Amokläufe, Anschläge, Putschversuche. Wer in den letzten Jahren unter dem viel beschworenen Sommerloch gelitten hat, kommt diesen Juli auf blutige Art und Weise voll auf seine Kosten. Die Nachrichten gebaren sich wie Statusmeldungen aus einem Tollhaus. Verarbeitung? Fehlanzeige. Kaum sind die ersten Toten von Nizza registriert, knallt es schon in München, Franken und der Türkei. Was ist geschehen? Was ist los? Ein kollektiver Wahnsinn, der die Endzeitpropheten politischer wie religiöser Couleur in ihrem Schwarzfernsehen stützt?

Die Diagnose einer zusammenbrechenden Ordnung, einer aus den Fugen geratenen Zeit spielt nur den Extremisten in die Hände. Sie entstammt einem linearen, apokalyptischen Weltbild, das mit goldenen Zeiten und übermenschlichen Rettern argumentiert. Irgendwann, so suggeriert es, war alles einmal gut. Oder aber: Irgendwann wird alles einmal gut sein. Dieses zutiefst kindliche und leider gar nicht realistische Bild der Welt ist theoretisch leicht zu entlarven. Gefühlt aber bildet es die Grundlage für unsere Lesart der Gegenwart, von hysterischen Medien und Personen des öffentlichen Interesses eifrig kolportiert.

Zunächst die gute Nachricht: Nein, wir leben nicht in einer Endzeit. Nein, weder die Welt noch Europa noch der Weiße Mann steht vor dem Untergang. Ich habe ein schönes Beispiel für die Subjektivität gefühlter Sicherheit: Viele Menschen, die heute die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts glorifizieren, vergessen völlig, wie dramatisch und konkret die Existenz des menschlichen Lebens in dieser „übersichtlichen“ Zeit des Kalten Kriegs immer wieder bedroht worden ist. Atomkriege waren damals realistischere Zukunftsszenerien als heute eine Machtübernahme des politischen Islams, autoritäres Regime in der EU oder eine endlose Welle psychisch motivierter Gewalt.

Vielleicht ist es an der Zeit sich einzugestehen, dass das lineare Weltbild ebenso auf den Müllberg der Geschichte gehört wie das geozentrische. Es wird Zeit für eine neue Kopernikanische Wende – diesmal in Richtung historischer Realismus. Philosophisch hat die Teleologie (der Glaube an ein Ziel der Geschichte) längst ausgedient – in unserem persönlichen Erleben aber wird sie wach gehalten. Am Anfang einer jeden Coachingstory steht der arme, hässliche und einsame Mensch – Reichtum, Schönheit und Liebe sind letztlich das Ergebnis eines richtigen Verhaltens. Dieser Entwicklungsgedanke ist so tief in uns verankert, dass wir ihn längst auch politisch und gesellschaftlich verinnerlicht haben.

Entwicklung, so wie sie heute von uns definiert wird, folgt einem unsichtbaren Ariadnefaden raus aus dem Labyrinth der blutigen Geschichte und rein in eine geschichtslos gute Welt voller Chancen und Gerechtigkeit. Wir sind Märchengläubige geblieben, lange nach der Aufklärung und dem Scheitern der deutschen Romantik. Deswegen tauchen überall am Horizont die Bösewichter wieder auf – und wir alle bleiben das Rotkäppchen, voller Angst vor einem Wald, der – je nach Geisteshaltung und Club – vor Feministen oder Kopftuchfrauen, Päderasten oder Ehrenmörder, Bilderberger oder Antisemiten zu bersten scheint.

Ich sage: Stop! Wenn wir nicht endlich aus unserem Disney-Traum erwachen, bleiben wir nicht nur die Gehetzten jener Geister, die wir unentwegt rufen – unsere Einflussnahme auf die Welt, wie sie nun mal ist, wird von Trauma zu Trauma, von Enttäuschung zu Enttäuschung, von Empörung zu Empörung geringer. Kein Amokläufer, kein Autokrat ist ein Hinweis auf den Untergang der Welt – sondern eine unüberhörbare Aufforderung, die Zukunft dieser Welt weiter mitzugestalten. Kultur ist stets ein Wettbewerb der Ideen – wer sich diesem aus Trotz oder Enttäuschung verweigert oder ihn mit Gewalt für sich zu entscheiden versucht, hat historisch betrachtet keine Chance.

Unsere Welt ist ein guter Ort für Apokalyptiker; nicht zuletzt deshalb, weil die Apokalypse am Ende doch nie eingetreten ist.

 

Bild: Comfreak

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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