Joachim Gaucks Beliebtheitswerte sind fantastisch – zumindest, was die Leser*innen der BILD AM SONNTAG angeht: 63% stimmten bei einer von dem Springer-Blatt in Auftrag gegebenen Umfrage für eine zweite Amtszeit des gegenwärtigen Bundespräsidenten. „Hohe Zustimmung“, „deutliche Zustimmung“ , „Zufriedenheit“ und „große Mehrheit“ waren auch in den vorangegangenen Jahren regelmäßig wiederkehrende Überschriften, wenn es um das Ansehen des ehemaligen Pastors und Stasiaufklärers ging. Der Herausgeber der ZEIT sprach sogar von einem „idealen Präsidial-Kandidaten“ – ganz im Gegensatz zu den USA.

Heute hat der 76jährige bekannt gegeben, im Februar nächsten Jahres nicht für eine Wiederwahl zur Verfügung zu stehen. Aus „Gauck again“ (DIE ZEIT) ist „no more Gauck“ geworden. Dabei war Gaucks Aufstieg ins höchste Amt des Landes durchaus holprig und gleich mehreren Zufällen geschuldet. Als Zählkandidat der SPD gegen die Mehrheit ins Spiel gebracht, verlor er in der Bundesversammlung von 2010 erwartungsgemäß gegen den konservativen Kandidaten Christian Wulff. Nach dessen tragischer Selbst- und Mediendemontage im Herbst 2011 und Winter 2012 wurde „der bessere Präsident“ (DER SPIEGEL) am 18. März 2012 doch noch Staatsoberhaupt – durch Überrumpelung der Kanzlerin durch den Koalitionspartner FDP.

Gauck vordringliches Thema war nicht die Freiheit,
sondern seine Dankbarkeit für die BRD.

Gaucks Beliebtheit im Volk gleicht der geschwundenen Sympathie für jene Kanzlerin, die ihn am Ende nicht verhindern konnte und zuletzt doch sehr zu schätzen wusste: Nicht seine Taten, seine Haltung, seine mutigen Worte und Entscheidungen sind es, die ihn in den vergangenen fünf Jahren so beliebt werden ließen. Es ist vielmehr die Abwesenheit von großen Gesten, Glamour und Pathos, die ihn im Volk der Harmoniesüchtigen zu einem geeigneten Bundesvater aufsteigen ließen. Dieser Mann blamiert uns nicht, er fordert uns nicht, er hinterfragt uns nicht. Gaucks Haltung der BRD gegenüber war von vornherein nicht von Systemkritik geprägt sondern von der Freude, endlich zum „besseren Deutschland“ dazuzugehören. Diese spürbare Dankbarkeit als vordringliche Eigenschaft gab ihm sein Volk tausendfach zurück.

Man muss nicht tief graben, um Gauck als einen Mann zu überführen, der trotz seiner Einstellungen und nicht wegen ihnen so beliebt geworden ist. In einem Land, in dem weder die gegenwärtige Wirtschaftsordnung noch das Militär besonders angesehen ist, verkündete er Sätze wie: Die „Antikapitalismusdebatte ist unsäglich albern.“ oder „In diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen.“ Gauck ist vielleicht deshalb der „ideale Präsident“ gewesen, weil er dem Amt jene bräsige Altväterlichkeit zurückgab, die ihm seine Vorgänger im Eifer politischer oder gesellschaftlicher Reformfreude versagten. Der „bessere Präsident“ aber ist er nie geworden.

Bild: Metropolico.org

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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