wittern wir Verrat. Vielleicht ist das der rote Faden unserer Zeit: Wir sind eingekreist vom Feind und schießen in alle Richtungen. Am Ende aber stehen wir ziemlich alleine da. Und das ist auch so ein Merkmal unserer Zeit, politisch wie privat.

Was ist es, das uns derzeit so entzweit, so hysterisch macht, so unzufrieden? Ist der Syrienkonflikt wirklich bedrohlicher als der Kalte Krieg? Sind Flüchtlinge aus dem Nahen Osten politisch schwerer zu ertragen als Besatzungsmächte mit Atomwaffen? Oder ist es vielmehr das Wissen darum, dass wir arbeiten können, soviel wir wollen, ohne dass es sich wirklich lohnt, dass wir glauben können, woran wir wollen, ohne dass wir wirklich Bescheid wissen, und dass wir lieben können, wen wir wollen, ohne sicher zu sein, im Alter (und nicht erst dann) nicht alleine dazustehen?

Wir, wer immer das ist, tappen im Dunkeln der Geschichte und suchen nach dem Lichtschalter. Wenn Du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Was uns Rilke nicht mehr sagt, erklärt uns nun Bushido: Und dieses Lichtlein sorgt dafür, dass du es schaffst, wieder aufzustehen, egal wie du verkackst, egal wie groß das Leid oder dieser Schmerz doch ist, das Leben ist zu kurz, hör auf mich! Für zartere Gemüter hat unsere Gesellschaft Organe wie die Zeitschrift Happinez parat, jedem Tierchen sein Pläsierchen oder eben seinen Hoffnungsstreif.

Die Hoffnungsindustrie aber verschweigt, dass sie die Angst nicht lindern kann, von der sie lebt. Weder Eckhart Tolle noch der IS haben die Antwort parat, nach der wir uns sehnen, der eine mehr, der andere weniger bewusst: Wie zum Teufel sollen wir leben? Nach welchen Kriterien sollen wir handeln, nach welchen Zielen sollen wir greifen? Wir sind satt und bleiben zugleich dauerhaft hungrig. Das Loch, das sich in unserem Inneren aufgetan hat, frisst sich langsam an die Oberfläche durch.

Weder Eckhart Tolle noch der IS haben die Antwort parat, nach der wir uns sehnen: Wie zum Teufel sollen wir leben?

Vielleicht ist es das Schicksal reifer Gesellschaften, auf einmal den Überblick zu verlieren. Immer wieder ist von einfachen Antworten die Rede, auf die wir nicht hören sollen. In der Praxis aber ist es nunmal nicht einfach, zur gleichen Zeit links und rechts abzubiegen und gleichzeitig das Fahrzeug, das Ziel und unsere Beifahrer in Frage zu stellen. In der indischen Mythologie füllt der Dialog des Wagenlenkers mit dem Helden ein ganzes Epos über den Sinn des Lebens. Wir aber haben Krishna durch TomTom ersetzt und tasten uns von „Bitte wenden!“ zu „Bitte wenden!“

Der griechische Dichter Konstantinos Kavafis, dessen historische Gedichte bereits den Keim der Moderne in sich tragen und nicht umsonst als Wendepunkt der Literaturgeschichte gelten, schildert 1904 die reife Gesellschaft am Beispiel einer Stadt, die sich für den Barbarensturm bereit macht. Am Ende seines bissigen Textes über selbstverliebte Eliten, die sich schon für die neuen Herren in Stellung bringen, heißt es:

„Warum jetzt plötzlich diese Unruhe und Verwirrung? Warum leeren sich die Straßen und Plätze so schnell und warum gehen alle so nachdenklich nach Hause? – Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenze gekommen und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren. – Und nun, was sollen wir ohne die Barbaren tun? Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.“

Kavafis seziert die Untergangsstimmung, die sich am Ende der Antike breitgemacht hat, und nimmt sie humorvoll aufs Korn. Die Ablehnung von wirksamen Reformen, die er auch an anderer Stelle moniert, geht für ihn Hand in Hand mit einem Fatalismus, der den Untergang wie einen Ausweg zelebriert. Der Antagonismus aus Establishment und Barbaren liest sich wie ein Vorgriff auf die Erzählung unserer Zeit: Alternder Westen gegen junge Wilde aus der Dritten Welt.

Der Antagonismus aus Establishment und Barbaren liest sich wie ein Vorgriff auf die Erzählung unserer Zeit.

Die Angst vor den „Barbaren“ wird uns so lange in Atem halten, wie es uns nicht gelingt, unsere Stadt auf Vordermann zu bringen. Die jungen Wilden stammen nicht von einem fremden Stern, sondern aus der direkten Nachbarschaft. Sie konfrontieren uns nicht mit exotischen Göttern, sondern mit unseren eigenen Schatten und Widersprüchen. Ihr Anderssein ist eben deshalb so bedrohlich, da es uns bekannt vorkommt. Statt sie abzuwehren oder uns ihnen zu ergeben, schlage ich vor, wir versuchen mal wirklich etwas Neues – und suchen ab jetzt zu zweit.

Lesen Sie keine Ratgeber und führen Sie keinen heiligen Krieg. Lassen Sie sich nicht verwirren und vor allem nicht entmündigen. Suchen Sie sich Gleichgesinnte und lachen Sie mit ihnen über Ihre Glaubenssätze. Vor allem aber: Haben Sie keine Angst. Weder vor Barbaren, noch vor Altersarmut noch vor Ihren eigenen Entscheidungen. Profitieren Sie nach Herzenslust von den Widersprüchen der Geschicht’ und pfeifen Sie auf deren Moral.

Zur Belohnung winkt irgendwann einmal, in einer fernen Zukunft, eine gute alte Zeit – die einzige, die wir selbst in der Hand haben.

 

Bild: Radosław Drożdżewski

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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