Arbeit ist eine gigantische Erfolgsstory in der Menschheitsgeschichte. Sie hat uns Wohlstand und Fortschritt gebracht. Zugleich hat sie sich selbst über die Jahrtausende weiterentwickelt. Von der körperlichen Maloche über entfremdete Industriearbeit bis hin zu den „Wissensarbeitern“ von heute.

Auch heute ist Arbeit immer noch ein zentraler Wert, der nicht nur unser Leben sondern auch die Gesellschaft zusammenhält. Noch nie war sie so gut wie heute und doch scheint es, als wäre sie schlimmer und trostloser denn je.

 

„Liebe deine Familie, deine Freunde und das Leben: aber nie deinen Job“

So haben auch vor ein paar Wochen die Ratschläge des Fischer-Appelt-Chefs Frank Berendt, wie man locker durchs Berufsleben kommt, für ziemliches Aufsehen gesorgt. Aussagen wie „Liebe deine Familie, deine Freunde, dich selbst und das Leben. Aber nie deinen Job“ treiben nicht nur den Wirtschaftsbossen den Schweiß auf die Stirn, sondern treffen auch tief unsere geschundenen Arbeitsseelen.

Denn sie entfachen in uns eine Sehnsucht nach Normalität und Selbstverständlichkeit, die im Berufsleben offensichtlich zunehmend verloren geht. „Ich liebe Menschen und keinen Job“, so der Standpunkt des Thesenvaters Berendt. Deswegen brauche es für ihn auch „Distanz zwischen der Arbeit und dem engsten Umfeld.“ Ganz anders hört es sich dagegen an, wenn Managementvordenker Anja Förster und Peter Kreuz die Bühne betreten. „Hört auf zu arbeiten!“ schreiben sie in ihrem gleichnamigen Buch und meinen damit nicht, dass wir uns alle ab sofort in die Hängematte legen sollen, sondern dass wir uns unsere Arbeit als Teil unserer Identität zurückerobern sollen.

So plausibel diese Ansichten auf den ersten Blick erscheinen, so problematisch können sie auch sein. Denn im Management und besonders in der einschlägigen Literatur gibt es Dogmen, die umso hartnäckiger und emotionaler vertreten werden, je falscher sie sind.

 

Hegel und Smith bei der Arbeit

Heftige Diskussionen um die Arbeit und ihren Sinn werden allerdings nicht erst seit den aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und dem Bestehen der so genannten Leistungsgesellschaft geführt. Im Gegenteil: Sie haben eine lange Tradition und reichen bis vor Christi Geburt zurück. Schon Aristoteles, einer der bekanntesten und einflussreichsten Philosophen, haderte mit der Arbeit und setzte sie erstmal in Gegensatz zur Freiheit.

Während dann im Mittelalter und während der Reformation in Europa meist theologische Debatten über die Arbeit geführt wurden, erklärten die deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts die Arbeit zur sittlichen Pflicht und Existenzbedingung des menschlichen Daseins: Hegel sah die berufliche Tätigkeit des Menschen als wesentlichen Aspekt seiner Identität und Freiheit, während der Urvater der Ökonomie Adam Smith den Beruf als einen modernen Tauschhandel bezeichnete: Für ihn verkauft der Mensch seine Arbeitskraft an das beste Angebot.

Auch wenn Smiths zentrale Botschaft umstritten ist, prägt sie bis heute unser Verhältnis zur Arbeit. Deswegen glauben wir auch im tiefsten Inneren immer noch: Wer funktioniert, effizient ist und Erfolg hat, wird mit Sicherheit belohnt.

 

Alles ist im Wandel

Nun sind seitdem viele hundert Jahre vergangen. Ständiger Wandel begleitet unser Leben und prägt unser Handeln. Das gilt auch für Veränderungen in der Wirtschaft. Und diese bewegt sich gerade mit wachsender Geschwindigkeit durch den am tiefsten greifenden Wandel seit der industriellen Revolution. Die Globalisierung reißt alle Grenzen ein. Das Tempo der Entwicklungen verwandelt Unternehmen und die Menschen, die ihn ihnen arbeiten, rasant.

Wäre ihr Job eine Ehe, hätten 25 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland vermutlich schon die Scheidung eingereicht.

Neue Technologien machen die Trennung zwischen Arbeitszeit und Privatleben fast unmöglich. Stattdessen werden die Innovations- und Entwicklungszyklen immer kürzer und der Druck auf die, die mit diesen Entwicklungen umgehen, immer größer. Freundschaften und Ehen zerbrechen, Körper und Geist verkümmern. Vielversprechende Karrieren können über Nacht genauso enden wie seit Jahren fest beschrittene, scheinbar sichere berufliche Pfade. Und was uns darüber verloren geht, ist die Überzeugung, das Richtige zu tun – und die Liebe zu unserer Arbeit.

 

Muss Arbeit wirklich Spaß machen?

Wäre ihr Job eine Ehe, hätten ungefähr 25 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland vermutlich schon längst die Scheidung eingereicht. Denn laut einer Gallup Studie aus dem Jahr 2013 haben insgesamt 84 Prozent der Beschäftigten entweder „innerlich gekündigt“ oder machen nur „Dienst nach Vorschrift.“ Für andere wiederum – und passend zur Haltung einer wachstumsfixierten Ökonomie – ist „die Arbeit momentan das Wichtigste in ihrem Leben.“ Das sagen 54 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen in einer repräsentativen Umfrage des Gewis-Instituts.

