Seit dem 11. Februar befindet sich nicht nur Berlin im Ausnahmezustand. Auch mein Leben hat sich strikt nach den Zeitplänen der 66. Berliner Filmfestspiele ausgerichtet. Noch bis zum 21. Februar finden in der deutschen Hauptstadt zahlreiche Screenings mit hochkarätigen Gästen aus aller Welt statt, bevor die Jury um Meryl Streep die begehrten Bären verleihen wird.

Die Filme, die die Berlinale 2016 für mich bislang sehenswert gemacht haben, lassen sich grob in drei Kategorien einordnen:

Zur ersten Kategorie gehören Dokumentarfilme entweder politischer Natur oder solche, die sich mit Natur, Tanz oder der Verfilmung einer herausragenden Persönlichkeit beschäftigen.

Bei den politischen Dokus sticht Fuocoammare – Fire at Sea für mich heraus. Es geht um die Tausende von Flüchtlingen, die täglich auf Lampedusa ankommen, ausgehungert, dehydriert, am Ende ihrer Kräfte; viele überleben die Strapazen nicht. Neben deren Schicksal wird auf sehr poetische Weise das friedliche und unbeschwerte Leben eines etwa 9 jährigen Jungen gezeigt, der auf der Insel ganz mit der Natur verbunden lebt. Die Verbindung zwischen diesen beiden Teilen des Films ist die Leidenschaft für das Leben, die sowohl den Jungen als auch die Flüchtlinge verbindet, wobei Letztere das Risiko ihrer Liebe zum Leben so manches Mal mit dem Tode bezahlen.

Ein weiterer politischer Dokumentarfilm – als Spielfilm inszeniert – ist Soy Nero, in dem es um den Traum von Mexikanern geht, US-Staatsbürger zu werden, auch wenn sie sich dafür freiwillig zum Militärdienst melden müssen, um die green card zu bekommen. Der Regisseur Rafi Pitts findet starke Bilder für die grausame Behandlung der Mexikaner und Schwarzen durch die US-Polizei, für die Trostlosigkeit des Militärdienstes im Nirgendwo einer Wüstenlandschaft im Mittleren Osten.

Als weitere herausragende Doku wäre noch ein anderer Film zu nennen, der von der Leidenschaft fürs Tanzen handelt. Dieser Film mit dem Titel Ein letzter Tango von German Karl läuft ab 4.4.2016 im Kino an.

Um eine andere Leidenschaft geht es in A Quiet Passion, der Verfilmung des Lebens der 1803 geborenen amerikanischen Dichterin Emily Dickinson, die sehr menschenscheu war und ihre schriftstellerische Leidenschaft in der Poesie ausgelebt hat. Ebenso bemerkenswert fand ich eine Dokumentation über den Künstler Mapplethorpe (Mapplethorpe: Look at the pictures), auch ein Besessener, der zur Erreichung seines Lebenszieles, nämlich berühmt zu werden, alle Menschen nach strategischen Gesichtspunkten ausgesucht hat: Sie mussten entweder berühmt sein, Geld oder einen schönen Körper haben.

Zur zweiten Kategorie gehören Filme, die Beziehungen psychologisch auf einer sehr authentischen Realitätsebene beleuchten. Dazu gehören für mich L‘ Avenir von Mia Hansen-Love, Kater von Klaus Händl und Kollektivet von Thomas Winterberg. Nicht ein einziges Hollywood Happy Ending wird gezeigt; stattdessen mäandern die Filme an der Wirklichkeit entlang mit all ihren Höhen und Tiefen, Hoffnungen, Enttäuschungen, Veränderungen und schließlich dem Suchen nach neuen, lebbaren Wegen.

Zu der dritten Kategorie von Filmen, die ich gesehen und genossen habe, gehören z. B. Remainder von Omer Fast, While the Women are sleeping von Wayne Wang, in denen auf mehreren Ebenen für die Protagonisten und manchmal auch für den Zuschauer Traum und Wirklichkeit verschmelzen, manchmal auch nicht mehr unterscheidbar sind.

Insgesamt ein Festival mit viel Poesie auf der einen und harter Wirklichkeit auf der anderen Seite.

 

Bild: Solar icon – Flickr

Written by Harriet Schlosshauer

Die in Siebenbürgen aufgewachsene Künstlerin studierte Geschichte und Anglistik in München und London. Sie lernte u.a. bei Prof. Hans Taucher. Ihre Werke sind seit 1998 in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Für seinsart schreibt die passionierte Cineastin über Film.

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