Es ist also gar nicht so einfach mit dem Job: Einerseits macht er uns das Leben schwer, weil wir ihn oft als Zumutung empfinden. Trotz stetig sinkender Arbeitszeit nimmt er zuviel Raum ein und bestimmt unser Leben. Und dies auf Kosten all jener Werte, die sich nur jenseits der Arbeit verwirklichen lassen, in Familie und Freizeit. Andererseits sind unsere Ansprüche gestiegen und wir müssen arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen und unseren Wohlstand zu sichern.

Und während wir noch dabei sind, eine ganze Armada von Motivationstrainern und Coaches zu beschäftigten, um unseren Arbeitsalltag irgendwie erträglich zu machen, kommt Herr Appelt mit seinen lockeren Thesen daher, die unser zutiefst widersprüchliches Verhältnis zur Arbeit gründlich auf den Kopf stellen.

Die zentrale gesellschaftliche Herausforderung ist,
Arbeit nicht zu zerreden, sondern zu verändern.

Denn die Maxime, dass Arbeit Freude machen muss oder wir sie sogar lieben sollten, ist inzwischen zu einer dominierenden Vorstellung in der Arbeitswelt geworden. Es findet sich in fast allen einschlägigen Publikationen und ist regelmäßiges Ergebnis von wissenschaftlichen Umfragen. Dieser Anspruch setzt alle Beteiligten gewaltig unter Druck, denn er wird in der Regel nicht als Wunsch oder Ideal sondern als Forderung formuliert.

So erleichtert es doch ungemein, wenn Managementexperte Prof. Dr. Fredmund Malik in seinem Buch „Führen, Leisten, Leben“ schreibt, dass kein Job immer nur Spaß machen kann und dass jede Arbeit Elemente aufweist, die nie und niemandem Freude machen können. Selbst jene Tätigkeiten, von denen die meisten Leute glaubten, dass sie zu den spannenden, idealen und faszinierenden Berufen gehören, hätten ihre langweiligen Seiten, wodurch mit der Zeit ein erhebliches Maß an Routine und Mühsal entstehe.

Auch jene Jobs müssten getan werden, die nicht nur beschwerliche Elemente aufweisen, sondern auch als Ganzes weder Freude noch Spaß machen können. So werden auch in Zukunft Toiletten zu putzen, Mülltonnen zu leeren oder zahlreiche Hilfsarbeiten zu verrichten sein, die selbst jenen Leuten keinen Spaß machen, die auch mit niedrigsten Maßstäben zufrieden sind. Was sollen diese also mit der Maxime anfangen, dass Arbeit Freude machen oder man sie gar lieben soll?

 

Kein Unternehmen ist eine Spaßproduktionsmaschine

Nun ist es also klar: Kein Wirtschaftsunternehmen auf der Welt ist eine Spaßproduktionsmaschine und kein Job kann immer nur Freude machen. Dennoch identifizieren sich die Menschen mit ihrem Beruf und das Arbeitsleben formt einen wesentlichen Teil ihrer Identität. Den Ausweg, so Malik, schafft nur, „wer den Mut zu einem neuen Realismus hat und die Dinge beim Namen nennt“ – anstatt auf halbem Wege zwischen Sinn und Unsinn stecken zu bleiben.

Keine Frage: Arbeit kann unglücklich machen. Sie kann unangenehm, sinnlos entfremdet, und ja: sie kann auch schlecht sein. Aber unglücklich kann man auch aus anderen Gründen sein. Und am unglücklichsten sind meist jene, die überhaupt keine Arbeit haben.

Die zentrale gesellschaftliche Herauforderung ist, Arbeit nicht zu zerreden, sondern zu verändern. Gerade in den Zeiten, in denen Finanz- und Wirtschaftsmärkte weltweit für Verunsicherung sorgen, liegt die Verantwortung für gute Arbeit nicht nur in der Wirtschaft und Politik sondern auch in uns selbst.

Wer ohne Not oder aus Bequemlichkeit in einem schlechten Job bleibt und seine Arbeit lediglich als Mittel zum Zweck betrachtet, der verschwendet einen wesentlichen Teil seiner Lebenszeit. Wir sehnen uns alle nach mehr flexibler und selbstbestimmter Zeit. Wahre Selbstbestimmung bedeutet nicht über noch mehr freie Zeit zu verfügen, sondern darüber zu entscheiden, welche Arbeit zu einem passt. Es ist höchste Zeit, die vertrauten, scheinbar normalen Pfade zu verlassen und sich den Herausforderungen einer neuen Arbeitskultur zu stellen.

Die Gesellschaft braucht nicht weniger, sondern mehr sinnvolle und gute Arbeit, die unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht und den Arbeitstag besser gestaltet.

 

Gute Arbeit motiviert, indem sie Werte vermittelt

Die beste Arbeit ist die, die unsere Stärken unterstützt und unserem Wesen entspricht. Sie motiviert uns, indem sie Werte und Sinn vermittelt. Die Verantwortung dafür liegt in uns selbst. Wenn wir bereit sind, die Dinge selbst in die Hand nehmen und unseren eigenen Beitrag leisten, können wir den größten Fortschritt erzielen und uns umso mehr freuen, wenn Arbeit und Freude dann doch einmal zusammenfallen.

 

Bild: skeeze

Written by Birgitta Wallmann

Birgitta Wallmann ist selbstständige Rechtsanwältin und Journalistin. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirschaftslehre in Mainz rief sie das Schreiben, weshalb sie sich bis 2014 an der Freien Journalistenschule Berlin ausbilden ließ.

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